Spengler: Angesichts der Bilder lachender befreiter irakischer Kinder: Haben sich nicht viele von uns geirrt, als sie vor diesem Krieg gewarnt haben?
Todenhöfer: Nein, die Kinder im Irak haben immer gelacht, auch in der schlimmsten Notzeit, auch wenn sie nichts zu essen hatten. Aber diesen Krieg können Sie ja nicht danach beurteilen, ob auf den Straßen Kinder lachen, die einen Fotoapparat sehen oder eine Fernsehkamera. Da lachen nämlich arabische Kinder und irakische Kinder immer. Sie müssen sich eher die Frage stellen: War dieser Krieg völkerrechtsmäßig? Er war es nicht, er war völkerrechtswidrig.
Spengler: Aber war der Krieg nicht auch eine Befreiung?
Todenhöfer: Wenn Sie nach den positiven Seiten fragen, ist das Positivste natürlich, dass dieses Land von einem schrecklichen Diktator befreit worden ist. Das ist unstreitig eine sehr positive Sache, und zweitens, dass es jetzt durch die Aufhebung der Sanktionen, die irgendwann kommen wird, in ein paar Jahren wieder einen mittleren Wohlstand erreichen kann. Das ändert aber nichts daran, dass dieser Krieg völkerrechtswidrig war. Das ist ein gefährlicher Präzedenzfall. Es könnten nämlich andere Länder auf die Idee kommen, ihre Nachbarn auch zu überfallen. Dass dieser Krieg kontraproduktiv war, denn er wird mittelfristig, gerade weil er eine Demütigung des Iraks und der arabischen Welt war, den Terrorismus massiv fördern. Er war unmoralisch, weil er zahllose Zivilpersonen getötet hat. Wenn Sie sagen, dass Menschen lachen, dann muss ich Ihnen empfehlen, einmal in die Krankenhäuser von Bagdad, Mosul oder Basra zu gehen und die schwerverletzten Kinder, die dort liegen, zu fragen, ob sie diesen Krieg wirklich als Befreiung empfinden. Ich würde all denen, die ganz leicht über das Leid dieser Menschen hinweg gehen, empfehlen, einmal mit den Müttern der jungen Wehrpflichtigen zu sprechen. Ein britischer Offizier hat geschätzt, dass etwa 30.000 junge irakische Soldaten getötet worden sind. Ich würde mal empfehlen, mit den Müttern dieser Soldaten zu sprechen und sie zu fragen, ob sie sich wirklich befreit vorkommen und ob sie diesen Krieg wollten.
Spengler: Leichthin wird keiner über solche Bilder aus den Krankenhäusern hinweg gehen, aber kann man Politik einfach mit Moral gleichsetzen, wie Sie das doch zu tun scheinen?
Todenhöfer: Ich bin kein sehr moralischer Mensch, und meine Freunde würden herzlich lachen, wenn Sie hören würden, dass Sie mich als moralische Instanz bezeichnen, aber es gibt ein paar moralische Mindeststandards, und einer davon ist, dass wir nicht das Recht haben, unschuldige Zivilpersonen zu töten. Das macht eben gerade unsere Kultur aus, und das ist übrigens auch das Christliche, dass die Würde jedes Einzelnen unantastbar ist, und dass auch die Würde eines muslimischen Kindes oder eines jungen muslimischen Teenagers, den man kurzfristig in eine Uniform gesteckt hat, unantastbar ist. Das ist so unendlich wichtig. Ich glaube, viele westliche Politiker und Journalisten würden anders reden, wenn es nicht muslimische Kinder und muslimische Teenager wären, die da gestorben sind, sondern wenn westliche Kinder, amerikanische Kinder, zum Beispiel die Kinder des amerikanischen Präsidenten dort in Bagdad gelebt hätten und jetzt schwerverletzt in den Krankenhäusern lägen. Dann würde man nicht von unvermeidbaren Kollateralschäden sprechen, sondern würde sagen, das war eine ganz schreckliche Sache, die nicht akzeptabel ist.
Spengler: Sie halten nach wie vor diesen Krieg nicht für akzeptabel, auch wenn, wie zum Beispiel Hans-Magnus Enzensberger gemeint hat, die Sanktionen möglicherweise viel schlimmere Folgen als dieser Krieg hatten.
Todenhöfer: Das ist ja ein besonders zynisches Argument, das Enzensberger da bringt. Die Sanktionen sind ja von den westlichen Mächten, vor allem von den USA und von Großbritannien erzwungen worden, und wir haben nach UNICEF-Schätzungen mit diesen Sanktionen anderthalb Millionen Menschen im Irak getötet, davon wiederum nach UNICEF 550.000 Kinder. Da kann man doch nicht sagen, jetzt sind endlich die Sanktionen vorüber, die sie ja selber über dieses Land verhängt haben. Ich schließe mich da eher Habermas an, der, wie ich finde, mit großem Ernst und großer Autorität nachgewiesen hat, dass durch diesen Krieg eben nicht nur im Irak viel zerstört worden ist, sondern dass auch im Westen viel zerstört worden ist, nämlich unsere Glaubwürdigkeit, unsere Autorität, und das, was die westliche Kultur ausmacht: dass wir Respekt haben vor dem einzelnen Menschenleben, vor der Würde jedes einzelnen Menschenlebens.
Spengler: Sie glauben also nicht an die Bilder, die man jetzt aus dem Irak sehen kann? Dass das jetzt doch eine Befreiung ist, und dass es jetzt erst wieder ein Perspektive für das irakische Volk gibt ohne Saddam Hussein?
Todenhöfer: Ich wiederhole noch einmal, dass ich Saddam für einen besonders widerlichen Diktator halte, aber Krieg ist kein Mittel zur Ersetzung von Regimen. Das ist im Völkerrecht nicht vorgesehen, und das ist Gott sei Dank nicht vorgesehen.
Spengler: Aber ist Politik nicht immer die Pflicht, zwischen zwei schlechten Möglichkeiten zu wählen und die weniger schlechte Möglichkeit schließlich auszuwählen?
Todenhöfer: Das stimmt, und es stimmt wieder nicht. Es stimmt insofern, als Sie das geringere Übel auswählen müssen. Aber Sie haben nicht das Recht, Menschenleben gegen Menschenleben aufzuwägen. Hier gab es eine friedliche Perspektive. Es gab die Möglichkeit, Saddam Hussein durch Waffeninspektionen, wenn er denn Massenvernichtungswaffen hatte, zu entwaffnen, und es gab eben die Möglichkeit, weil dieses Regime am Abgrund stand, durch Verhandlungen sehr viel zu erreichen. So zum Beispiel auch Garantien für die Kurden, bei einer Art Konferenz für vertrauensbildende Maßnahmen, die dem Irak die Möglichkeit einer aggressiven Politik genommen hätte, und die wahrscheinlich auch das Ende, das politische Ende, von Saddam Hussein bedeutet hätte.
Spengler: Das heißt, Sie glauben tatsächlich, dass er sich friedlich hätte entwaffnen lassen und friedlich möglicherweise abgedankt hätte?
Todenhöfer: Abgedankt sicher nicht, aber er war doch dabei, sich entwaffnen zu lassen. Er hat doch seine Paläste untersuchen lassen. Er hat doch die Al-Samud-2-Raketen abbauen lassen. Er hat doch am Schluss - sehr, sehr spät - alles akzeptiert. Wir haben auf der Welt sicher noch einmal zwanzig bis dreißig ähnlich widerliche Diktatoren, und einige sind ganz enge Verbündete des Westens. Sie sind in der Anti-Terror-Koalition, ich nenne zum Beispiel Turkmenistan, Kirgisien. Sollen wir die jetzt alle bombardieren, damit anschließend auf den Straßen Menschen jubeln und wir dann die Menschen, die in den Krankenhäusern liegen oder die irgendwo im Wüstensand verscharrt sind, vergessen werden? Das kann doch nicht Politik sein.
Spengler: Danke schön. Das war der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen Todenhöfer, heute Medienmanager und Autor des Bestsellers "Wer weint schon um Abdul und Tanaya?"
Link: Interview als RealAudio
