Mittwoch, 01. Februar 2023

Johannes Groschupf: „Die Stunde der Hyänen“
Kriminalistische Treibjad

Ein Thriller aus Berlin, eine Krimigeschichte mit brennenden Luxusautos im gentrifizierten Bezirk Kreuzberg. Nach seinen erfolgreichen Büchern „Berlin Prepper“ und „Berlin Heat“ hat Johannes Groschupf jetzt „Die Stunde der Hyäne“ geschrieben.

Von Jan Drees | 28.11.2022

Johannes Groschupf: "Die Stunde der Hyänen"
Zu sehen sind der Autor und das Buchcover
Hyänen "sind die schlimmsten Raubtiere überhaupt. Sie töten ihre Beute nicht einfach, sondern fressen sie in vollem Lauf von hinten auf" - Johannes Groschupfs Ermittlungen im Berliner Großstadt-Dschungel (Buchcover: Suhrkamp Verlag / Mike Auerbach / Suhrkamp Verlag)
Radek Malarczyk geht es schlecht. Der polnische LKW-Fahrer ist unter dem brutalen Termindruck seines Jobs zum Alkoholiker geworden, hat wodkatrunken einen tödlichen Unfall verursacht und sich danach aus dem Arbeitsleben verabschiedet. Nun vegetiert er am Ufer des Landwehrkanals zwischen Kreuzberg und Treptow dahin, haust in einem alten VW Bulli und träumt nachts von seinen ersten Monaten in Berlin, Anfang der Achtzigerjahre, als der Winter eisig und die Verkaufsmöglichkeiten für einen Mann wie ihn lukrativ waren auf dem Polenmarkt am Potsdamer Platz.
„Jäh endete der Traum, Radek war plötzlich wach, lag wieder in seinem stinkenden Bulli, riss die Augen auf, rang nach Luft, der Wagen war voller Rauch, jeder Atemzug bitter. Irgendwo brannte es, er konnte nicht sehen, wo das Feuer war, doch er spürte die wabernde Hitze. In Panik schlug er um sich, um aus dem engen Schlafsack herauszukommen, die Flaschen klirrten zu seinen Füßen, der restliche Wodka lief aus.“
Lichterloh brennt Radeks Unterkunft – und schwer verletzt stürzt der Treber aus seinem Wagen. 20 Meter weiter erkennt er einen jungen Kerl, offensichtlich ist es der Brandstifter, der verzückt in die Feuerhölle blickt und seiner Erregung auf unbotmäßige Weise Erleichterung verschafft. Hölle ist hier keine Floskel. Sie trifft das unheimliche Sujet dieses Krimis, der nur auf der ersten Ebene von Brandanschlägen, auf der zweiten jedoch von religiösem Missbrauch berichtet.

Mannigfaltiges Zeugnisablegen

Der sexuell frustrierte Feuerteufel, das wird schnell enträtselt, ist Maurice Jaenisch, Kreuzberger Postbote und privat Mitglied in einer christlichen Sekte, die unweigerlich an die realen Zeugen Jehovas erinnert – wie klug, in diesem Genre, dem Krimi, ausnahmsweise andere Zeugen auftreten zu lassen.
„Mit anderen Menschen über Jahwe sprechen, sie einladen zum Gottesdienst in der Gemeinde, das hatte es immer gegeben. Missionsdienste. Von Tür zu Tür gehen, bei den Nachbarn klingeln und fragen, ob sie hin und wieder in der Heiligen Schrift lasen. Die meisten Leute schlugen die Tür wieder zu, noch ehe sie den Satz zu Ende gesprochen hatten. Andere fragten ihn, weshalb Gott so etwas wie Knochenkrebs zulasse. Maurice hatte eine Antwort darauf parat und konnte dazu einen Bibelvers zitieren, doch von Mal zu Mal glaubte er selbst weniger daran.“
In Groschupfs „Die Stunde der Hyänen“ wird die Befragung, ohne die keine Detektivgeschichte auskommt, aufs christliche Zeugnisablegen erweitert. Dieses Buch ist durchwirkt von Glaubensbildern, weshalb eben keine Häuser, sondern die herausgehobenen religiösen Objekte unserer geschwindigkeitssüchtigen Republik in Flammen aufgehen. Zahlreiche Luxuskarossen werden im Verlauf dieses Romans in Brand gesetzt.

Super-Recognizer

Die Hitze steigt. Der Druck nimmt zu. Neben der Polizei und zahlreichen besorgten Bürgern werden zwangsläufig auch die Hauptstadtmedien aufmerksam. Jette Geppert, Reporterin der fiktiven Berliner Tagespost, wird auf den Fall angesetzt. Sie soll durch Kreuzberg streifen, nicht nur die hochgekochte Kiez-Stimmung, sondern am besten auch den Feuerteufel selbst einfangen. Jette wird viel zugetraut, weil sie eine seltene, geradezu gottbegnadete Gabe besitzt.
„Sie unterschied alle Gesichter, die ihr auf der Straße, im Geschäft, in der Redaktion, in der U-Bahn begegneten. Jette speicherte sie mit Datum und Uhrzeit ab, das runde Gesicht der Busfahrerin des 29ers, das lang gezogene knochige Gesicht des Kellners auf dem Ausflugsdampfer, die flache Stirn ihrer Tante, die Knollennase im feinen Gesicht ihrer Schulfreundin in der neunten Klasse.“
Super-Recognizer werden Menschen genannt, die sich jedes Gesicht binnen Sekunden einprägen können. Zusammen mit der polizeilichen Brandermittlerin Romina Winter bildet Jette ein Ermittlerduo, sie wollen die Wahrheit herausfinden, während die besorgten Bürger Kreuzbergs zusammenkommen, um ihr „Heilig's Blechle“ auf eigene Faust zu verteidigen.

Die schlimmsten Raubtiere überhaupt

So steht nicht, wie in vielen Krimis üblich, ein Ermittler dem Verbrechen gegenüber, sondern vielmehr ein Ermittlerkollektiv, das aus unterschiedlichen Motivationen Fährte aufnimmt, wie ein jagendes Rudel Hyänen – daher der Titel dieses Romans.
„Das sind die schlimmsten Raubtiere überhaupt. Sie töten ihre Beute nicht einfach, sondern fressen sie in vollem Lauf von hinten auf, noch während das Opfer flieht. Du kannst vor Hyänen nicht wegrennen, sie sind schnell, haben eine unfassbare Ausdauer, jagen zu zweit, zu dritt. Sie fressen den jungen Bullen von hinten auf.“
Die Geschichte nimmt zahlreiche Fährten auf. Vermeintlich wird Maurice gejagt, der Feuerteufel, tatsächlich dringt das Rudel immer tiefer ins Dickicht der Sektengemeinde ein, die auf unheimliche Weise mit den Brandstiftungen in Verbindung steht. Wie ein routinierter Häscher führt Johannes Groschupf durch diese Treibjagd, in der nahezu jeder einmal der Jäger, dann wieder der Gejagte ist – und so zielt „Die Stunde der Hyänen“ unerbittlich aufs dunkle Herz unserer Gegenwart. Und diese Geschichte trifft, Seite für Seite sicher wie ein frisch geöltes Repetiergewehr.
Johannes Groschupf: „Die Stunde der Hyänen“
Herausgegeben von Thomas Wörtche
Suhrkamp, Berlin. 265 Seiten, 16 Euro.