
Magdeburg, Hamburg, Aschaffenburg oder Leipzig: In all diesen Städten kam es in jüngster Zeit zu schweren Gewalttaten, bei denen Medien mitunter schnell von einer möglichen psychiatrischen Diagnose der Täter berichteten.
Die Fälle haben eine breite Debatte darüber ausgelöst, wie sehr psychische Störungen das Risiko für solche Taten steigern könnten. Ist die Neigung zu Gewalt bei Menschen mit psychiatrischen Diagnosen wirklich erhöht?
Der Stand der Wissenschaft
„Man kann aus fachlicher Sicht auf jeden Fall sagen, dass es nur bestimmte Krankheitsbilder gibt, bei denen das Risiko von Gewaltstraftaten erhöht ist“, sagt der Kriminologe Tobias Singelnstein von der Goethe-Universität Frankfurt und betont: „Bei den meisten psychischen Erkrankungen ist das nicht der Fall.“
Zudem ist gewalttätiges Verhalten häufig nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen (etwa eine psychische Störung), sondern wird durch ein komplexes Zusammenspiel aus Umweltfaktoren, genetischen Veranlagungen oder auch Hormonveränderungen ausgelöst. Das zeigt die Forschung der vergangenen Jahrzehnte.
Zu den wenigen psychiatrischen Diagnosen, bei denen es dazu kommen kann, dass die Betroffenen andere beispielsweise verletzen, zählen die Schizophrenien – die zur Gruppe der psychotischen Störungen gehören. Menschen mit einer Schizophrenie erleben phasenweise Wahrnehmungen oder Gedanken, die nicht mit der Realität übereinstimmen.
Wichtig ist, hier nicht zu generalisieren. Denn von allen Menschen, die Psychosen erleben (also Realität verändert wahrnehmen), wird nur ein Teil zeitweilig für andere Menschen gefährdend. Auch bipolare Erkrankungen oder schwere Persönlichkeitsstörungen gehören zu den Krankheitsbildern mit erhöhtem Gewaltrisiko.
Festzuhalten bleibt: Nur ein kleiner Teil aller Menschen mit psychischen Erkrankungen neigt eher zu Gewalt.
Was Kriminalitätsstatistiken zeigen
Die aussagekräftigsten Studien zu solchen Diagnosen und Gewalttaten stammen aus Schweden und Dänemark. Denn in diesen Ländern können Wissenschaftler Diagnosen und polizeiliche Kriminalitätsstatistiken zumindest teilweise miteinander verknüpfen. Möglich ist das auch, weil dort Krankenkassendaten anonymisiert genutzt werden können.
Aus einer großen schwedischen Registerstudie geht hervor: Über einen Zeitraum von zehn Jahren wird nur ein kleiner Teil der Menschen mit psychiatrischen Diagnosen gewalttätig, etwas mehr als sechs Prozent.
Gibt es auch Zahlen aus Deutschland?
Eine so gute Datenbasis wie in Schweden und Dänemark existiert in Deutschland nicht. Hierzulande sind derartige Registerstudien nicht möglich. Hinzu kommt, dass die polizeiliche Kriminalitätsstatistik psychiatrische Diagnosen nicht erfasst. Sie wäre auch nicht die beste Datenquelle dafür, wie der Kriminologe Tobias Singelnstein erläutert.
Denn zum einen beleuchtet die polizeiliche Kriminalitätsstatistik nur jene Fälle, die der Polizei tatsächlich bekannt werden. Zum anderen wäre es fraglich, ob Polizistinnen und Polizisten zuverlässig psychiatrische Diagnosen dokumentieren können. Denn dafür ist mitunter Einsicht in die Krankenakten notwendig. Diese findet aber oftmals erst im Laufe weiterer Ermittlungen statt – häufig bei Staatsanwaltschaften und Gerichten, nicht schon während der Polizeiarbeit.
Ebenfalls eher schlecht erfasst ist in Deutschland, wie viele Menschen nach einer Straftat in eine forensische Klinik kommen statt in ein Gefängnis. Bis zum Jahr 2014 hat das Statistische Bundesamt jedoch noch umfassende Daten zu diesem Maßregelvollzug veröffentlicht. Diese zeigen, dass zwischen 1987 und 2013 die Zahl der Menschen in der Forensik gestiegen ist.
Für den Zeitraum ab 2014 bis heute gibt es aber zumindest ein paar Hinweise darauf, dass die Zahlen weiter gestiegen sind. Aus einer sogenannten Kleinen Anfrage an die Bundesregierung aus dem Jahr 2023 geht hervor: Zwischen 2019 und 2021 sind die Zugänge in die Kliniken des Maßregelvollzugs um fast sieben Prozentpunkte gestiegen (Daten aus Bayern und Baden-Württemberg sind hier nicht eingeflossen).
Diese eher dünne Zahlenbasis lässt aber keinesfalls den Schluss zu, dass ebenfalls das Risiko für Gewalttaten zugenommen hätte. Womöglich liegt eine Verzerrung vor. Kriminologe Tobias Singelnstein verweist darauf, dass mehrere Paragrafen, die eine Unterbringung in solchen psychiatrischen Kliniken regeln, in den zurückliegenden Jahren mehrfach geändert wurden.
Mögliche Ursachen von Gewalttaten
Mediale Berichterstattung kann dazu beitragen, die wirkliche Gefahr zu überschätzen, die von Menschen mit psychischen Störungen ausgeht. Aus einer aktuellen Statistik des Robert Koch-Instituts geht hervor, dass bei zwei von fünf Erwachsenen in Deutschland irgendwo in der Krankenakte eine psychiatrische Diagnose steht – mit 40 Prozent also eine relativ hohe Zahl. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer großen Gewalttat auch über eine solche Diagnose berichtet wird, ist damit jedoch ebenfalls hoch. Ein schnell gezogener Rückschluss, dass die Diagnose zu der Gewalttat beigetragen hat, wäre hingegen unzulässig. Oder wissenschaftlich ausgedrückt: Korrelation bedeutet nicht automatisch Kausalität. Eine psychiatrische Diagnose ist nur ein Risikofaktor unter vielen für eine Gewalttat.
So begünstigen vor allem auch Suchterkrankungen gewalttätiges Verhalten, also Alkoholmissbrauch und Drogenkonsum. Aber auch erschwerte Lebensumstände wie erhöhter Druck können infrage kommen. Außerdem gilt: Menschen, die Gewalttaten begehen, haben statistisch im Durchschnitt häufiger selbst Gewalt erfahren als andere. Unklar ist also, was letztendlich Auslöser für was ist.
Gewalttätig aufgrund von ausbleibender Hilfe?
Auch ein Versagen von Hilfesystemen könnte womöglich mitverantwortlich dafür sein, wenn Menschen mit psychischen Erkrankungen gewalttätig werden. Jürgen Gallinat, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), berichtet, dass mehr als 90 Prozent der Menschen, die in Hamburg in der Forensik untergebracht werden, eine psychotische Erkrankung haben. Das sei früher deutlich weniger gewesen – etwa 30 bis 40 Prozent, sagt er: „Wir sprechen hier von einer behandelbaren Erkrankung. Und dass so viele Menschen quasi mit Delinquenz in die Forensik gehen, mit einer behandelbaren Erkrankung, ist letztendlich ein Versäumnis des Regelversorgungssystems.“
Entscheidend ist also auch, wie zielgerichtet Menschen letztendlich Hilfe bekommen und behandelt werden. Erfolgen Behandlung und Betreuung langfristig, sinkt – das zeigen Studien – auch das Risiko für eine Gewalttat.
Sollten Sie Hilfe in einer schwierigen Situation benötigen, können Sie sich jederzeit an die kostenlose Hotline der Telefonseelsorge wenden: 0800-1110111. Auch der sozialpsychiatrische Dienst Ihres jeweiligen Wohn- oder Aufenthaltsortes bietet kostenfreie Unterstützung in seelischen Notlagen und für Menschen mit psychischen Erkrankungen an.
Radio-Autoren: Lukas Kohlenbach und Katrin Kühn, Online-Text: Jan-Martin Altgeld










