Gefühl gegen Fakten
Was unsere Angst vor Verbrechen schürt

Die Angst, Opfer eines Verbrechens zu werden, ist in Deutschland zuletzt wieder gestiegen. Die Kriminalitätsstatistik gibt dafür nicht zwingend Anlass. Warum aber driften Fakten und Gefühl auseinander? Eine Annäherung an ein vielschichtiges Phänomen.

    Orte, die wir als "Angsträume" erleben sind statistisch oft keine Tat- oder Gefahrenorte
    Ein Mann geht durch eine dunkle Unterführung mit Graffiti (picture alliance / imageBROKER / H.-D. Falkenstein)
    Fast 40 Prozent der Befragten einer Insa-Umfrage aus dem Jahr 2025 gaben an, dass sie fürchten, Opfer einer Straftat zu werden. Zugleich sank die Gesamtzahl der Straftaten 2024 im Vergleich zu 2023 um 1,7 Prozent.  
    Es ist nicht das erste Mal in den vergangenen 20 Jahren, dass sich subjektive Kriminalitätsfurcht nicht mit den objektiven Fallzahlen deckt. Offenbar befeuern andere Faktoren die Angst. Warum fürchten wir uns mehr oder weniger vor Verbrechen? Und was hilft gegen das Gefühl der Angst? 

    Angst vor Kriminalität: Ist es in Deutschland gefährlicher geworden? 

    Studien zeigen seit Langem: Das subjektive Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung steht in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Gesamtzahl der erfassten Straftaten. So ist die Zahl der Gesamtstraftaten seit der Jahrtausendwende rückläufig. Die Angst der Bürgerinnen und Bürger vor Straftaten folgt diesem Trend jedoch nicht immer.  
    Besonders zwischen 2014 und 2017 drifteten Fakten und Gefühl auseinander: Trotz sinkender Fallzahlen stieg die Sorge in der Bevölkerung vor Kriminalität massiv an. Erst ab 2018 pendelte sich das Verhältnis wieder ein.
    Seit 2023 verzeichnet die Polizeistatistik zwar bei der angezeigten Gewaltkriminalität einen leichten Anstieg, das Angstgefühl jedoch stieg im Verhältnis wesentlich stärker an. 

    Warum das Angstgefühl die Fakten schlägt  

    Die Phasen, in denen sich die Kriminalitätsangst von den tatsächlichen Fallzahlen entkoppelt, fallen zusammen mit der Fluchtzuwanderung in den Jahren 2014 bis 2017 und mehreren größeren Terroranschlägen in Europa im gleichen Zeitraum sowie seit 2022 mit dem Krieg in der Ukraine und weiteren geopolitischen Zäsuren.  
    Grafik zeigt die Entwicklung der Kriminalitätsfurcht im Vergleich zu den Gesamtstraftaten in Deutschland von 2005 bis 2023.
    Grafik zeigt die Entwicklung der Kriminalitätsfurcht im Vergleich zu den Gesamtstraftaten in Deutschland von 2005 bis 2023 (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

    Die Angst vor Kriminalität als Projektionsfläche 

    Krisen und gesellschaftliche Umbrüche erzeugen und verstärken Unsicherheit. Wissenschaftliche Studien zeigen: Wenn Menschen generell verunsichert sind und Kontrollverlust empfinden, steigt die Angst vor Kriminalität. Sie wird dann zu einer Art Projektionsfläche für alle möglichen Ängste. Diese sogenannte Generalisierungsthese ist jedoch nur ein Erklärungsansatz für Kriminalitätsfurcht. 
    Auch psychologische Faktoren beeinflussen das Angstgefühl. Wissenschaftler des Zentrums für kriminologische Forschung Sachsen e. V. (ZKFS) in Chemnitz Zusammenhänge fanden heraus: Wer die Welt insgesamt als eher bedrohlich wahrnimmt, grundsätzlich ein höheres Sicherheitsbedürfnis hat oder auch ein eher autoritäres Weltbild, fürchtet sich stärker vor Kriminalität. 

    Das Kriminalitätsfurcht-Paradox 

    Bekannt ist auch: Unordnung und sichtbare Verwahrlosung im öffentlichen Raum, etwa Müll auf Straßen und Plätzen, Uringeruch in Unterführungen und U-Bahn-Stationen oder Gruppen, die öffentlich Alkohol oder andere Drogen konsumieren, verunsichern Menschen. Solche Zustände und Erfahrungen erzeugen „Angsträume“, selbst wenn es statistisch keine Tat- oder Gefahrenorte sind.  
    Ähnlich verhält es sich mit dem sogenannten Kriminalitätsfurcht-Paradox: Frauen und ältere Menschen haben statistisch das geringste Risiko, Opfer einer Straftat im öffentlichen Raum zu werden. In diesen Gruppen ist die Angst vor Kriminalität jedoch deutlich größer als unter jungen Männern, die am häufigsten von Straftaten betroffen sind.  
    Dabei darf nicht vergessen werden, dass Frauen bei bestimmten Straftaten wie Sexualdelikten oder häuslicher Gewalt sehr viel häufiger betroffen sind. Werden sie zum Opfer, leiden sie zudem sehr viel häufiger unter Angstzuständen und einer erhöhten Furcht vor weiteren Angriffen.  
    Gleiches gilt für Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, Religion oder Hautfarbe angegriffen werden, wie Studien zeigen. Überwiegend sind es jedoch Menschen, denen noch nie etwas passiert ist, die große Angst vor Kriminalität haben. 

    „Lupeneffekt“ und verzerrende Berichterstattung  

    Ein weiterer Erklärungsansatz für Kriminalitätsfurcht ist der sogenannte „Lupeneffekt“: Die Medien-Berichterstattung fokussiert überproportional auf spektakuläre, außergewöhnliche Gewaltdelikte wie Mord und Totschlag. Die Häufigkeit solcher Straftaten wird dadurch tendenziell eher überschätzt, sagt Frank Asbrock, Professor für Sozialpsychologie an der TU Chemnitz. In der polizeilichen Statistik machen Gewalttaten jedoch weniger als vier Prozent aller erfassten Delikte aus. 
    Noch kritischer bewerten Forschende, dass durch eine verzerrte mediale Berichterstattung Vorurteile und Ängste gegenüber Nicht-Deutschen geschürt werden. Der Medienwissenschaftler Thomas Hestermann von der Macromedia University of Applied Sciences in Hamburg untersucht seit 18 Jahren, wie öffentlich-rechtliche Sender und die großen überregionalen privaten TV-Medien über Gewaltdelikte berichten. 
    Seine jüngste Analyse für 2025 zeigte: In TV-Berichten sind Tatverdächtige von Gewaltdelikten zu fast 95 Prozent ausländischer Herkunft. Laut offizieller Kriminalstatistik sind es jedoch nur rund 34 Prozent. Durch diese verzerrte Darstellung bedienten Journalistinnen und Journalisten „genau das, was Rechtspopulisten vorgeben: Nämlich dass Kriminalität eigentlich nur ein Problem ist von Menschen, die keinen deutschen Pass haben“, kritisiert Hestermann. 

    Kriminalitätsfurcht, politische Einstellung und sozialer Status 

    Zugleich haben die Forschenden am ZKFS beobachtet, dass es einen Zusammenhang zwischen Kriminalitätsfurcht und der Abwertung von Fremdgruppen, also beispielsweise Rassismus, gibt: Menschen, die sich politisch rechts der Mitte zuordnen und eher menschenfeindlichen Einstellungen zustimmen, neigen in der Regel zu einer verstärkten Kriminalitätswahrnehmung. Und sie denken bei typischen Tätern dann auch eher an Migrantinnen und Migranten.  
    Kriminalitätsfurcht scheint aber auch vom sozialen Status abzuhängen. So haben Menschen mit Hochschulabschluss und höherem Einkommen deutlich weniger Angst, Opfer von Straftaten zu werden. Die Kriminalitätsforscherin Anna Bindler findet es "sehr plausibel", dass Menschen, die in wohlhabenden Haushalten wohnen, auch in wohlhabenderen Gegenden wohnen. "Das heißt, deren Alltagssituationen unterscheiden sich von Menschen, die vielleicht in ärmeren Gegenden wohnen.“ 

    Was kann der Staat gegen Kriminalitätsangst tun? 

    Auch wenn Kriminalitätsangst etwas sehr Subjektives ist, beeinflusst von verschiedensten, vielschichtigen Faktoren: Die Ängste der Bürgerinnen und Bürger dürften dennoch nicht ignoriert werden, warnen Experten. Allein mit sachlichen Argumenten, wie dem Verweis auf sinkende Fallzahlen in der Kriminalitätsstatistik, ließen sich diese Ängste nicht besänftigen, betont der Soziologe Tim Lukas von der Bergischen Universität Wuppertal.  
    Im Bemühen, die Sicherheit und das Sicherheitsempfinden von Bürgerinnen und Bürgern zu verbessern, bewegt sich der Staat in einem Spannungsfeld zwischen effektiver Prävention und populistischer Symbolpolitik.
    Forderungen nach Videoüberwachung im öffentlichen Raum, härteren Strafen oder stärkerer Polizeipräsenz dienen oft primär der affektiven Beruhigung. Die Maßnahmen selbst erweisen sich laut Forschung meist als wenig effektiv. 

    Sozialpolitik gegen Kriminalität und Angst 

    Sie können sogar das Gegenteil bewirken, wie eine Studie der Justus-Liebig-Universität in Gießen zeigt: Die Wissenschaftler stellten fest, dass eine massivere Polizeipräsenz das Unsicherheitsgefühl sogar verstärkt – selbst bei denen, die sich das gewünscht haben.
    Denn das Mehr an Sicherheitskräften wird als Indikator für eine bestehende Gefahr wahrgenommen. "Präsenzparadoxon" nennt dies der Kriminologe und Projektleiter der Studie Tim Pfeiffer. 
    Die Wissenschaftler am Zentrum für kriminologische Forschung Sachsen wiederum beobachteten, dass Menschen mit einem Bedürfnis nach höheren Strafen grundsätzlich mehr Angst vor Kriminalität empfinden und zugleich weniger Vertrauen in die Justiz haben.  
    Experten sehen in einer guten Sozialpolitik daher die bessere Prävention. Mit wirtschaftlicher Sicherheit und besserer sozialer Teilhabe sinkt das Gefühl von Kontrollverlust und allgemeiner Verunsicherung und damit auch die Furcht vor Kriminalität. 

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