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StartseiteHintergrundKrise ohne Ende08.11.2005

Krise ohne Ende

Russlands Forschern droht der Abstieg in die Zweite Liga

St. Petersburg, Ulitza Balshaya Monetnaya. Das Nansen-Zentrum für Fernerkundung liegt versteckt in einem grauen Hinterhof – die Zufahrt ist mit Schlaglöchern übersäht. Das Nansen-Institut wurde 1992 gegründet, unter Beteiligung von Forschungseinrichtungen in Norwegen, Deutschland und den USA. Die rund 30 Forscher hier analysieren die Auswirkungen des Klimawandels auf die Arktis, erklärt Leonid Bobuljof, der geschäftsführende Direktor

Von Ralf Krauter

Laborbesuch in Moskau (dradio.de)
Laborbesuch in Moskau (dradio.de)
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"The major mission is to make significant input to the observations, modelling and prediction of environmental processes and global climate change in the high northern latitudes – first of all in the arctic."

In einem wohnzimmergroßen Arbeitsraum starren junge Mitarbeiter auf Monitore mit Klimatabellen und Satellitendaten. Wie die Öl-Sardinen siten die Forscher hier: 17 Arbeitsplätze auf 30 Quadratmetern. Dabei sei man durchaus privilegiert, findet Lenoid Bobuljof. Dank der Gelder aus dem Ausland – die Gründungsmitglieder des Instituts bezahlen ein Viertel des jährlichen Etats – haben die Forscher Zugang zu den neuesten wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Für viele Kollegen keine Selbstverständlichkeit.

"Viele Forschungsinstitute in Russland können es sich nicht mehr leisten, die führenden wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu abonnieren. Es fehlt einfach am Geld. Durch unsere starke Kooperation mit dem Ausland stehen wir zum Glück besser da."

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben sich die Arbeitsbedingungen russischer Wissenschaftler dramatisch verschlechtert. Aufgrund leerer Kassen hat die Regierung im vergangenen Jahr nicht einmal mehr halb soviel in Forschung und Entwicklung investiert wie noch 1990.

Wissenschaft in Russland – das heißt derzeit vor allem mit dem Mangel leben und sich irgendwie über Wasser halten. Das durchschnittliche Monatsgehalt eines Universitätsprofessors beträgt einige hundert Euro – weshalb mancher nach der Arbeit Taxi fährt, um etwas dazu zu verdienen.

Im vergangenen Jahr hatte die Regierung 46 Milliarden Rubel für Grundlagenforschung vorgesehen, also knapp 1,3 Milliarden Euro - 140 mal weniger als das Wissenschaftsbudget der USA. Der Anteil der Forschungsaufwendungen am Bruttosozialprodukt beträgt in Russland 1,3 Prozent und damit viel zu wenig für eine Industrienation. Der EU-Durchschnitt liegt bei zwei Prozent, erklärtes Ziel sind drei Prozent.

"Der Hauptschwachpunkt ist die Unterfinanzierung – also die sehr schlechte Finanzierung, gerade in der Grundlagenforschung."

Christian Schaich ist der Leiter des Moskauer Verbindungsbüros der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG.

"Das andere: Die Vergreisung im wissenschaftlichen Sektor. Das gilt nicht nur für die Akademie der Wissenschaften, sondern es gilt auch allgemein für alle Forschungsstätten: Es besteht ein Mangel an Wissenschaftlern zwischen 28 Jahren und 50 Jahren. Da sind vor zehn Jahren viele Wissenschaftler abgewandert und die wiederzugewinnen ist nicht leicht, weil einfach die finanzielle Ausstattung nicht gut ist."

Chronische Unterfinanzierung, Vergreisung und die Abwanderung kluger Köpfe – das sind auch für den Moskauer Innovationsforscher Leonid Gokhberg die Schwachpunkte. Der Wirtschaftswissenschaftler hat im Auftrag der Regierung die russische Forschungslandschaft untersucht. Seine Analyse ist verheerend und macht vor allem verkrustete Strukturen für die Malaise verantwortlich:

"Unsere Forschungsinfrastruktur ist ein Überbleibsel aus Sowjetzeiten. Damals gab es Einrichtungen, in denen geforscht wurde, und andere, in denen Forschungsergebnisse in die Anwendung übertragen wurden. Im Zuge der Reformen sind diese Bindeglieder zwischen Grundlagenforschung und Anwendung verschwunden. Die Forschungsinstitute standen plötzlich allein da und mussten ihre Ergebnisse selbst vermarkten. Nicht alle sind dabei gleich erfolgreich."

Als Regierungsberater hat Leonid Gokhberg gelernt, sich diplomatisch auszudrücken. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. In Russland gibt es heute nur noch halb so viele Forscher wie 1990. Wer jung und gut war, hat sein Glück im Ausland gesucht oder einen besser bezahlten Job in der Industrie angenommen.

Der Verlust der Begabten hat fatale Folgen: Nach Einschätzung von Experten betreibt ein Großteil der insgesamt 2500 Forschungseinrichtungen im Land nur noch auf dem Papier wirklich Forschung. Viele vermieten stattdessen ihre repräsentativen Gebäude, um sich finanziell über Wasser zu halten.

Konstantin Kosachev, der stellvertretende Vorsitzende der Duma-Kommission für internationale Angelegenheiten wies bereits vor zwei Jahren darauf hin, dass Russland nur noch in wenigen zukunftsrelevanten Technologiebereichen Weltniveau hat.

Der russische Weltmarktanteil an Hochtechnologie-Produkten betrug Anfang des Jahrtausends nur 0,6 Prozent - 130 mal weniger bei den USA. Kosachevs trauriges Fazit: Russland habe seinen Spitzenplatz unter den führenden Ländern in Wissenschaft und Technologie definitiv verloren.

Das Institut für Polymerphysik der Lomonosow-Universität in Moskau befindet sich in einem imposanten neo-klassizistischen Bau, unweit des weithin sichtbaren Hauptgebäudes.

"The possibility of having basic research is also related to the funds which we obtain from the industry to do applied research…"

Einer der Forschungsschwerpunkte hier sind Flüssigkristalle für Flachbildschirme und Handydisplays. Die Arbeitsgruppe von Professor Alexei Khoklov gilt in Deutschland als Aushängeschild der russischen Forschung. 2001 bekam der Physiker für seine Arbeiten den Wolfgang-Paul-Preis des Bundesforschungsministeriums. Alexei Khoklov hat Honorarprofessuren in Ulm und in Stoney Brook, in den USA. Die Drittmittel für die neuen Computer, mit denen die Forscher das Verhalten von Riesenmolekülen simulieren, stammen vom koreanischen Elektronikkonzern LG, von BASF und Dupont.

"Here is computer simulation cluster. Here we perform some computer simulation research. .."

Also: Schöne neue Forschungswelt Russland? Nur auf den ersten Blick. Die Bakelitsteckdosen im Computerraum scheinen schon seit 50 Jahren an der Wand zu hängen und das Kühlgebläse am Fenster wirkt mickrig. Prozessorausfälle wegen Überhitzung sind nichts Ungewöhnliches.

Die Situation der Polymerphysiker an der staatlichen Universität Moskau ist symptomatisch für die Wissenschaft in Russland. Selbst die klügsten Köpfe haben mit widrigen Rahmenbedingungen zu kämpfen.

Dabei hat sich Alexei Khoklov erfolgreich an die veränderten Gegebenheiten angepasst. Weil die staatlichen Zuwendungen für Forschung auf Weltniveau längst nicht mehr reichen, wirbt er im großen Stil Fördermittel in der Industrie ein – dank seiner anwendungsorientierten Arbeit kein Problem, sagt Khoklov. Auch der allseits beklagte Brain-Drain macht ihm wenig Sorgen. Die Absolventen der renommierten Lomonosow-Universität stehen Schlange, um in seinen Labors ihre Doktorarbeit zu schreiben. Allzu großen Reformbedarf sieht Khoklov deshalb nicht. Und schon gar nicht in dem Maße, wie es der Regierung vorschwebt.

Die Reformpläne der Regierung sehen vor, bis 2008 90 Prozent der insgesamt 2500 Forschungsinstitute im Land zu schließen. Qualität statt Quantität ist das Motto - nur 250 international konkurrenzfähige Labors sollen weiter Geld vom Staat bekommen. Der drohende Wettbewerb um Fördermittel ist für viele der älteren Wissenschaftler nach Jahrzehnten staatlicher Vollversorgung eine herbe Umstellung – weshalb sie sich mit Händen und Füßen dagegen wehren.

Das Zentrum des Widerstandes bildet die Russische Akademie der Wissenschaften. Diese traditionsreiche Institution ist eine weitgehend autonome Selbstorganisation der russischen Grundlagenforscher, mit derzeit 115.000 Beschäftigten an rund 450 Instituten im ganzen Land. Ihr Einfluss ist groß, ihre Effizienz gering. Da die Akademie über Grundbesitz von der Größe Islands verfügt, ist die Verpachtung von Grundstücken und Gebäuden oft lukrativer, als die Vermarktung von Forschungsergebnissen.

Trotzdem ist die Akademie der Wissenschaften bis heute der größte Empfänger staatlicher Forschungsgelder. Doch nach der geplanten Reform dürfte bald nur noch die Hälfte ihrer Institute weiter auf staatliche Unterstützung hoffen. Die Akademiemitglieder laufen deshalb Sturm gegen die Pläne von Wissenschaftsminister Andreij Fursenko. Christian Schaich von der DFG:

"Ein wesentlicher Grund sind natürlich die persönlichen Vorteile, die sie haben, als Akademiemitglieder. Wohnung, Ferienwohnung, unter Umständen einen Fahrer, bestimmte Freiflüge und so weiter und so fort. Und das andere ist eben, dass hier wie bei allen Reformen zunächst einmal das Bestehende hochgehalten wird und man per se ablehnt, was von außen kommt. Ich denke, das ist auch ein Teil des Spiels, dass man sich eben möglichst viel Mitspracherecht einräumen lassen möchte und das nicht eben durch staatliche Strukturen von außen sich vorgeben lassen möchte."

Das Durchschnittsalter der Akademie-Vollmitglieder: 71 Jahre. Ein Haufen vergreister Betonköpfe, sagt mancher hinter vorgehaltener Hand. Ein Interview mit einem der Direktoren ist schwer zu bekommen. Professor Nikolai Dobretsov, der Präsident der einflussreichen sibirischen Abteilung gewährt schließlich doch eine Audienz – in seinem Büro im Wissenschaftlerstädtchen Akademgorodok, das im Birkenwald hinter Nowosibirsk liegt, 3000 Kilometer und drei Zeitzonen östlich von Moskau:

"Die Reform der Akademie der Wissenschaften, das müssen die Wissenschaftler durchführen, aber nicht die Beamten."

Der Empfang erinnert an alte Zeiten. Nikolai Dobretsov trägt eine jener getönten Brillen, die sich in den 70er Jahren bei ZK-Mitgliedern großer Beliebtheit erfreuten:

"Die Prioritäten in der Grundlagenforschung bestimmen können nur die Wissenschaftler."

Fragen beantwortet der Akademie-Präsident entweder kurz angebunden oder extrem ausschweifend. Wirklich konkret wird er erst, als es um Forderungen geht: Dobretsov verlangt von der Regierung, die Gehälter der Wissenschaftler zu verfünffachen. Kompromissbereitschaft und Reformwillen? Fehlanzeige. Staatliche Alimentierung bei vollständiger Autonomie – so stellen sich die Oberen der Akademie der Wissenschaften die Zukunft vor.

Ein paar hundert Meter von Nikolai Dobretsovs Büro entfernt liegt das Budker-Institut für Kernphysik - mit insgesamt 2900 Mitarbeitern eine der größten Forschungseinrichtungen Russlands. In zwei riesigen Versuchshallen machen Physiker hier unter anderem Experimente zur Kernfusion.

"It’s the control room of our complex..."

Im Kontrollraum des Teilchenbeschleunigers: die für russische Labors typische Mischung aus modernem und antiquiertem Gerät: Neben einer Reihe von Flachbildschirmen stehen 30 Jahre alte Röhrenmonitore.

"You can see for example, that we have very old devices. This TV has maybe 20 years. … Our main principle: If a system is running, we don’t repair it, we don’t upgrade it."

Immerhin: Verglichen mit anderen Instituten in Moskau und St. Petersburg scheinen die Arbeitsbedingungen hier ansatzweise westlichem Standard zu genügen. Ist das Akademikerstädtchen also immer noch – wie schon zu Sowjetzeiten - eine Oase der Forschung in Russland? Professor Alexander Skrinsky, der Direktor des Budker-Instituts, bestätigt diesen Eindruck:

"Als sehr gut würde ich unsere Arbeitsbedingungen nicht bezeichnen, aber sie sind besser als anderswo. Viele Einrichtungen in Akademgorodok haben Wege gefunden, mit ihrer Forschung Geld zu verdienen. Im Mittel bestreiten russische Forschungsinstitute nur einen Viertel ihres Etats aus Drittmitteln, der Rest kommt vom Staat. In sibirischen Zweig der Akademie der Wissenschaften liegt der Drittmittelanteil dagegen schon bei 50 Prozent. Und in unserem Institut stammen bereits drei Viertel der Einnahmen aus nicht-staatlichen Quellen."

Im vergangenen Jahr hat das Institut Präzisionsbauteile für Teilchenbeschleuniger im Wert von 20 Millionen US-Dollar produziert. Die Abnehmer sitzen in den USA, Japan, China und Südkorea – und in Deutschland. Das deutsche Elektronen-Synchrotron in Hamburg hat kürzlich für drei Millionen Euro 20 spezielle Ablenkmagnete bestellt.

Auch wenn sich die russischen Nuklearphysiker damit zur verlängerten Werkbank des Westens degradieren – das Geld aus dem Ausland ist die einzige Chance zu überleben. Denn der abrupte Rückgang der staatlichen Fördermittel Anfang der 90er Jahre konnte nicht durch mehr Auftragsforschung für Unternehmen ausgeglichen werden, sagt Dr. Klaus Waschik, der nordrhein-westfälische Landesbeauftragte für Wissenschaftsbeziehungen zur russischen Föderation:

"...was wiederum dazu führte, dass viele russische Forscher nur überleben konnten, wenn sie in westlichen Förderprogrammen unterkamen. Der westliche Anteil ist überhaupt nicht zu unterschätzen. Möglicherweise wird dies einmal in der historischen Rückschau eine Stunde sein, wo der Westen die russische Wissenschaft über viele Jahre gerettet hat."

Die stark rohstoffbasierte russische Industrie hat bis heute wenig Bedarf an High-Tech-Produkten aus heimischen Labors. Entsprechend dürftig fallen ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung aus – verglichen mit anderen Industrienationen ist der finanzielle Beitrag russischer Konzerne gering und der Technologietransfer von der Grundlagenforschung in die Anwendung in vielen Bereichen schleppend. Das gilt selbst in den als Zukunftsbranchen klassifizierten Bereichen wie Nanotechnologie, Materialwissenschaften, Biotechnologie und Raumfahrttechnik. Klaus Waschik ist überzeugt,...

"...dass ohne westliche Beteiligung dort sehr viel weniger passieren würde. Ich würde nicht soweit gehen, zu sagen, die würden die Pforten dann schließen müssen, wenn die westlichen gemeinsamen Programme weg wären. Aber ich bin ganz sicher, dass in den Bereichen, zum Beispiel gemeinsame Weltraumforschung, Biotechnologie, das dort sicherlich sehr viel weniger angewandte Forschung betrieben werden könnte, wenn dieser westliche Anteil nicht da wäre. Ich persönlich glaube, dass wir da durchaus über Größenordnungen von 50 bis 60 Prozent reden."

Trotz oder gerade wegen dieser starken Abhängigkeit gibt es in Russland mittlerweile aber Tendenzen, sich wieder stärker vom Westen abzuschotten. Nach der Devise: Euer Geld nehmen wir gern, aber in die Karten schauen lassen wir uns nicht.

So klagen Historiker, dass der Zugang zu russischen Archiven in den vergangenen Jahren wieder schwieriger geworden sei. Und Polarforscher leiden unter stark gestiegenen Preisen für den Geleitschutz durch russische Eisbrecher bei der Fahrt durch die Nordostpassage.

"Generell gibt es dort Vorfälle, die in der Tat mich auch daran zweifeln lassen, ob das wirklich mit rechten Dingen zugeht, ob das wirklich immer nur wirtschaftliche Faktoren sind, oder ob nicht dort doch auch wieder alte oder neue Geheimhaltungsängste oder Phobien da sind. Die westliche Forschung muss in den nächsten Jahren die Augen aufhalten, ob nicht dort plötzlich gewisse Dinge sich abspielen, die es einfach dann nicht mehr sinnvoll erscheinen lassen, dort dann solche Kooperationen fortzusetzen."

Wer russische Forscher besucht, bekommt den Eindruck, dass einem hier öfter mal ein X für ein U vorgemacht wird - insbesondere im sicherheitsrelevanten Bereich. Bei einem Besuch im ehemaligen Biowaffenforschungszentrum Vector bei Nowosibirsk zum Beispiel drängt sich unweigerlich der Vergleich mit einem potemkinschen Dorf auf. Auf dem umzäunten Hochsicherheitsgelände wird heute mit dem Geld aus westlichen Fonds zur Rüstungskonversion an Medikamenten und Impfstoffen geforscht, die gegen tödliche Erreger wie Pocken und Ebola wirken sollen. Zu sehen sind aber weit und breit nur heruntergekommene Gebäude. Die Anlage erinnert an eine Industriebrache. Im angeblichen Hochsicherheitslabor für Experimente mit Pockenerregern steht ein Fenster offen.

Der Anteil staatlicher Fördermittel, die in die militärische Forschung fließen, hat seit Ende der 90er Jahre wieder deutlich zugenommen. 2002 betrug dieser Anteil nach Angaben des Moskauer Zentrums für die Erforschung und Statistik der Wissenschaft rund 23 Prozent und liegt damit deutlich höher als in den USA. Da zivile und militärische Forschung in vielen russischen Labors parallel laufen, ist für Geldgeber aus dem Westen nicht immer durchschaubar, was genau mit ihren Fördermitteln gemacht wird.

Fehlende Transparenz, verkrustete Strukturen, zuwenig Wettbewerb – die Wissenschaft in Russland steckt seit 15 Jahren in der Krise. Eine grundlegende Reform der Forschungslandschaft ist nach Meinung unabhängiger Experten überfällig, aber sie droht am Widerstand der Betroffenen zu scheitern.

"Ich glaube, dass eine wirkliche strukturelle Reform in Russland nur möglich ist, wenn man das alte System weitgehend zerstören würde."

Doch dazu dürfte es wohl nicht kommen, meint der Russland-Experte Klaus Waschik von der Universität Bochum, denn der organisierte Widerstand der Akademie der Wissenschaften zeige Wirkung:

"Ich glaube, dass es dann zu landesweiten Streiks und Unruhen käme, wenn man dieses System jetzt wirklich angehen würde."

Was aus den Reformplänen der Regierung wird, die eigentlich bis 2008 umgesetzt sein sollten, bleibt deshalb ungewiss. Bis auf weiteres liegen sie auf Eis. Gut möglich, sagen Experten wie der Moskauer Soziologe Alexander Chepurenko, dass erst der Generationswechsel an der Spitze der Forschungseinrichtungen abgewartet werden muss, bevor sich wirklich etwas ändert. Wenn er Recht hat, würden noch mal zehn Jahre ungenutzt verstreichen. Der Abstieg der russischen Forschung in die Zweite Liga wäre dann wohl endgültig unaufhaltsam.

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