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StartseiteInterviewJürgen Wertheimer: "Literatur kann in die Eingeweide einer Gesellschaft schauen"23.05.2021

Krisenfrüherkennung Jürgen Wertheimer: "Literatur kann in die Eingeweide einer Gesellschaft schauen"

Der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer hat in Krisenregionen über Warnsignale geforscht. Literatur könne zwar keine Ereignisse vorhersehen, aber Strukturen und Sollbruchstellen erkennen, sagte er im Dlf. Die Politik müsse lernen, die Ergebnisse für friedenssichernde Maßnahmen zu nutzen.

Jürgen Wertheimer im Gespräch mit Kathrin Hondl

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Der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer (dpa)
Hetzern und Aufwieglern in Krisengebieten müsste man mit entsprechenden Gegennarrativen ins Wort fallen, forderte Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer im Dlf (dpa)
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Lassen sich Krisen, Kriege, Katastrophen vorhersagen und auch vermeiden? Zumindest was die Vorhersagen betrifft, ist die Antwort klar: Warnungen gab und gibt es fast immer - und trotzdem werden sie oft ignoriert und als pessimistische Schwarzmalerei, als Cassandra-Rufe gewertet, benannt nach der tragischen Heldin der antiken Mythologie: Cassandra, die Seherin, die das Unheil voraussah, aber kein Gehör fand.

Historischer Stahlstich von Ferdinand Rothbart, 1823 - 1899, ein deutscher Illustrator. Der Stich zeigt die Figur der Kassandra aus der griechischen Mythologie. (imago / imagebroker) (imago / imagebroker)"Kassandra-Syndrom": Warum Warnungen so oft in den Wind geschlagen werden 
Der Brand von Notre Dame, die Verbreitung des Coronavirus oder der Völkermord von Ruanda: Viele Tragödien oder Katastrophen ließen sich verhindern, hätte man nur auf die gehört, die frühzeitig gewarnt hätten, meint der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer.

"Ignorieren von Warnungen hat Systemcharakter"

Aber was hindert uns heute daran, Warnungen vor akuten Gefahren auch ernst zu nehmen? "Unsere Trägheit, Unsensibilität, aber auch Bequemlichkeit, taktische Zurückhaltung, ein Mix aus verschiedenen kleinen Impulsen, der zusammen so etwas gibt wie eine Panzerung gegen frühe Einsicht", so der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer. Das Weghören habe Systemcharakter, um nicht handeln zu müssen, sagte er im Dlf. Es biete eine große Entlastung in einer Phase, in der noch keine Bomben und Raketen flögen. Was uns hindert, so klug zu sein, wie wir sein könnten, werde immer wieder von der Literatur dargestellt.

"Literatur kann in die Sollbruchstellen gucken"

Ebenso biete die Literatur Erkenntnisse über die Gesellschaft, die eigentlich politisch genutzt werden könnten. Sie sei sozusagen die Inspirationsquelle, denn sie habe die Freiheit, all das zu thematisieren, was im diplomatisch-politischen Usus ausgespart werde. "Die Literatur lebt vom Durchbrechen von Tabus. Sie spricht aus, was sie wahrnimmt", so Wertheimer. Sie könne zwar kein Ereignis voraussagen, das zu einem bestimmten Zeitpunkt eintreten werde, aber "sie kann Strukturen lesen. Sie kann sozusagen in die Eingeweide einer Gesellschaft schauen. Sie kann in die Sollbruchstellen gucken, sie kann uns dahingehend klüger machen. So klug, dass wir wissen, was passiert, wenn ein nächster Schritt erfolgt."

Immer wieder gebe es Autorinnen und Autoren, "die extrem feinfühlig sind in Bezug auf Änderungen, Stimmungslagen, Stimmungsschwankungen in der Gesellschaft und das in Bilder bringen". Dazu gehörten beispielsweise Susan Sonntag, Juli Zeh, Michel Houellebecq, Amos Oz oder der israelische Schriftsteller David Grossmann, die alle hochgeschätzt, hochgeachtet seien. "Und dennoch konkret ernstgenommen für das politische Handeln werden sie leider nicht", kritisiert Wertheimer.

"Man müsste nicht immer überrascht sein von Ereignissen"

Drei Jahre lang leitete Jürgen Wertheimer das vom Bundeverteidigungsministerium geförderte Cassandra-Forschungsprojekt "Krisenfrüherkennung durch Literaturauswertung".

In Krisengebieten hat er gemeinsam mit örtlichen Autorinnen und Autoren Daten gesammelt und sie auf eine Emotion-Map übertragen, die Warnsignale ablesbar visualisiert. "Wir wissen durch die Literatur, durch ihren analytischen Charakter, durch ihre Tabulosigkeit auch Bruchstellen und Probleme der Menschen explizit zu nennen. Dadurch wissen wir, wie der Hase läuft: Also wir wissen ungefähr, was in einem Gebiet sich wirklich emotional, affektiv abspielt in den einzelnen Menschen. Das kann man hochrechnen auf Kollektive", erklärt der Wissenschaftler.

Doch er bemängelt, dass nun die Ergebnisse nicht entsprechend genutzt würden. Als Ziel sehe er eigentlich, operativ einzugreifen - nicht primär militärisch, sondern friedenssichernd zu einer Zeit, in der es noch Handlungsmöglichkeiten gebe. Dadurch könnten zumindest Konsequenzen zukünftiger problematischer Situationen gelindert werde.

"Man müsste nicht immer überrascht sein von Ereignissen, sondern könnte sich vorbereiten, könnte Fluchtkorridore sichern, könnte Lager menschenwürdig und UN-würdig und EU-würdig auszustatten, statt immer hinterherzulaufen - ist ja peinlich und inhuman zugleich. Und man könnte aber auch - das wäre mein Traumziel - mit medialen Mitteln, sei es Social Media, sei es offizielle Medien, in die entsprechenden Krisengebiete hineingehen und die Menschen resilienter machen für die verführerischen Botschaften. Das heißt, die War-Lords zu entmachten, kommunikativ. Ich glaube, das müssen wir lernen in den nächsten zehn Jahren."

"Glückliche Cassandras" grundsätzlich möglich

Jürgen Wertheimer macht es Hoffnung, dass es auch "glückliche Cassandras" gibt – "Menschen, die genau in dem Punkt mit der Nadel des Wortes sozusagen in den Moment treffen, in der geeigneten Situation auf eine Gefährdung aufmerksam machen, die dann auch gehört wird". Greta Thunberg sei ein gutes Beispiel dafür, dass "durch glaubwürdige Personen manchmal es glücken kann, Kräfte zu entfalten, von denen wir gar nicht wissen, dass es sie gibt".

Jürgen Wertheimer: Sorry Cassandra! Warum wir unbelehrbar sind. Konkursbuch Verlag, 2021, 180 Seiten, ISBN 9783887694579

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