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StartseiteCampus & Karriere"Rassismus strukturiert unser gesellschaftliches Wissen"31.07.2018

Kritik an Lehrkräfteaus- und Weiterbildung"Rassismus strukturiert unser gesellschaftliches Wissen"

Angehende und fertig ausgebildete Lehrkräfte sollten mehr darüber sprechen, inwieweit Rassismus sie geprägt habe, sagte Karim Fereidooni von der Universität Bochum. Denn jeder, der in Deutschland aufwachse, habe rassismusrelevante Wissensstrukturen, die sein Handeln - auch im Unterricht - beeinflussten.

Karim Fereidooni im Gespräch mit Benedikt Schulz

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Das Logo des Netzwerks "Schule ohne Rassismus" an einem Schulgebäude (Imago)
Das Logo des Netzwerks "Schule ohne Rassismus" am Schulgebäude bedeutet nicht zwangsweise, dass in dieser Schule Rassismus gar kein Thema ist. (Imago)
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Benedikt Schulz: Die Twitter-Botschaften sind einzelne Stimmen, aber es gibt eben sehr viele dieser Stimmen - wie groß ist das Problem Rassismus an deutschen Schulen, und wie werden Lehrkräfte darauf vorbereitet? Wir wollen es genauer wissen - im Gespräch mit Karim Fereidooni. Er ist Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum und damit auch für die Ausbildung von Lehrkräften zuständig, vor allem aber beschäftigt er sich seit Jahren mit den Thema Rassismus im Bildungswesen - und ich hab ihn genau das gefragt: Wie groß ist das Problem Rassismus in deutschen Klassenzimmern?

Karim Fereidooni: Nun, eindeutige Zahlen kann ich Ihnen nicht liefern, aber ich bin der Meinung, dass Rassismus in jeder Schule, in jeder Bildungsinstitution ein Problem darstellt, wobei ich gar nicht von einem Problem reden würde, sondern von einem Strukturierungsmerkmal. Rassismus strukturiert unser gesellschaftliches Wissen, unser gesellschaftliches Handeln, also dass Rassismus auch in der Schule eine Rolle spielt, sowohl bei Lehrkräften als auch bei Schüler*innen und auch bei Schulmaterial wie Schulbüchern und so weiter.

Schulz: Wenn jetzt eine Schülerin mit türkischem Nachnamen vom Lehrer - nur mal ein Beispiel - die Rückmeldung bekommt, du sprichst aber gut Deutsch, ist das gedankenlos oder ist das schon rassistisch?

Fereidooni: Na ja, ich würde sagen, da ist jemand nicht in der Migrationsgesellschaft 2018 angekommen, sondern denkt nach wie vor, dass türkische Mädchen - da fängt's ja schon an, also man klassifiziert, wer ist türkisch, wer ist deutsch, da fängt's schon an -, da würde ich sagen, man denkt viel mehr an die Vergangenheit von Deutschland als homogenes Gebilde, wobei Deutschland eigentlich nie homogen war, und ist nicht in der Migrationsgesellschaft angekommen. Wenn jemand selbstverständlich wie eben das Mädchen vielleicht sogar in Deutschland geboren ist, aufgewachsen ist, sich heimisch fühlt in Deutschland, sie trotzdem als Türkin wahrzunehmen und nicht eben gleichzeitig auch als deutsche Person mit einer multiplen Identität, beispielsweise Mehrfachzugehörigkeit, und wenn man dann noch dazu übergeht zu denken, dass alle türkischen Mädchen, in Anführungsstrichen, oder türkischen Menschen im Allgemeinen schlecht Deutsch reden würden, dann würde ich schon davon reden, dass rassismusrelevante Wissensstrukturen dort angewendet werden.

"Wirklichkeit ist komplexer als Theorien auf dem Blatt"

Schulz: Also Strukturierung im Sinne, dass da jemand erst mal die Türkin sieht und nicht die Schülerin, die sie ja in erster Linie sein sollte für die Lehrkraft.

Fereidooni: Genau, zum Beispiel. Und da würde ich die Lehrkräfte anhalten, sich über eine Frage Gedanken zu machen, nämlich: Wann spielt eigentlich die Besonderheit meiner Schüler*innen eine Rolle? Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass man Schüler*innen ungleich behandeln muss, wenn sie gerade nach Deutschland gekommen sind, kein Deutsch sprechen können und so weiter in internationalen Förderklassen, dann muss man natürlich Unterschiede machen. Aber wann muss man denn alle Schüler*innen gleich behandeln im Sinne des Diskriminierungsschutzes? Also diese Frage ist eine ganz, ganz wichtige Frage in pädagogischen Settings, und das würde ich den Lehrer*innen mit an die Hand geben. Die Wirklichkeit ist komplexer als Theorien auf dem Blatt Papier.

Schulz: Sie sind ja für die Ausbildung von Lehrkräften zuständig an der Ruhr-Uni Bochum, welche Rolle spielt denn diese Frage oder spielt Rassismus oder sagen wir mal Sensibilisierung gegenüber diesem Thema überhaupt in der Ausbildung von Lehrkräften?

Fereidooni: In Bochum spielt es eine große Rolle, weil ich das befördern möchte. Und wenn ich an ganz Deutschland denke, dann kenne ich eigentlich nur eine Hand voll Kolleg*innen, leider, die das betreiben. Also leider, weil es so wenige sind. Und wie das konkret geschehen kann, also ich halte meine Studierenden an, sich eigentlich zwei Fragen zu stellen: Erstens, was passiert in meinem Unterricht Rassismusrelevantes, und zweitens, inwiefern befördern meine Materialien rassismusrelevante Wissensbestände. Wir sprechen in unseren Seminaren über den NSU, über Racial Profiling, aber auch über die AfD und lesen nicht nur wahnsinnig kluge Texte, sondern als Didaktiker habe ich auch die Aufgabe, Unterricht mit den Studierenden zu entwickeln, damit sie lernen, in die Klassen zu gehen, zum Beispiel in der achten Klasse über das Thema NSU mit den Schüler*innen dann Unterricht durchzuführen.

Also mein Ansinnen ist es, Rassismuskritik als ganz normale Professionskompetenz angehender und auch fertig ausgebildeter Lehrkräfte - ich führe auch Fortbildungsveranstaltungen durch – zu fokussieren. Also man sollte ohne Schaum vorm Mund, ohne nervös zu werden, ohne Schuldgefühle zu entwickeln – das ist ganz, ganz wichtig im pädagogischen Setting -, über Rassismus sprechen, weil das eben als ganz normale Professionskompetenz mit dazugehört. Genauso wie man in der Lage sein muss, grammatikalische Strukturen den Schüler*innen beizubringen, sollte man darüber selber nachdenken, inwiefern hat Rassismus mich geprägt, weil wir wissen, dass Rassismus bildet, also jede Person, die in Deutschland aufwächst, besitzt rassismusrelevante Wissensstrukturen – und dementsprechend auch handeln im Unterricht.

"Willst du wirklich Abitur machen?"

Schulz: Wenn wir jetzt so eine alltagsrassistische Bemerkung - jetzt wieder mal ein Beispiel: Eine Lehrkraft hat eben eine Zuschreibung gegenüber einer Schülerin oder eines Schülers -, was stellt das mit der Bildungsbiografie einer Schülerin, eines Schülers an, wenn zum Beispiel sie schlechter benotet wird, weil sie einen sogenannten Migrationshintergrund hat?

Fereidooni: Gut, ganz, ganz viel Negatives stellt das mit der Bildungsbiografie natürlich an, und vor allem kommt diese Situation, die Sie gerade dargestellt haben, nicht vereinzelt vor, sondern bei Rassismus geht es ja auch um die Systematik. Also man hört wahrscheinlich nicht einmal, du sprichst aber gut Deutsch oder wo kommst du denn her, ich sehe dir das doch an, dass du nicht aus Deutschland kommst, solche Sätze hört man nicht nur einmal, sondern sehr, sehr oft im Laufe der Biografie, aber auch der Bildungsbiografie – oder: Willst du wirklich Abitur machen, mach doch lieber eine Ausbildung, das passt besser zu dir. Solche Sachen lagern sich natürlich ab, vielleicht kommt es dazu zu einer Internalisierung dieser negativen Aussagen, indem man sich beispielsweise dann gar nicht mehr als Deutscher oder Deutsche wahrnimmt, sondern sagt, ich bin Türke, oder dass man den Glauben an sich selber verliert, indem man sagt, ja, vielleicht haben die ja recht, wenn meine Lehrkräfte mir sagen, vielleicht ist es nicht gut, dass ich Abitur mache. Ich bin dafür nicht gemacht.

Also es kommt auf der einen Seite bei Personen, die so was erleben, zu einer Internalisierung, aber ich möchte auch gerne über meine weißen Deutschen Studierenden sprechen, auch über weiße deutsche Lehrkräfte, denn oftmals glaubt man ja, Rassismus hätte nur was mit den Leuten zu tun, die Ali, Aicha, Mohammed und so weiter heißen. Das ist aber nicht so, denn Rassismus hat auch was damit zu tun mit Leuten, die Petra, Gabriele und Paul heißen. Wenn beispielsweise Karim im Alter von acht Jahren als Macho konstruiert wird von seiner Grundschullehrerin und das im weiteren Laufe seiner Bildungsbiografie häufiger geschieht - also Macho, Terrorist und so weiter -, dann erfährt natürlich Karim Gewalt. Aber ich würde auch von der anderen Person, von der Grundschullehrerin sprechen wollen und deren Sozialisationserfahrungen, denn sie hat im Laufe ihrer Sozialisation ja auch Gewalt erlebt, sonst würde sie ja nicht einen achtjährigen Jungen als Macho identifizieren. Also wir müssen tatsächlich über Bilder von allen Menschen sprechen, die sie im Kopf haben, aber das eben ohne erhobenen Zeigefinger.

Schulz: Sagt Karim Fereidooni. Er ist Juniorprofessor für die Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Uni Bochum und damit auch für die Ausbildung von Lehrkräften zuständig, insbesondere was das Thema Rassismuskritik angeht. Herr Fereidooni, danke schön, herzlichen Dank!

Fereidooni: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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