Montag, 27. Juni 2022

Affäre um „Zeit“-Mitherausgeber Joffe
„Das ist ein No-Go“

Ein „Zeit“-Mitherausgeber, der einen befreundeten Banker vor Recherchen der eigenen Redaktion warnt – diese Enthüllungen über Josef Joffe hatten für Kritik und Verwunderung gesorgt. Nun gibt es Konsequenzen. Was sagt der Fall über Machtverhältnisse und Interessenskonflikte im Journalismus aus?

Text: Michael Borgers | Volker Lilienthal im Gespräch mit Stefan Fries | 17.05.2022

Josef Joffe, hier bei einer Veranstaltung in Hamburg 2016
Josef Joffe - gut vernetzter Journalist und seit 2000 Herausgeber der "Zeit" (picture alliance / dpa)
„Ich habe Dich gewarnt, was in der Pipeline steckte, und meiner Intervention war es zu verdanken, dass das Stück geschoben wurde und die Bank Gelegenheit erhielt, Widerrede zu leisten.“ Es ist vor allem dieser Satz in Bezug auf die Cum-Ex-Affäre, der dafür gesorgt hat, dass Josef Joffe nun sein Amt als Mitherausgeber bis zu seinem Vertragsende ruhen lassen wird, wie der Verlag der „Zeit“ gegenüber verschiedenen Medien bestätigt hat.
Geschrieben hatte Joffe diese Worte 2017 an Max Warburg, damals stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der M.M.Warburg & CO, einer 1798 von seiner eigenen Familie gegründeten Privatbank. Zwei Jahre nach dem Brief, 2019, war Warburg im Zuge der Cum-Ex-Affäre zurückgetreten.

Journalist Schröm veröffentlicht Brief von Joffe

Nachdem der "Spiegel" Anfang Mai über den Fall berichtet hatte, machte Oliver Schröm das Schreiben öffentlich. Als Journalist war er – auch für die „Zeit“ – entscheidend an den Enthüllungen über die Steuerbetrugsmasche beteiligt gewesen.

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Die „Zeit“ betonte nach Bekanntwerden des Briefs, es habe „keinerlei Einfluss auf die Berichterstattung gegeben“. Was das inhaltliche Ergebnis betrifft, bestreitet Schröm das in seinem Thread auch nicht. Er beschreibt aber, wie es auf dem Weg bis zur Veröffentlichung des recherchierten Artikels zu Gesprächen mit Anwälten und Sprechern der Bank in den Räumen der „Zeit“ gekommen ist. Und wie dabei juristische Anzeigen in Aussicht gestellt worden seien.
In den Jahren der Cum-Ex-Recherchen habe es immer wieder Versuche gegeben, Berichterstattung zu beeinflussen oder zu verhindern, so der Journalist. „Und es gab auch immer wieder interne Foulspiele. Letztlich erfolglos – wir haben immer alles veröffentlicht!“

Kritik an Joffe: "Compliance nach außen einhalten"

Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes (DJV), Frank Überall, hatte die Enthüllungen über Joffes Warnungen an das Bankhaus in Deutschlandfunk Kultur als „klare Grenzüberschreitung“ bezeichnet. Seinen faktischen Rückzug als Mitherausgeber kommentierte Daniel Drepper, Vorsitzender des "Netzwerk Recherche" und selbst Journalist, nun als „gutes Zeichen für die Kolleg:innen der ‚Zeit‘ und ihre unabhängige Berichterstattung“.

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Es gebe nicht nur bestimmte Regeln nach innen, sagte Volker Lilienthal*, Professor für Journalistik an der Universität Hamburg, im Deutschlandfunk, mit Blick auf Vorgänge in anderen Verlagen zuletzt. Auch nach außen gelte es, „Compliance einzuhalten“. Ein maßgebliches Mitglied einer Redaktion dürfe nicht Objekte der Berichterstattung nach außen hin vorzeitig warnen. So werde das Redaktionsgeheimnis beschädigt und außerdem eine „einstweilige Verfügung“ riskiert, so Lilienthal. “Das ist ein No Go, das schickt sich nicht.“
Grundsätzlich gebe es verschiedene Arten, das Amt des Herausgebers auszufüllen, erklärt der Medienwissenschaftler. So seien etwa bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die Herausgeber gleichzeitig auch Chefredakteure. Im Fall der „Zeit“ gehe es um „so etwas wie intellektuelle Führung“. Das habe beispielsweise unter Helmut Schmidt, Ex-Kanzler und bis zu seinem Tod 2015 „Zeit“-Mitherausgeber, auch bedeutet, dass dieser an Redaktionskonferenzen teilgenommen und dort sein Missfallen über Berichterstattung geäußert habe.

Mehr zu Zeitungen und Zeitschriften:

„Aber es ist absolut legitim, dass ein Herausgeber insofern seinem Arbeitsauftrag nachkommt“, unterstreicht Lilienthal. „Was aber eben nicht erlaubt ist, ist Redaktionsinterna auszuplaudern.“

Auseinandersetzung mit dem ZDF wegen Satire-Beitrag

Joffe begann Mitte der 1970er-Jahre seine Karriere bei der „Zeit“. Nach einer Tätigkeit als Chef der Außenpolitik bei der „Süddeutschen Zeitung“ kehrte er 2000 zu der Wochenzeitung zurück und wurde neben Helmut Schmidt ihr Herausgeber (und war zwischenzeitlich auch noch ihr Chefredakteur).
Es ist nicht das erste Mal, dass Joffe selbst Gegenstand von Berichterstattung wird. 2014 hatte sich die ZDF-Satire-Sendung „Die Anstalt“ mit der Frage der Unabhängigkeit von Journalisten beim Thema Sicherheitspolitik befasst und dabei Joffes Mitgliedschaften bei verschiedenen Organisationen thematisiert.
Joffe sei Mitglied, Vorstand oder Beirat in acht verschiedenen transatlantischen Organisationen, hieß es dabei. Grundlage des Sketchs war eine Untersuchung des Leipziger Medienwissenschaftlers Uwe Krüger gewesen, der nun auch wieder daran erinnerte. Er habe schon damals Joffes Beiratstätigkeit für die Hypovereinsbank „seltsam“ gefunden, so Krüger auf Twitter.

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Joffe war damals gemeinsam mit dem ebenfalls erwähnten „Zeit“-Redakteur Jochen Bittner gegen die Berichterstattung im ZDF juristisch vorgegangen. In letzter Distanz wies allerdings 2017 der Bundesgerichtshof die Klage der beiden ab.
*Transparenzhinweis in eigener Sache: Volker Lilienthal ist seit März 2019 Mitglied im Verwaltungsrat des Deutschlandradio.