Mittwoch, 30. November 2022

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Kritik aus den USA
Ökonom: Amerika profitiert auch vom schwachen Euro

Die Trump-Regierung wirft Deutschland Ausbeutung der Handelspartner vor: Die Bundesrepublik würde den Euro bewusst auf schwachem Niveau halten, um die eigenen Exporte anzukurbeln. Er könne die Vorwürfe verstehen, sagte Wirtschaftswissenschaftler Max Otte im DLF. Doch auch die USA profitierten vom schwachen Euro.

Max Otte im Gespräch mit Dirk Müller | 01.02.2017

    Der Ökonom Max Otte
    Die Trump-Regierung würde die positiven Effekte des schwachen Euro nicht sehen, sagte der Ökonom Max Otte im DLF. (imago / Hoffmann)
    Dirk Müller: Harte Kritik gibt es jetzt von der Trump-Mannschaft an Deutschland. Washington wirft der Bundesregierung Ausbeutung vor, und zwar des Euro. Demnach hält Deutschland den Euro bewusst auf schwachem Niveau, um die Exporte weiter erfolgreich anzukurbeln. So hört sich das zumindest an, wie das aus Washington formuliert wird. Und der zweite Vorwurf: Milliarden Überschüsse der Deutschen in der Handelsbilanz - das kann nun niemand bestreiten -, die ganz bewusst nicht abgebaut werden. Das ist der zweite Vorwurf aus den USA. Berlin reagiert empört, entsetzt, wie so oft auf diese Vorwürfe, bislang allerdings unter vorgehaltener Hand.
    Heftige Kritik am wirtschaftlichen Vorgehen Deutschlands - unser Thema nun mit dem Kölner Finanz- und Wirtschaftswissenschaftler Professor Max Otte. Guten Tag.
    Max Otte: Guten Tag, Herr Müller.
    Müller: Kann Donald Trump auch einmal recht haben?
    Otte: Ob er recht hat oder nicht, das sei dahingestellt. Aber diese Sachen sind ja ein alter Hut, sie sind überhaupt nicht neu. Das ging schon unter Jimmy Carter und Helmut Schmidt los, als Jimmy Carter den Deutschen vorwarf, zu wenig Inflation zu haben. Das ist so ein ähnlicher Vorwurf. Aber in der Tat ist natürlich durch den Euro die D-Mark nicht mehr da und die D-Mark wäre stärker, sie wäre stärker als der Euro und damit haben wir natürlich schon ein Konstrukt in der Euro-Zone, das tendenziell die deutsche Währung abwertet beziehungsweise dass das, was eine deutsche Währung wäre, also eine D-Mark, abwertet, und der Euro ist schwächer als die D-Mark.
    "Es gibt zu allem zwei Seiten der Medaille"
    Müller: Also hat er recht?
    Otte: In gewisser Weise ja, aber so einfach ist es dann natürlich auch nicht. Der schwache Euro führt dazu, dass die Amerikaner reihenweise hier Mittelstandsunternehmen aufkaufen, dass 60 Prozent der DAX-Unternehmen mittlerweile nicht mehr in deutscher Hand sind. Es gibt zu allem zwei Seiten der Medaille. Aber zunächst einmal ist es tatsächlich so, dass die Konstruktion des Euro, dass das europäische Währungssystem zu hohen Handelsüberschüssen und Leistungsbilanzüberschüssen insbesondere in Deutschland führt.
    Müller: Also ist der Euro eine Abwertungswährung?
    Otte: Es war zumindest eine Aufwertungsbremse für Deutschland, denn die deutsche Wirtschaft war so stark oder ist so stark, dass die D-Mark, wenn wir sie noch hätten, wohl immer mal wieder aufgewertet hätte, wie das auch in der Vergangenheit der Fall war. In der Vergangenheit war das so und es hat damals unserem Export auch nicht geschadet.
    Müller: Aber ist das so? Kann der deutsche Export überhaupt "verhindert" werden? Denn es sind ja zum Teil sehr teure Produkte, die auch ganz bewusst wegen ihrer vermeintlichen Qualität gekauft werden, ganz gleich wie viel sie kosten.
    Otte: Das ist richtig. Das ist das Nächste dabei, dass in der Tat viele deutsche Mittelständler Alleinstellungsmerkmale haben auf dem Weltmarkt und dass das auf die Leistung der deutschen Wirtschaft zurückzuführen ist. Italien hat sehr häufig abgewertet, als wir noch die Lire hatten, aber das hat den Exporten auch immer nur teilweise und temporär geholfen.
    "Da profitiert Amerika natürlich auch von"
    Müller: Aber insgesamt hat der Euro dann auch im Euro-Raum durch die Abwertung gerade auch im Vergleich zu den USA an Vermögen, an Wert verloren.
    Otte: Das ist richtig. Der Euro ist in der Tat eher auf der schwachen Seite der Währungen im Moment. Also kann man diese Vorwürfe verstehen. Aber sie sind natürlich einseitig. Man greift sich das raus, was man gerade kritisieren will, und sieht dann auf der anderen Seite die positiven Effekte nicht. Die Amerikaner machen eine sehr lockere Geldpolitik, sie haben die Niedrigzins-Politik im Prinzip eingeleitet. Da profitiert Amerika natürlich auch von. Das hat alles seine zwei Seiten.
    Müller: Aber die Amerikaner steuern jetzt, Herr Otte, ja wieder dagegen. Das heißt, mit der Zinsspirale geht es leicht zumindest tendenziell aufwärts. Bei uns bleibt Mario Draghi dabei und sagt, das was jetzt sich in der Euro-Zone tut, die Inflationsrate ist ja nun jetzt auch signifikant gestiegen in den vergangenen Wochen und Monaten, wir bleiben erst mal dabei bei der Null-Zins-Politik.
    Otte: Ja, und da kann sich in der Tat die Schere auftun und das kann dann tatsächlich zu einem Problem werden. Das Problem ist auch, dass sich die Euro-Länder im Moment höhere Zinsen und eine Veränderung der Politik fast nicht leisten können. Dann wäre zum Beispiel Italien sehr stark bedroht, dann wären die Südländer in der Klemme, was sie jetzt schon sind. Von daher kann sich da eine weitere transatlantische Schere auftun und da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, was dann passieren wird.
    Müller: Für Sie ist das ganz klar, wir sind nach wie vor in ganz massiver Mithaftung mit allen Beteiligten?
    Otte: Das ist richtig und ich habe ja immer dafür plädiert, dass die Euro-Zone atmet, dass man auch die Schwachwährungen mal wieder entlassen kann und nicht dieses Gewaltkonstrukt, wie wir es jetzt haben, durchsetzt, und vielleicht bringt ja die Regierung Trump Bewegung in diese Dinge hinein.
    Müller: Aber dann wäre ja ganz Südeuropa weg.
    Otte: Was heißt weg? Dann hätten sie zum Teil ihre eigenen Währungen wieder. Sie könnten eine eigene Wirtschaftspolitik machen, sie könnten sich in ihrem Tempo entwickeln, aber man müsste sie nicht aus Brüssel und aus Frankfurt zwangsbeglücken.
    "Wir sind mitten drin in der Transferunion"
    Müller: Wolfgang Schäuble täuscht die Öffentlichkeit, wenn er sagt, wir sind keine Transferunion?
    Otte: Natürlich. Das ist nun wirklich ganz offensichtlich, dass der Schritt zur Transferunion vor zwei, drei Jahren spätestens gemacht wurde und dass die Europäische Union, ob das die gemeinsame Bankenhaftung ist, ob das die Haftung für Staatsschulden ist, dass wir mitten drin sind in der Transferunion.
    Müller: Und durch Mario Draghi, durch den Ankauf der Staatsanleihen?
    Otte: Das ist ein zusätzlicher Schritt.
    Müller: Also wird alles noch viel schlimmer?
    Otte: Es wird zumindest härter. Die Zwangsmaßnahmen, die Maßnahmen werden drastischer, weil man mit allen Mitteln versucht, dieses Konstrukt Euro-Zone zu retten, ja.
    Müller: Reden wir über die amerikanische Perspektive. Sie haben dort viele Jahre gelebt, Max Otte, und studiert, auch unter Ben Bernanke, daran erinnere ich mich noch, der frühere Chef der amerikanischen Federal Reserve, der Notenbank in den Vereinigten Staaten. Was könnten die Amerikaner machen, um uns unter Druck zu setzen?
    Otte: Ach ja, Trump zieht ja ein ganzes Panoptikum an Maßnahmen raus, ob das Strafzölle sind. Ich meine, der amerikanische Druck ist doch die letzten 15 Jahre massiv da, sei es auf VW über Rechtsstreitigkeiten, über die Deutsche Bank. Diese Asymmetrie in den Rechtsstreitigkeiten ist da. Der Druck über die Technologiegiganten ist da. Da ist eine ganze Menge an Druck da. Was jetzt noch dazu kommt, wird sich zeigen. Aber zumindest ist jetzt mal der politische Druck weiter da und die Dinge werden noch offensiver angesprochen.
    Müller: Strafzölle, ist das eine Option, die realistisch ist?
    Otte: Das wäre schon ziemlich weit hergeholt beziehungsweise sehr schwierig. Da müsste man schon aus einigen internationalen Vereinbarungen aussteigen. Ob Trump so weit gehen wird, das wage ich zu bezweifeln. Aber bis jetzt hat er schon hier und da auch an anderen Stellen überrascht.
    Müller: Wollte ich gerade sagen! Bisher hat er ja in den ersten zehn, zwölf Tagen eher signalisiert, dass er mit den alten Verträgen eigentlich nichts zu tun hat, wenn er bessere Ideen hat.
    Otte: Ja, das bleibt abzuwarten.
    "Eine weitere Öffnung nach Asien und Russland hielte ich nicht für verkehrt"
    Müller: Was hätte das für Konsequenzen, Strafzölle auf Deutschland? Dann würden wir uns ganz einfach andere Exportmärkte suchen, noch mehr nach China gehen?
    Otte: Ja, richtig. Ich meine, diese transatlantische Freihandelszone, die gibt es ja schon fast, was mit TTIP kommen sollte, und TTIP war ja letztlich nicht mehr Freihandel, außer in einigen wenigen Sektoren, sondern es ging darum, wer die Regeln macht, ob die Regeln von den Großkonzernen vor allem in den USA geschrieben werden, oder international zwischen Staaten. TTIP mag ja vielleicht jetzt nicht kommen, das ist die eine Sache, aber wir haben ja weitestgehenden Freihandel und Integration der Wirtschaft in Europa, vor allem Deutschland-USA. Da eine gewisse Multipolarität, eine weitere Öffnung nach Asien und auch nach Russland hielte ich nicht für verkehrt.
    Müller: Das heißt, wir sollen auch mit den Chinesen noch besser zurechtkommen, als wir das ohnehin jetzt in den vergangenen Jahren versucht haben?
    Otte: Das ist schwer und Deutschland ist ja nun nicht mehr das größte Land, sondern eher ein mittlerer bis mittelkleiner Player international, wenn auch wirtschaftlich natürlich noch sehr stark. Man muss dann sich überlegen, wie man in der Tat Handelspolitik betreibt, wie man ein Handelsregime durchsetzt, und das könnte dann natürlich auch zu einem Umdenken in der EU führen, dass wir aktivere EU-Handelspolitik betrieben, was letztlich natürlich, wenn das wohl überlegt wäre, eine gute Sache wäre.
    Müller: Das würde aber umgekehrt bedeuten, immer mehr chinesischer Einfluss in Europa.
    Otte: Richtig. Aber gut: Wenn wir unsere eigenen Unternehmen nicht im eigenen Kapitalstock behalten, sondern die Anteile verkaufen an amerikanische Private Equitys und internationale Private Equitys, warum dann nicht auch ein paar Chinesen. Besser wäre dann auch das, was Sigmar Gabriel mal gesagt hat, dass man so einen Mittelstandsfonds macht, dass man aus unseren Überschüssen im Prinzip auch in eigene Unternehmen, in Kapitalbeteiligungen investiert. Warum denn nicht!
    Müller: Also ist da schon ein großes Ungleichgewicht, dass wir - ich sage jetzt wir, ohne das weiter definieren zu wollen, dass man in der Bundesrepublik, die Bundesregierung, die deutsche Wirtschaftspolitik nicht genug darauf achtet, das ist jetzt meine Frage, auch in Deutschland zu investieren, dass die Binnennachfrage noch besser in Schwung kommt?
    Otte: Ja, in der Tat. Europa ist insgesamt international schlecht vertreten, was die eigenen Wirtschaftsinteressen angeht, und Deutschland ist in Europa auch nicht so besonders gut vertreten. Da könnte Europa sich schon etwas mehr besinnen und überlegen, was ist in europäischem Interesse, und dann gehört natürlich legitimerweise auch die Frage dazu, was ist in deutschem Interesse.
    Müller: Bei uns heute Mittag im Deutschlandfunk der Kölner Finanz- und Wirtschaftswissenschaftler Professor Max Otte. Danke, dass Sie für uns wieder Zeit gefunden haben. Ihnen noch einen schönen Tag.
    Otte: Guten Tag.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.