Donnerstag, 19.07.2018
 
Seit 15:35 Uhr @mediasres
StartseiteEuropa heuteDie Alten auf Žirje machen ihr eigenes Ding29.06.2018

Kroatiens Adria (5/5)Die Alten auf Žirje machen ihr eigenes Ding

Zwei Kriege und ein gutes Leben: Die 94-jährige Ivanica ist die Chronistin eines ganzen Jahrhunderts kroatischer Geschichte. Sie hat als Partisanin gekämpft und Tito verehrt. Auf ihrer Heimatinsel Žirje gibt es mehr Autos als Menschen und wer Mitte 50 ist, gehört zu den Jungen.

Von Grit Eggerichs

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ivanica, 94, vor einem Porträtbild des jugoslawischen Diktators Tito (Deutschlandradio/ Grit Eggerichs)
Ivanica, 94, vor einem Porträtbild des jugoslawischen Diktators Tito (Deutschlandradio/ Grit Eggerichs)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Kalenderblatt Als die Wehrmacht Jugoslawien und Griechenland angriff

Die Müllabfuhr kommt normalerweise per Schiff. Aber sie war schon zwei Monate nicht mehr da. Am Müllplatz zwischen Ober- und Unterdorf stapeln sich alte Regale, ein Schaukelstuhl, ein Sofa; und den übervollen Restmüllcontainern entströmt ein fieser Gestank. Ganz zu schweigen von den hunderten Autowracks, die in jedem Winkel der Insel stehen. Eins steht fest: Auf Žirje gibt es mehr Autos als Menschen.

Unten in der Bucht steht Ivanica in ihrer perfekt aufgeräumten Küche und rührt im Suppentopf. Sie ist groß, trägt einen schwarzen Sweater und Ringe in den Ohren. Wenn sie vom Herd zum Kühlschrank geht oder wenn sie Salz aus dem Schrank nimmt, hält sie sich unterwegs mit starkem Griff an allem fest, was sich bietet: die Arbeitsplatte, mein Arm, der Tisch. Ivanica ist 94.

"Ich sorge für mich selbst, immer noch. Ich steh allein auf, ich koche für mich. Wenn ich was brauche, rufe ich meinen Sohn in Split an, der schickt mir Einkäufe mit der Fähre. Und so läuft das, jeden Tag aufs Neue. Aber ich habe Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht – also, was soll ich sagen, es ist nicht toll. Aber wunderbar, dass ich immer noch meine eigene Herrin bin."

Wenige Junge helfen den vielen Alten

Es gibt keinen ambulanten Pflegedienst. Viele alte Menschen machen in ihren Häusern ihr eigenes Ding – und versuchen, mit der Hilfe der wenigen jüngeren Nachbarn zurechtzukommen.

Ivanica wird selten bei diesem Namen genannt – wegen ihrer dunklen Haare kennen alle sie als: Crna. Die Schwarze. Als Crna klein war, lebten auf Žirje mehr als 700 Menschen. Im fruchtbaren Binnenland der Insel gab es Felder und Gärten. In den Buchten lagen die Fischerboote.

"Wir wohnten mit meinem Onkel in einem Haus. Er hatte sieben Kinder und wir waren drei. Meine Schwester und ich schliefen in einem schmalen Bett. Nie hat jemand sein Haus abgeschlossen. Und wir, die Jungen – wir haben jeden Tag gesungen, das ganze Liederbuch durch."

Heute kann es einer mittelalten Besucherin passieren, dass sie auf der Straße begrüßt wird mit den Worten: Omladina naša! Da ist sie, unsere Jugend! Der Altersdurchschnitt der Inselbewohner liegt bei knapp 70 – wenn man die Menschen zählt, die das ganze Jahr hier wohnen.

Mit 17 in den Widerstand

Die Häuser im Oberdorf haben bessere Zeiten gesehen, manche stehen seit Jahrzehnten leer. Die Fassade des Gemeindeclubs haben hunderte Verliebte mit eingeritzten Sinnsprüchen und Namen verziert. Noch vor 30 Jahren gab es hier jedes Sommerwochenende Disko und Kino. Damals hat Naser hier aufgelegt, mit Mitte 50 heute einer der Youngster von Žirje – und der Großneffe von Crna.

"Wo ist meine Crna?"

Sie hat sich nach dem Mittagessen hingelegt. Er weckt sie auf: Naser – benannt nach dem Ägypter Gamel Abdel Naser, Freund und Verbündeter von Jugoslawiens Präsident Tito. Naser ist stolz auf seine Großtante. Sie gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den Widerstandskämpfern gegen die faschistischen Besatzer. Und zwar schon mit 17! So alt war sie, als die Familie zusammen mit vielen anderen Inselbewohnern der Adria vor der deutschen Wehrmacht floh.

"Bis '43 war ich in Žirje. Und dann ging ich zu den Partisanen, ich wurde verwundet. Ich war auf Viš, in Bari, auf Malta und in El Shatt."

Die Insel Vis war das Hauptquartier der Partisanen unter Tito. Dort machte Crna einen Medizinkurs und versorgte die Verwundeten. Als die Wehrmacht Dalmatien besetzte, mussten die jugoslawischen Widerstandskämpfer weiter fliehen: über das von den Alliierten besetzte Italien nach Malta und schließlich nach Ägypten, wo die verbündeten Briten ein Flüchtlingslager einrichteten.

"Und wie war das damals, das Verhältnis zwischen den kroatischen Faschisten, den Ustasha und den Partisanen?"

"Wir wussten doch gar nichts damals, wir wussten nur, wer Italiener war, wer Ustasha war, das waren auf der Insel aber sehr wenige. Wir wussten ja nicht mal, wer Tito war."

Ivanica (links) gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den Widerstandskämpfern gegen die faschistischen Besatzer (Deutschlandradio/ Grit Eggerichs)Ivanica (links) gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den Widerstandskämpfern gegen die faschistischen Besatzer (Deutschlandradio/ Grit Eggerichs)

Krankenschwester im Rang eines Hauptmanns

Crna ist weit herumgekommen, wie viele der Inselbewohner Dalmatiens. Als sie nach Jugoslawien zurückkam, ging sie nach Belgrad und wurde Krankenschwester – im Rang eines Hauptmanns der jugoslawischen Volksarmee. Sie lernte ihren Mann kennen, einen Zahntechniker. Und kehrte schließlich nach Žirje zurück.

Im Krieg hat sie Menschen auf grausame Weise sterben sehen, sie hat Verwundete versorgt und wurde selbst verwundet. Die jugoslawische Armee hat ihr dafür Medaillen verliehen.

"Ich habe sieben oder acht Verdienstorden. Wenn ich sterbe, werden sie unter meinen Kopf gelegt."

Als Anfang der 90er-Jahre wieder ein Krieg ausbrach – der um die Unabhängigkeit Kroatiens von Jugoslawien –, da war sie nicht einverstanden. Und als sie nach dem Kroatienkrieg nach Žirje zurückkehrte, da taten die Leute so, als würden sie sie nicht verstehen.

"Sie haben mich alle ignoriert, weil sie der Meinung waren, ich würde Serbisch sprechen. Ein Žirjaner kam einmal an meinem Haus vorbei. Er fragte: Wie geht es dir? Ich sagte: Gut. Er: Freut mich, aber auf die Art solltest du nicht reden hier. Er wollte mir sagen, wie ich zu sprechen habe. Da habe ich zu ihm gesagt: Zur Hölle mit dir, dann sprich eben nicht mit mir und Schluss!"

Endlich kommt der Müllwagen

Jetzt, 25 Jahre nach Kriegsende, leben die Žirjaner einigermaßen friedlich zusammen. Naser und Crna sind sich ohnehin einig. Sie reden über Tito. Was für ein schöner Mann! Und wie lustig und frech, als er damals beim Staatsbesuch im Weißen Haus einfach eine Zigarre geraucht hat. Obwohl man nicht rauchen durfte. Eine Havanna!

Auf dem Weg zurück zum Festland legt das Schiff auch an der Insel Zlarin an. Und siehe da, ein gefüllter Müllwagen fährt auf die Fähre. Bis hierher hat er es schon geschafft – dann ist für Žirje vielleicht auch noch Hoffnung.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk