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StartseiteHintergrund"Libra" mischt die Welt des Geldes auf16.09.2019

Kryptowährungen"Libra" mischt die Welt des Geldes auf

Weltweit existieren mittlerweile 3.900 Kryptowährungen - und kommendes Jahr will Facebook gemeinsam mit anderen Großkonzernen das elektronische Zahlungsmittel "Libra" auf den Markt bringen. Könnte privat geschaffenes Geld den Euro und andere staatliche Währungen verdrängen?

Von Caspar Dohmen

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Ein Smartphone mit Facebook-Logo auf dem Display wird neben ein Logo von Libra gehalten. (picture alliance/dpa/Kay Nietfeld)
Die Währung der Freiheit? Facebook verspricht mit "Libra" viele Vorteile beim Bezahlen. (picture alliance/dpa/Kay Nietfeld)
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Berlin Schöneberg. Potsdamer Straße. Aus der Filiale des Bargeldtransfer-Dienstleisters Western Union tritt ein älterer Herr: Anzug, Hemd, Schlips und ein Rucksack locker über der Schulter.

"Na, ich überweise immer Geld nach Kenia, weil die nichts zu essen haben, nichts zu trinken."

Der Mann unterstützt arme Familien in dem ostafrikanischen Land. Wie ist der Geldtransfer?

"Nicht teuer, nicht schwierig und schnell. In einer halben Stunde ist mein Geld in Kenia."

Künftig soll dies für alle Menschen fast umsonst möglich sein. Das verspricht zumindest ein Konsortium um den US-Konzern Facebook, das im Frühjahr 2020 mit dem neuen digitalen Zahlungsmittel "Libra" starten will. Der Herr ist skeptisch.

"Jeder will Geld von Ihnen."

Viele reagierten genauso skeptisch auf die Bekanntgabe der Pläne und mancher Akteur fordert ein Verbot des Libra, dessen Bekanntgabe durch Facebook im Juni ein Paukenschlag war. Der Wissenschaftler und Vordenker der Geldreformbewegung Joseph Huber:

"Ich kann mich eigentlich nicht erinnern in den zurückliegenden zehn, 15, 20 Jahren, dass es einmal etwas gegeben hätte, bei der Zentralbanken und Finanzpolitik, die Parlamente und die Politiker, die Regierungen so schnell so stark einer gemeinsamen Meinung gewesen wären. Und der Grund ist, dass die meisten spontan verstanden haben, hier soll eine Konkurrenz aufgebaut werden zu den bisherigen nationalen Währungen."

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Ende August überraschte China die Welt mit der Nachricht, dass die Entwicklung des digitalen Yuan fertig sei. Ein weiterer Paukenschlag. China könnte als erstes Land eine digitale Zentralbankwährung in Umlauf bringen. Und bei dem alljährlichen Treffen der Notenbankenchefs im US-amerikanischen Jackson Hole sorgte der Chef der Bank of England Ende August für einen weiteren Paukenschlag. Mark Carney schlug die Schaffung einer digitalen Weltwährung vor, die gemeinsam von einigen Notenbanken getragen werden könnte. Zwischen den drei Ideen gibt es gehörige Unterschiede, aber sie zeigen allesamt: die Welt der Währungen ist in Bewegung.

Momentan gibt es 3.900 Kryptowährungen

Eine wesentliche Rolle spielt dabei eine technologische Innovation, die sogenannte Blockchain. Dank ihr braucht niemand mehr Mittelsleute bei der Überweisung von Geld. An die Stelle der Bank mit ihren Mitarbeitern tritt eine Maschine. Erstmals wurde die neue Basistechnologie bei der Krytowährung Bitcoin verwendet, die in der Finanzkrise das Licht der Welt erblickte als das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber Banken einen Höhepunkt erreicht hatte.

Mark Carney spricht in London am 1. August 2019 (AP Images / Chris J Ratcliffe)Mark Carney, Chef der Bank of England, schlug die Schaffung einer digitalen Weltwährung vor (AP Images / Chris J Ratcliffe)

Wer den Bitcoin erfunden hat, weiß man nicht. Aber die Idee fand viele Nachahmer. Wer dieser Tage auf dem Genfer Flughafen wartet, kann auf Monitoren neben den Kursen von Euro und Dollar oder dem Preis von Gold oder Silber auch die Kurse der Kryptowährungen Bitcoin, Ethereum und Ripple studieren, was zeigt, wie etabliert diese Kryptowährungen bereits sind. Philipp Sandner von der Frankfurt School of Finance:

"Es gibt in den Büchern momentan 3.900 Kryptowährungen, davon sind aber eigentlich jetzt aufgrund der Zahlen nur so die Top 10, Top 20, oder Top 30 relevant. Das heißt, mit den Top 20 sind sie schon bei einer Marktabdeckung von 95 Prozent. Das heißt die Ränge 21 bis 3.900 sind nur noch fünf Prozent von der Gesamtkapitalisierung."

Der Bitcoin ist die erste so genannte Kryptowährung bei der Methoden der Verschlüsselung erfolgreich angewandt wurden, um ein dezentral sicheres digitales Geld zu schaffen. Basis ist die so genannte Blockchain-Technologie, die eigentliche Innovation. Wenn jemand etwa Bitcoin überweist, wird die Transaktion auf einer Vielzahl dezentral verteilter Rechner wie in einer Art Kassenbuch erfasst. Eine Überweisung ist nur gültig, wenn sie von allen beteiligten Rechnern authentifiziert ist. Und weil die Informationen über die Transaktionen auf allen beteiligten Rechnern erhalten bleibt und damit für alle Nutzer einsehbar ist, ist das System ziemlich fälschungssicher. Gleichzeitig bleiben aber Absender und Empfänger von Zahlvorgängen anonym, was auch Kriminelle anlockt.

Fachleute halten den Begriff Kryptowährung für falsch. Aber der Begriff hat sich faktisch durchgesetzt. Im deutschsprachigen Raum spricht man aber auch von Kryptogeld oder Krypto-Token. Trotz ihrer rasanten Vermehrung in den vergangenen zehn Jahren sind Kryptowährungen - gemessen an der Zahl der Transaktionen - unbedeutend. Bundesbankvorstand Burkhard Balz:

"Krypto-Token sind nach wie nur vor eine Nische im Finanzsektor. Sie sind sicherlich interessant, aber im Vergleich zu einer realen Währung unbedeutend. Nur einige Zahlen. Bitcoin ist der ja mit Abstand momentan bekannteste, bedeutendste Krypto-Token, verzeichnet pro Tag etwa 300.000 Transaktionen."

Weltweit.

"Wenn sie dann in Deutschland den Zahlungsverkehr sich anschauen, dann haben wir mehr als 60 Millionen Transaktionen täglich."

Versprechen, die Probleme der Welt mit Technologie zu lösen

Unternehmen wie Amazon, Google oder Facebook haben in weiten Teilen der Welt eine monopolartige Stellung. Übernehmen Konzerne nun auch die Regie bei der Blockchain-Technologie?

Unternehmen, die dem Libra-Konsortium beitreten, müssen eine Marktkapitalisierung von mindestens einer Milliarde US-Dollar oder mehr als 20 Millionen Kunden aufweisen und zum Einstand zehn Millionen Dollar zahlen. 28 Großkonzerne sind bislang dabei, darunter die Kreditkartenfirmen Mastercard und Visa, der Telekommunikationskonzern Vodafone sowie Spotify, Uber und Ebay und diverse Risikokapitalgeber. Facebook selbst ist über seine Tochterfirma Calibra beteiligt, die eigens für dieses Vorhaben gegründet wurde.

Die Macher aus dem Silicon Valley haben schon öfter Projekten vielversprechende Namen gegeben und davon geredet, die Probleme der Welt mit ihrer Technologie lösen zu können. So ist es auch dieses Mal. Im Konzeptpapier heißt es:

"Wir glauben, dass die Welt eine globale und wahrhaft digitale Währung braucht, die die Eigenschaften der besten Währungen der Welt vereint: Stabilität, geringe Inflationsrate, starke weltweite Akzeptanz und Fungibilität. Die Libra-Währung wurde geschaffen, um diese globalen Bedürfnisse zu befriedigen und dafür zu sorgen, dass mehr Menschen weltweit Geld besser nutzen können."

Schon der Name "Libra" klingt nach großer Freiheit und damit verbunden wird das Versprechen, den Armen dieser Welt einen besseren Zugang zu Finanzdienstleistungen zu gewährleisten. Eine Bezahlfunktion soll in die Messanger App von Facebook und in die Plattform von deren Tochter WhatsApp eingebaut werden. Menschen die kein Mitglied auf diesen Plattformen sind, sollen die neue Währung ebenfalls nutzen können. Dafür soll die digitale Brieftasche Calibra geschaffen werden.

Soweit bekannt soll das Zahlungsmittel Libra komplett durch andere Währungen wie den Dollar, Euro oder Yen unterlegt werden. Experten sprechen in diesem Fall von Stablecoin. Das soll ein Auf und Ab wie bei dem Kurs des Bitcoins und anderer Kryptowährungen verhindern. Wertstabilität gilt als Voraussetzung dafür, dass viele Menschen den Libra benutzen.

Erstaunt über gehörigen Gegenwind für Libra

Wenn künftig jeder mit wenig Aufwand von einer elektronischen Geldbörse auf seinem Smartphone Geld an jeden anderen Menschen mit einer solchen Geldbörse verschicken könnte, wäre das ein Fortschritt, vor allem für Menschen in Ländern mit schwachen Institutionen oder Währungen, findet der Forscher Philipp Sandner.

"Dort glaube ich schon, dass Libra eine gute Funktion hätte, den Leuten eine Basistechnologie zur Verfügung zu stellen, mit denen sie zum Beispiel rudimentäre Finanzservices wie eine Überweisung ausführen könnten. Das glaube ich schon, dass dort der Nutzen sehr hoch wäre. Hier den Libra jetzt hier in Deutschland sehe ich ehrlich gesagt gar nicht, es gibt auch gar keinen Grund, weil der Euro hier gut ist und funktioniert, auch Wertstabilität erzeugt und auch innerhalb eines Tages auch schon transferiert werden kann von einem Konto auf das andere."

Aber welche Folgen hätte die Libra-Währung mittelfristig? Allein Facebook hat 2,4 Milliarden Nutzer und die anderen beteiligten Großkonzerne haben ebenfalls Daten von Milliarden Kunden. Schon aufgrund dieser schieren Menge könnte sich eine Dynamik ergeben, die bisherige Kryptowährungen bislang nicht entfaltet haben. Gerhard Schick, früher Finanzpolitiker bei den Grünen und heute Chef der Nichtregierungsorganisation Finanzwende:

"Diese Konkurrenz kann in einzelnen Ländern sehr schnell kommen. Wir haben ja Länder mit schwachen Währungen z.B. in Afrika, wo heute Dollar oder Euro schon eine Art Ersatzwährung sind. Und da kann es, wenn da viele Leute sind, die ein Facebook-Konto haben, aber kein Bankkonto, sehr schnell dazu kommen, dass Libra eine bedeutende Rolle in der Wirtschaft spielt. Und wenn man das dann mal über mehrere Länder sich anschaut, angesichts der mehreren Milliarden Facebook-Nutzern, halte ich es für plausibel, dass Facebook auch in dem Zahlungsverkehrsbereich eine monopolartige Stellung bekommt. Wir meinen bei Finanzwende, Libra muss verboten werden und zwar bevor es an den Start kommt, denn die Gefahr ist, dass man es nachher nicht mehr verbieten kann."

Der Wissenschaftler Philipp Sandner ist erstaunt über den gehörigen Gegenwind für Libra.

"Es wird ja kein neues Geld geschöpft, sondern es werden einfach existierende Währungen neu verpackt. Deswegen wundert mich viele Kritik auch. Aber ich glaube trotzdem, dass Libra kommen wird. Die werden eben das Konzept entsprechend anpassen, dass es den Anforderungen von Staaten und Behörden möglichst eben entspricht."

Bei der Bundesbank sieht man keinen Grund zur Eile. Vorstand Burkhard Balz:

"Also wir sind erst Mal als Bundesbank offen für Innovationen, von daher sagen wir, dass mit Verboten, glaube ich, da nicht wirklich geholfen ist. Ich glaube, wir müssen uns sehr genau anschauen, was wir auch schon tun, wie dieses Projekt Libra im Detail aussieht und dann natürlich für uns als Deutsche Zentralbank Rückschlüsse ziehen, aber eben vor allen Dingen auch mit den Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern."

Bei Facebook gibt man sich kooperativ. Auf Anfrage teilt ein Unternehmens-Sprecher mit:

"Die Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden, politischen Entscheidungsträgern und Experten ist entscheidend für den Erfolg von Libra."

Libra könne geldpolitische Möglichkeiten der Notenbanken weiter schwächen

Der Aktivist Gerhard Schick ärgert sich über die "soziale Story", also die Betonung des finanziellen Zugangs für Arme, die Facebook mit dem Projekt verbindet:

"Das kaufe ich denen nicht ab, sondern die Idee dahinter ist schon Geld zu verdienen und auch wirklich die Welt zu dominieren, das hat Zuckerberg ja auch an anderen Stellen gezeigt."

Ehemaliger Grünen-Bundestagsabgeordneter Gerhard Schick (imago / IPON)Ehemaliger Grünen-Bundestagsabgeordneter Gerhard Schick (imago / IPON)

Da waren die Datenskandale um Cambridge-Analytica und Internettrolle, die den US-Wahlkampf beeinflussten. Viele Menschen misstrauen Facebook, wenn es um die Handhabung persönlicher Daten geht. Facebook verspricht die Zahlungsdaten mit den Daten der Facebook-Profile nicht vermengen zu wollen. Wie wenig solche Versprechen zählen, konnte man bei WhatsApp sehen. Bei der Übernahme des sozialen Netzwerkes hatte Facebook 2014 noch gelobt, die Daten von WhatsApp und Facebook zu trennen. Später brach Facebook sein Versprechen. Und die Verlockung wäre groß für Facebook dieses Mal genauso zu verfahren. Denn je verfeinerter die Profile von Nutzern sind, desto passgenauere Informationen kann Facebook Werbekunden geben. Und mit der Werbung macht der Social-Media-Riese schließlich einen Großteil seiner Milliardengewinne. Für Gerhard Schick wäre es ein Alptraum:

"Wenn man sich vorstellt, dass Facebook die Social-Media-Daten mit sämtlichen Finanztransaktionsdaten über Libra verbinden kann, dann ist der Weg zum gläsernen Menschen noch mal massiv weiter geschritten. Das ist extrem gefährlich auch für unsere Demokratie. Es gibt ja die Idee, da so eine Art digitale Identität zu schaffen, damit man sich legitimieren kann für Überweisungen. Es könnte sein, dass dann neben dem staatlichen Identitätsausweis es einen digitalen gibt, der von Privatunternehmen kontrolliert wird."

Das Kräfteverhältnis würde sich weiter zu Lasten des Staats und zugunsten von Konzernen verschieben.

Das Geldmuseum auf dem Gelände der Deutschen Bundesbank in Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Das Museum gliedert sich thematisch in die Bereiche Bargeld, Buchgeld, Geldpolitik und Geld global. In einem Film kann man sich verschiedene Orte anschauen, die Geld verbinden. Kryptowährungen sind hier noch kein Gegenstand, obwohl sie sich anschicken, die Welt des Geldes drastisch zu verändern. Der Libra könne die geldpolitischen Möglichkeiten der Notenbanken weiter schwächen, sagt der Wissenschaftler Joseph Huber.

"Die entscheidende Frage wäre aber, bleibt die 100-Prozent-Deckung oder würde nicht, wenn die Sache ein Erfolg wäre mit der Libra, würde dann nicht dieses Konsortium dazu übergehen Libra herauszugeben, auch ohne eine solche 100-Prozent-Deckung. Das wäre dann ein äußerst bedenklicher Schritt."

Auf digitalen Währungen könnte eine neue Weltwährung aufbauen

Die Verlockung ist groß. Denn dann könnte das Libra-Konsortium selbst Geld schöpfen. Das Privileg gewährt die Gesellschaft bislang nur Zentralbanken und Geschäftsbanken. Mit dem selbst geschöpften Geld könnte das Libra-Konsortium in das Kreditgeschäft einsteigen oder Investitionen tätigen. Es wäre ein unglaublicher Zuwachs an Macht und würde die Notenbanken schwächen. Denn schon heute schaffen die Zentralbanken mit den Banknoten und Münzen nur noch einen kleinen Anteil der Geldmenge. Der größte Teil – mehr als 98 Prozent im Euroraum – entsteht als Buchgeld bei der Kreditvergabe durch private Geschäftsbanken. Und der Allgemeinheit könnte es in einer Krise teuer zu stehen kommen, wenn sich private Kryptowährungen in großem Stil verbreiten.

Joseph Huber: "Die historische Erfahrung sagt, private Währungen können in solchen schweren Krisen nicht überleben. Es können nur die Währungen überleben, die einen mehr oder weniger starken Staat hinter sich haben und das ist überhaupt die Crux von Privatwährungen und eben auch diesen Kryptowährungen."

Im Krisenfall wäre dann Geldvermögen von Bürgern und Unternehmen in großem Umfang gefährdet, was keine Regierung kalt lassen könne.

"Sie haben wieder dieses Problem: too big to fail, to interconnected to fail."

Also zu groß oder zu vernetzt um Pleite zu gehen.

"Und das ist dann systemisch relevant und wir kommen dann wieder in den Sachzwang, dass die Staaten diese privaten Währungen retten müssen, ob sie wollen oder nicht, einfach um noch Schlimmeres zu verhindern. Und deswegen ist eigentlich, was ich sehe, man muss von vorneherein entweder Regeln haben, wie man die von vorneherein unter Kontrolle hat und behält oder man darf das nicht zulassen, dass es sich weit verbreitet."

So wie bei der Finanzkrise 2007. Damals wurden Banken durch Staaten mit Milliardenhilfen an Steuergeldern vor der Pleite bewahrt. Im Gegenzug wurden in vielen Ländern die sozialen Leistungen gekürzt. Der Wissenschaftler würde das Libra-Konsortium gesetzlich verpflichten, die Währung mit herkömmlichen Währungen zu decken.

Händler an der New Yorker Börse am 15. September 2008. (imago/ZUMA Press)Händler an der New Yorker Börse am 15. September 2008 (imago/ZUMA Press)

"Diese 100-Prozent-Deckung darf niemals 99 oder 95 Prozent, sie muss immer 100 Prozent sein. Das wäre eine wichtige Vorkehrung."

"Das könnte am Ende eine Option sein."

Sagt Bundesbankvorstand Burkhard Balz:

"Aber nochmal, wir sind momentan im Analyseprozess und ich glaube, man sollte jetzt auch nicht möglichen Lösungen oder Ergebnissen vorweg greifen."

Eigenes Digitalgeld in Landeswährung angedacht

Chinas Zentralbank reagierte schnell auf die Ankündigung des Libra mit eigenen Plänen. Ende August war es soweit. Wissenschaftler Philipp Sandner.

"Man möchte anscheinend noch in diesem Jahr, also diese Währung über, glaube ich, sieben oder acht Partnerbanken den Bürgern zur Verfügung stellen.

Den Chinesen ist die besondere Stellung des Dollar ein Dorn im Auge. Weil ein Großteil des Handels in Dollar abgewickelt wird, müssen Zentralbanken in großen Mengen Dollar halten. 61 Prozent der weltweiten Währungsreserven notieren in Dollar und die meisten Transaktionen im internationalen Zahlungssystem Swift laufen in Dollar ab. Es ist ein Missverhältnis, denn auf die USA entfallen nur 15 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Und die Chinesen befürchten, dass durch die Facebook-Währung Libra die Stellung der USA noch weiter gestärkt werden könnte.

"Es ist halt schon beeindruckend, dass China hier nach offenbar vier Jahren der Geheimniskrämerei, ein System fertig entwickelt hat, was kurz davor ist in Betrieb zu gehen und damit perspektivisch das Bargeld in China ersetzen wird. Das ist aus meiner Sicht ein geopolitisches Projekt. Auch Libra hat geopolitischen Charakter, mit dem Charakter einer potenziellen Weltwährung für bestimmte Länder."

Mehr als ein Dutzend Länder denken darüber nach, ob sie ein eigenes Digitalgeld in Landeswährung herausbringen wollen. Besonders weit ist Schweden. Konzepte gibt es auch in England, Kanada oder der Ukraine. Auf digitalen Währungen könnte eine neue Weltwährung aufbauen. Das hat Mark Carney vorgeschlagen, Chef der Bank of England. Auch er findet, dass der US-Dollar eine "destabilisierende" Rolle hat. Viele Länder seien wegen des Welthandels stark vom US-Dollar abhängig, litten aber unter dem Auf und Ab. Die eigene Währung werde nach unten gedrückt, weil der Dollar so stark sei. Der renommierte Notenbanker wirft vielen Fachleute vor, eine "zunehmend anachronistische" Sichtweise auf das Finanzsystem zu haben. Er schlägt ein Währungssystem mit mehreren Polen vor. Das könne man mit den neuen Technologien hinbekommen. Carney spricht von einem

"Netzwerk von digitalen Zentralbankwährungen"

Das wäre radikal. Aber die Idee einer Weltwährung ist schon alt. Bereits der große Ökonom John Maynard Keynes wollte eine Weltwährung schaffen, konnte sich mit der Idee aber nach dem Zweiten Weltkrieg nicht durchsetzen. Noch ist offen, wie sich die Welt der Währungen weiterentwickelt. Viel steht auf dem Spiel. Denn es macht einen großen Unterschied, wem unsere Gesellschaft die Herstellung von Geld am Ende des Tages erlaubt.

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