Donnerstag, 16. Mai 2024

Tierschutz in Deutschland
Warum Küken nun im Ausland getötet werden

Küken zu töten, ist seit 2022 in Deutschland verboten. Brütereien lassen Millionen Hähnchen weiterleben, statt sie zu schreddern. Doch der Tierschutz in der Geflügelhaltung hat dabei nicht unbedingt gewonnen. Das liegt auch an mangelnder Kontrolle.

29.06.2023
    Mehrere gelbe Hühnerküken stehen beieinadner in einem Stall.
    Seit 2022 ist es verboten, Küken in Deutschland zu töten. In den meisten Staaten der EU ist es hingegen weiterhin erlaubt. Das hat Folgen für die deutschen Brütereien. (imago / Panthermedia / szefei )
    Kaum geschlüpft, schon getötet: So wurde jahrzehntelang auch in Deutschland mit männlichen Küken von Legehennen verfahren. Denn sie legen keine Eier und bringen auch viel weniger Fleisch – im Gegensatz zu Hühnerrassen, die auf Mast gezüchtet sind. So wurden jährlich rund 45 Millionen Tiere durch Gas oder durch Schreddern getötet.
    Seit 1. Januar 2022 ist das Kükentöten in Deutschland gesetzlich verboten. Doch seither hat sich gezeigt, dass Geflügelbetriebe dieses Verbot umgehen können: im europäischen Ausland. Organisationen wie Foodwatch sagen, für den Tierschutz sei kaum etwas gewonnen. Selbst wenn die Hähnchen leben bleiben dürfen.

    Warum wurde das Kükentöten in Deutschland verboten?

    Das deutsche Tierschutzgesetz stellt es unter Strafe, ein Wirbeltier „ohne vernünftigen Grund“ zu töten oder ihm Leiden und Schmerzen zuzufügen.
    Seit 2002 ist der Tierschutz auch im Grundgesetz als Staatsziel festgeschrieben. Trotzdem blieb das millionenfache Kükentöten noch jahrelang Praxis. 2019 urteilte dann das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, dass dies mit dem Grundgedanken des Tierschutzes nicht vereinbar sei. Anders als bei Schlachttieren sahen die Richter keinen „vernünftigen Grund“ zum Töten der männlichen Küken.
    Denn dabei gehe es allein um das „wirtschaftliche Interesse“ an der Aufzucht von Legehennen, die besonders viele Eier legen können. Männlichen Küken dagegen werde jeder Eigenwert abgesprochen, ihre „Nutzlosigkeit“ stehe von Beginn an fest. Das Gericht erlaubte lediglich eine Übergangsfrist.
    Unter der damaligen Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) wurde der gesetzliche Ausstieg beschlossen. Sie sprach 2021 von einem bedeutenden Fortschritt für mehr Tierschutz. Deutschland wurde zum ersten Land weltweit, das das Kükentöten verbot.

    Welche Auswirkungen hat das Verbot auf die Brütereien?

    Brütereien wie Lohmann Deutschland beklagen enorme Folgen des Verbots, vor allem wirtschaftliche. „Europaweit ist nach wie vor das Hahnen-Kükentöten erlaubt und dementsprechend sind wir, was den europäischen Binnenmarkt anbelangt, schon lange nicht mehr wettbewerbsfähig“, sagt Geschäftsführer Tobias Ferling.
    Deutsche Firmen müssen investieren: in eine Technologie, mit deren Hilfe sich das Geschlecht des Kükens noch im Ei bestimmen lässt. Oder – wenn man die Küken doch schlüpfen lässt – in Betriebe, die die „Bruderhähne“ dann bis zur Schlachtreife mästen. Beides kostet viel Geld.

    Männliche Embryonen werden im Ei erkannt

    Bei der so genannten In-Ovo-Geschlechtsbestimmung wird ein vorgebrütetes Ei zum Beispiel mit einer Kamera durchleuchtet. Die so erkannten männlichen Embryonen werden aussortiert und später verfüttert. Die weiblichen kommen zurück in die Brutschränke.
    Nach Angaben des Zentralverbands der deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) wird die Methode immer häufiger genutzt, während anfangs weit über die Hälfte der unerwünschten Hähnchen noch aufgezogen worden sei.

    Wie können Brütereien das Verbot umgehen, Küken zu töten?

    Die Verbraucherschutzorganisation „Foodwatch“ zog ein Jahr nach der Verschärfung des deutschen Tierschutzgesetzes eine überaus kritische Bilanz:  

    Mehr Tierschutz hat das Gesetz nicht gebracht. Denn es ist flächendeckend völlig unklar, wo die vielen Millionen männlichen Küken jetzt landen. In einigen Fällen, das konnten wir in unseren Recherchen belegen, werden die Tiere jetzt einfach ins Ausland gebracht und zumindest teilweise dann dort im Ausland getötet.

    Andreas Winkler (Foodwatch)
    Denn in der EU ist es noch überwiegend legal.
    Für die Überwachung der Geflügelbetriebe sind die Bundesländer zuständig, konkret die mehr als 400 Veterinärämter. Foodwatch berichtet unter Berufung auf seine Recherchen in Behörden und Geflügelindustrie, dass diese Kontrollen offenbar nicht ausreichend stattfinden. Das verwundere auch nicht, denn die meisten Überwachungsbehörden seien ohnehin „hoffnungslos überlastet“ und hätten zu wenig Personal, so Pressesprecher Andreas Winkler.

    Eintagsküken im Binnenmarkt der EU frei handelbar

    Aus Daten zu ein- und ausgehenden Warenströmen in Nordrhein-Westfalen ging 2022 hervor, dass eine kleinere Brüterei ihre männlichen Eintagsküken mutmaßlich im Ausland töten ließ. Die Landesregierung bestätigte einen entsprechenden Vorwurf von Verbraucher- und Tierschutzorganisationen, darunter Foodwatch. Sie stellten Strafanzeige.
    Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft erklärte zu der Praxis, dass im europäischen Binnenmarkt grundsätzlich freier Warenhandel herrsche. Somit seien auch männliche Eintagsküken im Binnenmarkt frei handelbar und dürften aus Deutschland ausgeführt werden.

    Hat das Gesetz zu besseren Bedingungen in der Geflügelhaltung geführt?

    Männliche Küken dürfen nun als "Bruderhähne" weiterleben. Zumindest bis auch sie geschlachtet werden, was durchschnittlich nach 84 Tagen der Fall ist.
    Doch für ihre Aufzucht gibt es bisher keine gesetzlich vorgegebenen Mindeststandards. Nach Angaben des „Vereins für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen“ werden die Tiere zur Hälfte in Deutschland gehalten; die anderen überwiegend in Polen. Zumal die Aufzucht teuer ist und nur wenig einbringt: Die Hähne setzen wenig Fleisch an.
    Die Ampelkoalition verspricht, die „Regelungslücke“ zu schließen.

    Wovor wir natürlich nicht gefeit sind – das sind wir im europäischen Binnenmarkt nie – dass die Küken in andere europäische Staaten verbracht werden. Da haben wir natürlich keinen Einfluss auf die Haltungsbedingungen.

    Silvia Bender, Staatssekretärin im Bundesagrarministerium
    Doch selbst wenn sie in Deutschland aufgezogen werden: Die Schlachtereien sind hierzulande überwiegend gar nicht auf die mageren Tiere ausgelegt. Diese werden also meist zum Schlachten ins Ausland gebracht.

    Wie wäre mehr Tierschutz in der Eierproduktion möglich?

    Beim Verbot des Kükentötens steht Deutschland europaweit zumindest nicht mehr ganz allein da. Frankreich, Österreich und Luxemburg haben die Praxis ebenfalls beschränkt. Auf eine französisch-deutsche Initiative hin kündigte die EU-Kommission außerdem an, einen Vorschlag für eine EU-weite Beendigung des Kükentötens vorzulegen. Das soll voraussichtlich bis Ende 2023 passieren.
    Dass das Töten männlicher Küken von Legehennen überhaupt millionenfache Routine wurde, liegt an der auf Massenproduktion und Leistung getrimmten Eierindustrie. Allein die Deutschen essen mehr als 20 Milliarden Eier im Jahr, Tendenz steigend.
    Moderne Legehennen sind so gezüchtet, dass sie bis zu 330 Eier im Jahr legen. Erst der Zuchterfolg der spezialisierten Hochleistungs-Hühner führte dazu, dass die männlichen Küken wertlos wurden. Früher legten Hennen, wenn man sie brüten ließ, nur etwa 36 Eier jährlich. Es handelte sich um „Zweinutzungshühner“, die zum Schlachten und zum Eierlegen dienten.  

    Das "Zweinutzungshuhn" könnte helfen

    Nur entspricht die Leistung des „Zweinutzungshuhns“ nicht dem, was heutige Landwirte erwarten, wenn sie an ihre Kosten-Nutzen-Bilanz denken. So beherrschen weiterhin die spezialisierten Züchtungen den Markt: Hühner, die viele Eier legen können. Und solche, die für die Mast gezüchtet sind.
    Das Bundesagrarministerium verspricht, gegen die „extremen Verwerfungen in den Zuchtlinien“ etwas tun zu wollen. Zumal die Legehennen häufig unter Knochenbrüchen leiden und alte Hühnerrassen als robuster gelten. Das Ministerium fördert nach eigenen Angaben unter anderem auch Forschung zum "Zweinutzungshuhn": Seit 2008 seien es rund 14,6 Millionen Euro Fördermittel gewesen.

    Jantje Hannover, Kristin Mockenhaupt, bth