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StartseiteCorsoIm Reich der Erinnerungen08.07.2019

Künstlerin Banu CennetoğluIm Reich der Erinnerungen

Was sagt uns das Vergangene heute und welche Zukunft haben die ständig anschwellenden Bilderspeicher? Wie können wir uns in der Informationsgesellschaft orientieren? Die türkische Künstlerin Banu Cennetoğlu beschäftigt sich mit der Macht der Bilder und der Worte.

Von Sabine Oelze

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Blick über die Ausstellung durch drei Fenster nach draußen  (Kunstsammlung NRW (Achim Kukkulies))
Blick durch die Ausstellung der türkischen Künstlerin Banu Cennetoğlu in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf (Kunstsammlung NRW (Achim Kukkulies))
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Auf langen Tischen liegen aufgeschlagene Zeitungen. In Englisch, Türkisch, Arabisch oder auch Deutsch. Es handelt sich um ein sechsteiliges Archiv. Es beinhaltet die gesamte Zeitungsproduktion in sechs Ländern an je einem Tag. Am 11. August 2015 sammelte Banu Cennetoğlu alle Zeitungen, die in Deutschland auf dem Markt waren und fasste sie in dicken Büchern zusammen.

"Für Deutschland liegen hier 70 Bücher. Wenn ich mich recht erinnere, werden täglich 1258 Zeitungen täglich gedruckt. Jede Region hat eine eigene physische Zeitung."

Und durch die kann man sich in Düsseldorf blättern. Das "Schwäbische Tageblatt" titelte am 11. August 2015: "Maut auch für Fernbusse?", die "Sächsische Zeitung" berichtete vom Preiskrieg der Discounter, "Die Rhön" und "Saalepost" vom Platzmangel für Flüchtlinge.

"Was ist lokal? Was ist national? Und was ist international? Man erfährt, welches Publikum was liest. Ich interpretiere nichts. Aber wenn der Besucher anfängt, die Blätter zu vergleichen, kann er durchaus interessante Erkenntnisse gewinnen. Wo wird Werbung platziert? Wie verändert Reklame den Wert von Nachrichten?"

Der Einfluss der Medien auf unser Denken

Die 49-jährige Türkin ist keine Medienwissenschaftlerin, keine Linguistin und auch keine Soziologin, sie ist Konzeptkünstlerin. In ihrer Ausstellung in der Kunstsammlung NRW "K 21" macht sie sichtbar, wie die Art der Berichterstattung das Denken und dadurch auch das Handeln steuern.

"In den letzten fünf Jahren hat sich beim Thema Migration die Terminologie stark verändert. Es ist ein Unterschied, ob vom Migrant die Rede ist oder vom Asylsuchenden, vom Wirtschaftsflüchtling. Oder ob es Flüchtlingsheim oder Abschiebezentrum heißt."

Banu Cennetoğlus Zeitungsarchiv kann als Porträt einer Gesellschaft im Umbruch verstanden werden. Doch die Informationsflut bringt viele Leser in ein Dilemma. Sie fühlen sich überfordert. Rückzug statt Engagement. Darauf reagiert Banu Cennetoğlu reagiert mit einem Kommentar, der unter der Decke schwebt. 23 mit Helium gefüllte Luftballons in Buchstabenform formen den Satz:

"Ich weiß zwar, aber dennoch."

Worte sinken zu Boden

Ich weiß zwar, aber dennoch -  ist ein Zitat des französischen Psychoanalytikers Octave Mannoni. Über die nächsten Wochen verformt sich der Satz, die Ballons werden allmählich zu Boden sinken, schlaff und kraftlos.

"Ich stimme Mannoni nicht zu. Man muss etwas unternehmen, man kann nicht immer nur Zuschauer bleiben. Dieser gigantische Informationsfluss, von dem wir nicht wissen, ob er wirklich das repräsentiert, was vor sich geht oder nicht. Es geht um das Prinzip der Verleugnung. Vieles weiß man und handelt dennoch nicht nach bestem Wissen und Gewissen." 

Eine ganz andere Art von Archiv präsentiert Cennetoğlu im letzten Raum der Ausstellung. Eine Installation aus Bildern und Filmen. Privates, Berufliches und Politisches folgen dicht hintereinander. Ein Mammutwerk von 120 Stunden.

"Unruhen, Demonstrationen, Geburtstage, Krankenhausaufenthalte. Alles ist gleich wichtig. Mich interessiert, wie wir mit so einer Bilderflut umgehen. Schließlich sind wir es gewöhnt, in den sozialen Netzwerken eine Best-of-Auswahl zu posten. Aber was ist, wenn es keinen Filter gibt?"

Ausstellung als Augenöffner

120 Stunden sind nicht zu schaffen. Viele der Aufnahmen sind zu banal und geraten schnell wieder in Vergessenheit. Die Ausstellung funktioniert trotzdem wie ein Augenöffner, Banu Cennetoğlu lenkt den Blick auf dringende Fragen: Was sagt uns das Vergangene heute und welche Zukunft haben die ständig anschwellenden Bilderspeicher? Wie können wir uns in der Informationsgesellschaft orientieren? Antworten hat die Künstlerin keine parat, aber vielleicht gibt es sie auch nicht.

Die Ausstellung im K21 Ständehaus in Düsseldorf ist bis zum 10. November 2019 geöffnet

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