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StartseiteCorsoMode mit Mehlwurm 23.03.2020

Künstlerin Petja IvanovaMode mit Mehlwurm

Warum knistert das Top der Gestalterin Petja Ivanova? Weil sich zwischen den Chiffon-Stofflagen kleine Mehlwürmer durch Styropor fressen. Wer will, kann dieses Top tragen - doch Ivanova möchte mit diesem Designstück mehr: zeigen, dass künstlerische Forschung in der dominierenden Wissenschaft fehlt.

Von Gesine Kühne

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Ein durchsichtiges Netz-Top mit Styropor und Mehlwürmern (Gesine Kühne)
Das Mehlwurm-Top von Künstlerin Petja Ivanova (Gesine Kühne)
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"Wir sagen aus Scherz immer, das ist das Hightech-Bra-Top. Siehst du, was da drin ist?
"Das sind so Styroporkügelchen - und was noch?"
"Würmer. Also Larven. Mehlwurmlarven."
"Und auch lebendig?"
"Na klar!"
"Warte mal, lass' mal ganz ruhig sein ... Das ist kein statisches Knistern, das sind wirklich kleine Mehlwürmer, die sich durch Styropor fressen."

Mode für radikale Leute

Zwischen zwei dünnen Schichten Chiffon-Stoff hat die Gestalterin Petja Ivanova Styroporkügelchen, kleinere Styroporstücke und Mehlwürmer eingenäht. Das Styropor ist zerlöchert wie ein Schweizer Käse.

"Wieso fressen die sich da durch?"
"Weil die das fressen können! Und weil die das verdauen können."

2015 liest Petja Ivanova in einem Wissenschaftsmagazin, dass Mehlwurmlarven in der Lage sind, Polystyrol zu verwerten. Sie legt sich daraufhin gleich ein halbes Kilo Mehlwürmer zu und lässt sie in einem Terrarium mit Styroporkopf leben. So beginnt die Geschichte zu dem Sport-Top, zu dem es noch ein passendes Höschen gibt.

"Wer soll das tragen?"
"Wer immer auch will. Radikale Leute, die von Mode gelangweilt sind."

In dem hell beleuchteten Atelier gibt es aber kein Anzeichen darauf, dass Petja hier eine Mehlwurmkollektion plant. Auf ihrem Fensterbrett stehen kleine Springbrunnen aus Ton, auf ihrem Arbeitstisch experimentiert sie aktuell mit Chitin. Das Top ist Teil ihrer Arbeit als Gestalterin. Es ist wie ein Vers in einem Gedicht, denn die Gestalterin betreibt künstlerische Forschung, das heißt, sie nutzt ihre künstlerischen Verfahrensweisen, um wissenschaftliche Ergebnisse zu erzeugen. Sie nennt das Ganze: "Studio for Poetic Futures".

Generative Kunst, Cyborgs und künstlerische Forschung

Petja Ivanova hat in Berlin an der Universität der Künste Computational Art, also generative Kunst studiert. Bei dieser Form des künstlerischen Schaffens steht nicht das Endprodukt im Fokus, sondern der Entstehungsprozess und die Ideen zur Arbeit. Im Studium merkt die Gestalterin, dass sie mit ihren Ideen, die nicht nur auf Technik basieren, sondern auch auf Biologie, auf Unverständnis trifft. Ihr Studium ist, wie sie selbst sagt, sehr männerdominiert. Sie liest das Buch "A Cyborg Manifesto" von Donna Haraway.

"Sie sieht halt in dem Cyborg, in dem Hybriden, das, was Mensch und Maschine verbindet, Potenzial aus deinen eigenen Limitationen rauszukommen. Sie spricht ganz viel darüber; das Problem unserer Gesellschaft, warum wir so Machtstrukturen bilden. Dass das ganz viel damit zu tun hat, dass wir in Binaries denken, in Dichotomien. Und indem wir das eine postulieren, kreieren wir das andere. Und das eine ist immer besser als das andere. Und das finde ich ganz stark in der Computation, und das nervt mich so an."

Diese Dichotomie, dieses zweigliedrige Denken, dass Technik unorganisch und die Maschine getrennt sei vom Menschen zum Beispiel, das möchte Petja Ivanova überwinden. Der Mehlwurm ist ihr persönlicher Beweis, dass es diese starre Trennung eben nicht gibt.

"Diese binäre Struktur von: das eine ist organisch, das andere ist synthetisch, das wird hier gerade durchfressen. Dieser Mehlwurm ist der krasse Cyborg."

Angriff auf das Patriarchat 

Petja Ivanova möchte mit ihrer Arbeit zeigen, dass künstlerische Forschung eine eigene Wissenschaftsform ist. Bestätigt wird sie dabei von Forschern an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften, wo die 33-Jährige gerade ihren Doktor macht.

"Das Ziel meiner künstlerischen Arbeit oder meiner gestalterischen Existenz: Ich will Schritt für Schritt alle Narrative zerstören oder umdrehen, die sich das Patriarchat gebildet hat, um sich selbst aufrecht zu erhalten."

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