Jochen Spengler: Während sich der Weltsicherheitsrat gestern Abend doch noch auf eine Erklärung zu dem israelischen Angriff auf einen UN-Beobachterposten im Südlibanon einigte, gingen Israels Angriffe auf Ziele im Libanon in der Nacht weiter.
Am Telefon ist der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr und Ex-Vorsitzende des NATO-Militärausschusses, General a. D. Harald Kujat. Guten Morgen, Herr Kujat!
Harald Kujat: Guten Morgen, Herr Spengler!
Spengler: Herr Kujat, heute Nacht hat sich wie gehört der Weltsicherheitsrat doch noch zu der Bombardierung des UNO-Stützpunktes durch Israel geäußert, bei der vier Blauhelm-Soldaten ums Leben gekommen sind. Der Rat äußerte sich bestürzt. Er sah aber von einer Verurteilung Israels ab. Wie erklären Sie als Militärfachmann sich die Bombardierung dieses UNO-Stützpunkts? War das fahrlässig, oder war das Absicht?
Kujat: Das kann man, glaube ich, von außen so nicht ohne weiteres sagen. Dieser Fall muss untersucht werden, dringend untersucht werden. Das ist völlig klar. Aber wie die Einzelheiten nun stehen, das kann man von hier nicht sagen.
Spengler: Aber kann man sich als Militär so vertun?
Kujat: Na ja, wissen Sie, das ist eine etwas schwierige Situation. Sie haben diese UN-Beobachter dort in dem Operationsgebiet sowohl der Hisbollah als auch der israelischen Armee. Und das ist natürlich mit einem großen Risiko verbunden. Für mich stellt sich die Frage, warum bei Beginn der Kampfhandlungen diese unbewaffneten Beobachter nicht zurückgezogen wurden. Das ist für mich die entscheidende Frage. Aber unabhängig davon, ich will nicht sagen, so etwas kann passieren; so etwas darf einfach nicht passieren. Aber wie die einzelnen Umstände nun sind, das kann man von außen nicht sagen.
Spengler: Auslöser dieses Konflikts, dieses Krieges war die Entführung von drei israelischen Soldaten durch Hamas und Hisbollah. War in Ihren Augen die massive israelische Reaktion angemessen, oder ist auch denkbar, dass ein Motiv für diese Reaktion auch die Wiederherstellung, ich will mal sagen, der angekratzten Ehre der Militärs gewesen ist nach dieser Demütigung?
Kujat: Ich denke die Entführung dieser beiden Soldaten war sozusagen der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Vorausgegangen sind ja bereits seit längerem Angriffe, Raketenangriffe auf Israel der Hisbollah. Es geht hier weniger darum, die Ehre der israelischen Armee wiederherzustellen, sondern es ging, glaube ich, Israel darum, nun endgültig einen Strich zu ziehen und zu sagen, wir lassen das nicht mehr mit uns machen, zumal wohl auch die Erkenntnis, dass die Hisbollah inzwischen eine durchaus schlagkräftige Gruppe geworden ist, auch gut ausgerüstet ist - wir wissen ja, dass sie von außen unterstützt wird -, dazu geführt hat, dass die Besorgnis, bei künftigen Angriffen der Hisbollah größere Risiken einzugehen, immer größer geworden ist. Man darf diese Entführung nicht als isolierten Akt sehen, sondern man muss sie sehen als ein Ereignis in der Folge vieler anderer Ereignisse, die letztlich zu diesem Ergebnis geführt haben.
Spengler: Herr Kujat, viele Menschen, auch jene, die in Sorge um Israel sind, bezweifeln die Verhältnismäßigkeit der Mittel in diesem Krieg. Wie steht das mit Ihnen?
Kujat: Wenn man das von außen sieht, ist das natürlich bedrückend zu sehen, welche Schäden dort verursacht werden an Menschen und an Infrastruktur. Offensichtlich ist es so, dass die Israelis die militärischen Fähigkeiten der Hisbollah unterschätzt haben. Wir wissen aus vielen Kriegen, aus vielen Konflikten, dass man eine Gruppe wie die Hisbollah nicht mit Luftstreitkräften so reduzieren kann, dass sie nicht mehr einsatzbereit sind. Das ist unmöglich. Man muss im Grunde dieses Land besetzen, insbesondere da die Hisbollah von außen unterstützt wird. Die Hisbollah ist ja auch eine politische Kraft im Libanon. Sie wird sehr stark von der Bevölkerung unterstützt. Die Mittel, die die israelische Armee einsetzt, sind nicht geeignet, das strategische Ziel Israels zu erreichen.
Spengler: Um das klar zu sagen, Herr Kujat. Israels militärisches Ziel, die Entwaffnung der Hisbollah beziehungsweise sogar die Vernichtung der Hisbollah, das kann man nicht mit den Mitteln erreichen, die im Augenblick angewendet werden, mit Luftschlägen?
Kujat: Das ist mein Eindruck jedenfalls. Ich habe auch den Eindruck, dass diese Erkenntnis sich in Israel immer stärker durchsetzt. Deshalb ist es eben wichtig, dass wir sehr schnell zu einem Waffenstillstand kommen und dass dort eine Internationalisierung sozusagen dieses Konfliktes erfolgt, dass die Konfliktparteien getrennt werden und dass dort auch unter einem UN-Mandat eine Friedenstruppe eingesetzt wird, die letztlich das durchsetzt, was ja Gegenstand einer UN-Resolution seit Jahren ist, nämlich die Entwaffnung der Hisbollah und die Herstellung einer Art Sicherheitszone, die Israel den notwendigen Schutz gibt.
Spengler: Wäre das dann nicht eine Art Kriegspartei, wenn sie für die Entwaffnung der Hisbollah sorgen müsste, so eine internationale Schutztruppe oder Eingreiftruppe?
Kujat: Das ist eine schwierige Frage. Es ist sicherlich richtig, dass man mit den Betroffenen dort sprechen muss, mit den Konfliktparteien. Die Hisbollah wird sicherlich nicht bereit sein, sich so ohne weiteres entwaffnen zu lassen. Das muss man sich sehr, sehr sorgfältig überlegen. Der militärische Aufwand wird natürlich auch groß sein, und hier werden Kräfte auch für viele Jahre, wenn nicht für Jahrzehnte gebunden werden. Also, wir befinden uns in einer äußerst schwierigen Lage, aber wir sind ja noch nicht so weit. Ich neige eigentlich nicht dazu, diese militärischen Aspekte zu diskutieren, solange eigentlich noch die Diplomatie am Zuge ist. Wir sollten also die Diplomatie nicht dadurch belasten, dass wir sozusagen vorauseilend militärische Fragen diskutieren. Es muss natürlich ein klares Mandat sein, das die UN dieser Truppe gibt. Es muss klar definiert werden, welche Aufgaben und welche Möglichkeiten diese Truppe hat und vor allen Dingen auch, um welches Gebiet es geht. Aber zunächst einmal ist die Diplomatie am Zuge, und wir sollten ihr den nötigen Raum geben.
Spengler: Sie kennen die NATO wie kein zweiter. Sie haben führende Funktionen darin ausgeübt. Eignet sich die NATO als Kern einer solchen Truppe?
Kujat: Die NATO ist natürlich die einzige Organisation, die noch existiert, die über militärische Fähigkeiten in einem Ausmaß verfügt, die unvergleichlich sind. Von daher, wenn Sie mich fragen, hat die NATO selbstverständlich das Potenzial. Wer sonst hätte dieses Potenzial, wenn nicht die NATO? Das ist schon richtig. Die Frage ist allerdings, ob man die NATO einsetzen sollte. Das ist eine politische Frage, die hier gestellt werden muss.
Spengler: Was meinen Sie denn?
Kujat: Ich persönlich möchte immer erst die Karten auf dem Tisch sehen, bevor ich spiele. Ich würde gerne sehen, wie die Vereinten Nationen die Aufgaben definieren. Ich sagte ja eben, welches das Mandat ist, soll tatsächlich die Hisbollah entwaffnet werden oder nicht? Das ist ja Gegenstand einer älteren UN-Resolution. Oder wird das zunächst mal ausgesetzt? Soll zunächst mal eine Trennung der Konfliktparteien erfolgen und dann über viele Jahre eine Stabilisierung? Das sind völlig verschiedene Missionen, und das muss man sich sehr genau anschauen.
Aber wenn es um die Frage geht, wer verfügt über die militärischen Mittel, das ist natürlich nur die NATO. Jede andere Lösung würde bedeuten, dass die Vereinten Nationen sozusagen mit dem Hut herumgehen müssten und um freiwillige Beiträge bitten müssten. Da ist nicht die nötige Struktur vorhanden, die nötige Kommandostruktur. Es sind nicht die nötigen strategischen Unterstützungskräfte vorhanden. Also das wäre ein sehr, sehr langwieriger Prozess, bis überhaupt so eine Truppe zu Stande käme.
Spengler: Das war der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr und Ex-Vorsitzende des NATO-Militärausschusses, General a. D. Harald Kujat. Herr Kujat, danke für das Gespräch.
Kujat: Danke Ihnen.
Am Telefon ist der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr und Ex-Vorsitzende des NATO-Militärausschusses, General a. D. Harald Kujat. Guten Morgen, Herr Kujat!
Harald Kujat: Guten Morgen, Herr Spengler!
Spengler: Herr Kujat, heute Nacht hat sich wie gehört der Weltsicherheitsrat doch noch zu der Bombardierung des UNO-Stützpunktes durch Israel geäußert, bei der vier Blauhelm-Soldaten ums Leben gekommen sind. Der Rat äußerte sich bestürzt. Er sah aber von einer Verurteilung Israels ab. Wie erklären Sie als Militärfachmann sich die Bombardierung dieses UNO-Stützpunkts? War das fahrlässig, oder war das Absicht?
Kujat: Das kann man, glaube ich, von außen so nicht ohne weiteres sagen. Dieser Fall muss untersucht werden, dringend untersucht werden. Das ist völlig klar. Aber wie die Einzelheiten nun stehen, das kann man von hier nicht sagen.
Spengler: Aber kann man sich als Militär so vertun?
Kujat: Na ja, wissen Sie, das ist eine etwas schwierige Situation. Sie haben diese UN-Beobachter dort in dem Operationsgebiet sowohl der Hisbollah als auch der israelischen Armee. Und das ist natürlich mit einem großen Risiko verbunden. Für mich stellt sich die Frage, warum bei Beginn der Kampfhandlungen diese unbewaffneten Beobachter nicht zurückgezogen wurden. Das ist für mich die entscheidende Frage. Aber unabhängig davon, ich will nicht sagen, so etwas kann passieren; so etwas darf einfach nicht passieren. Aber wie die einzelnen Umstände nun sind, das kann man von außen nicht sagen.
Spengler: Auslöser dieses Konflikts, dieses Krieges war die Entführung von drei israelischen Soldaten durch Hamas und Hisbollah. War in Ihren Augen die massive israelische Reaktion angemessen, oder ist auch denkbar, dass ein Motiv für diese Reaktion auch die Wiederherstellung, ich will mal sagen, der angekratzten Ehre der Militärs gewesen ist nach dieser Demütigung?
Kujat: Ich denke die Entführung dieser beiden Soldaten war sozusagen der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Vorausgegangen sind ja bereits seit längerem Angriffe, Raketenangriffe auf Israel der Hisbollah. Es geht hier weniger darum, die Ehre der israelischen Armee wiederherzustellen, sondern es ging, glaube ich, Israel darum, nun endgültig einen Strich zu ziehen und zu sagen, wir lassen das nicht mehr mit uns machen, zumal wohl auch die Erkenntnis, dass die Hisbollah inzwischen eine durchaus schlagkräftige Gruppe geworden ist, auch gut ausgerüstet ist - wir wissen ja, dass sie von außen unterstützt wird -, dazu geführt hat, dass die Besorgnis, bei künftigen Angriffen der Hisbollah größere Risiken einzugehen, immer größer geworden ist. Man darf diese Entführung nicht als isolierten Akt sehen, sondern man muss sie sehen als ein Ereignis in der Folge vieler anderer Ereignisse, die letztlich zu diesem Ergebnis geführt haben.
Spengler: Herr Kujat, viele Menschen, auch jene, die in Sorge um Israel sind, bezweifeln die Verhältnismäßigkeit der Mittel in diesem Krieg. Wie steht das mit Ihnen?
Kujat: Wenn man das von außen sieht, ist das natürlich bedrückend zu sehen, welche Schäden dort verursacht werden an Menschen und an Infrastruktur. Offensichtlich ist es so, dass die Israelis die militärischen Fähigkeiten der Hisbollah unterschätzt haben. Wir wissen aus vielen Kriegen, aus vielen Konflikten, dass man eine Gruppe wie die Hisbollah nicht mit Luftstreitkräften so reduzieren kann, dass sie nicht mehr einsatzbereit sind. Das ist unmöglich. Man muss im Grunde dieses Land besetzen, insbesondere da die Hisbollah von außen unterstützt wird. Die Hisbollah ist ja auch eine politische Kraft im Libanon. Sie wird sehr stark von der Bevölkerung unterstützt. Die Mittel, die die israelische Armee einsetzt, sind nicht geeignet, das strategische Ziel Israels zu erreichen.
Spengler: Um das klar zu sagen, Herr Kujat. Israels militärisches Ziel, die Entwaffnung der Hisbollah beziehungsweise sogar die Vernichtung der Hisbollah, das kann man nicht mit den Mitteln erreichen, die im Augenblick angewendet werden, mit Luftschlägen?
Kujat: Das ist mein Eindruck jedenfalls. Ich habe auch den Eindruck, dass diese Erkenntnis sich in Israel immer stärker durchsetzt. Deshalb ist es eben wichtig, dass wir sehr schnell zu einem Waffenstillstand kommen und dass dort eine Internationalisierung sozusagen dieses Konfliktes erfolgt, dass die Konfliktparteien getrennt werden und dass dort auch unter einem UN-Mandat eine Friedenstruppe eingesetzt wird, die letztlich das durchsetzt, was ja Gegenstand einer UN-Resolution seit Jahren ist, nämlich die Entwaffnung der Hisbollah und die Herstellung einer Art Sicherheitszone, die Israel den notwendigen Schutz gibt.
Spengler: Wäre das dann nicht eine Art Kriegspartei, wenn sie für die Entwaffnung der Hisbollah sorgen müsste, so eine internationale Schutztruppe oder Eingreiftruppe?
Kujat: Das ist eine schwierige Frage. Es ist sicherlich richtig, dass man mit den Betroffenen dort sprechen muss, mit den Konfliktparteien. Die Hisbollah wird sicherlich nicht bereit sein, sich so ohne weiteres entwaffnen zu lassen. Das muss man sich sehr, sehr sorgfältig überlegen. Der militärische Aufwand wird natürlich auch groß sein, und hier werden Kräfte auch für viele Jahre, wenn nicht für Jahrzehnte gebunden werden. Also, wir befinden uns in einer äußerst schwierigen Lage, aber wir sind ja noch nicht so weit. Ich neige eigentlich nicht dazu, diese militärischen Aspekte zu diskutieren, solange eigentlich noch die Diplomatie am Zuge ist. Wir sollten also die Diplomatie nicht dadurch belasten, dass wir sozusagen vorauseilend militärische Fragen diskutieren. Es muss natürlich ein klares Mandat sein, das die UN dieser Truppe gibt. Es muss klar definiert werden, welche Aufgaben und welche Möglichkeiten diese Truppe hat und vor allen Dingen auch, um welches Gebiet es geht. Aber zunächst einmal ist die Diplomatie am Zuge, und wir sollten ihr den nötigen Raum geben.
Spengler: Sie kennen die NATO wie kein zweiter. Sie haben führende Funktionen darin ausgeübt. Eignet sich die NATO als Kern einer solchen Truppe?
Kujat: Die NATO ist natürlich die einzige Organisation, die noch existiert, die über militärische Fähigkeiten in einem Ausmaß verfügt, die unvergleichlich sind. Von daher, wenn Sie mich fragen, hat die NATO selbstverständlich das Potenzial. Wer sonst hätte dieses Potenzial, wenn nicht die NATO? Das ist schon richtig. Die Frage ist allerdings, ob man die NATO einsetzen sollte. Das ist eine politische Frage, die hier gestellt werden muss.
Spengler: Was meinen Sie denn?
Kujat: Ich persönlich möchte immer erst die Karten auf dem Tisch sehen, bevor ich spiele. Ich würde gerne sehen, wie die Vereinten Nationen die Aufgaben definieren. Ich sagte ja eben, welches das Mandat ist, soll tatsächlich die Hisbollah entwaffnet werden oder nicht? Das ist ja Gegenstand einer älteren UN-Resolution. Oder wird das zunächst mal ausgesetzt? Soll zunächst mal eine Trennung der Konfliktparteien erfolgen und dann über viele Jahre eine Stabilisierung? Das sind völlig verschiedene Missionen, und das muss man sich sehr genau anschauen.
Aber wenn es um die Frage geht, wer verfügt über die militärischen Mittel, das ist natürlich nur die NATO. Jede andere Lösung würde bedeuten, dass die Vereinten Nationen sozusagen mit dem Hut herumgehen müssten und um freiwillige Beiträge bitten müssten. Da ist nicht die nötige Struktur vorhanden, die nötige Kommandostruktur. Es sind nicht die nötigen strategischen Unterstützungskräfte vorhanden. Also das wäre ein sehr, sehr langwieriger Prozess, bis überhaupt so eine Truppe zu Stande käme.
Spengler: Das war der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr und Ex-Vorsitzende des NATO-Militärausschusses, General a. D. Harald Kujat. Herr Kujat, danke für das Gespräch.
Kujat: Danke Ihnen.
