Freitag, 20. Mai 2022

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Kulturelle Inklusion
Behinderung auf der Bühne

Behinderte sehen behindert aus, unangepasst und oft verhaltensauffällig: Diese Klischees spuken noch immer in den Köpfen vieler Menschen. Dass das oft nicht stimmt - und wenn doch, dass Anderssein auch seine Vorteile hat, das können Zuschauer mittlerweile in zahlreichen Theaterproduktionen erleben. Zum Beispiel im Theater Ramba Zamba in Berlin.

Von Elisabeth Nehring | 03.04.2015

Samuel Koch, sitzt am 28.01.2014 in einem Kinosaal im Kino am Raschplatz in Hannover (Niedersachsen).
Im Rollstuhl auf der Bühne - Samuel Koch, der in der Sendung "Wetten dass" verunglückte, hat sich seinen Traum vom Schauspielerberuf dennoch erfüllt. (picture alliance / dpa / Christoph Schmidt)
"Wir sind wie ihr? Nee... wir sind nicht wie ihr, wir sind anders."
Anderssein – darauf bestehen die Schauspieler des Theater Ramba Zamba. In der Musiktheaterproduktion 'Am liebsten zu dritt' geht es – ziemlich selbstironisch – um Liebe, Beziehungen und das Anderssein von Menschen mit Downsyndrom – oder, wie es Ramba-Zamba-Gründerin und Regisseurin Gisela Höhne auch nennt, von Menschen mit einer "anderen geistigen Ordnung".
"Als Theaterfrau hat mich besonders interessiert: Wie spielen sie die Figuren? Und nicht, um sie auszustellen oder aus Voyeurismus, sondern weil ich unglaublich viel erfahren habe, wie man die Dinge auch sehen kann, in welche Tiefe man kommen kann und wie sehr ich auch manchmal draußen stehe vor einer Tür, die sich mir erst öffnet, wenn ich alle Vorurteile loslasse, alle vorgefassten Bilder und Meinungen. Und dann ist es plötzlich noch mal eine neue Deutung von Situationen, von Menschen und auch Entscheidungen."
Eine neue Erfahrungswelt betreten
Der andere Blick, die neue Perspektive, die ungewohnte Wahrnehmung, eine erst einmal fremde Lebens- und Erfahrungswelt – das ist es, was Regisseure in der künstlerischen Arbeit mit Menschen 'jenseits der Mehrheitsgesellschaft' interessiert. In den Schauspielern des Theaters Ramba Zamba – allesamt professionell ausgebildet – entdeckt Gisela Höhne eine besondere Qualität.
"Was sie immer mitbringen ist die enorme Fähigkeit, präsent zu sein. Also die Fähigkeit, alle Konzentration, alle Sinne nicht zu zerstreuen, sondern zu bündeln und diesen Moment zu leben und uns vorzuleben, ist fast einmalig. Und das ist etwas, das Zuschauer süchtig macht."
Mit dieser Qualität arbeitet Gisela Höhne in jeder Produktion ihres Ensembles. Eine enorme Konzentration erlebt man als Zuschauer auch in den Inszenierungen des Gefängnistheaters aufBruch, in denen Inhaftierte nach mehrwöchigen Probenphasen manchmal nicht mehr von professionellen Schauspielern zu unterscheiden sind.
Genau wie im Theater Thikwa oder bei aufBruch gibt es auch im Theater Ramba Zamba eine Grundverabredung: Es ist professionelle Theaterarbeit, keine pädagogische Beschäftigungstherapie mit Randgruppen.
"Dazu gehörte, dass ich immer gesagt habe: Das ist ein schöner Vorschlag, aber den können wir jetzt nicht gebrauchen oder auch: Das geht so nicht. Aber ich kritisiere auch sofort, wenn sie lasch sind oder keine Lust haben – sie sind ja auch schon lange dabei, haben eine Stelle in der Werkstatt, unkündbar sozusagen – also ein bisschen benehmen sie sich manchmal wie die Beamten und dann gibt es schon die Ansage, dass ich so nicht mit ihnen arbeiten will.
Ich brauche schon ihre Kraft und Fantasie. Und ansonsten – wenn wir was gefunden habe – dann erwarte ich, dass sie es auch so immer wieder machen in der gleichen Qualität."
Das "Anders sein" oder "anders leben" ihrer Schauspieler verlangt von den Regisseuren im Inklusionstheater auch andere Herangehensweisen. Inszeniert werden oft klassische Stoffe oder Stücke wie "Philoktet" bei Ramba Zamba oder die "Nibelungen", "Atriden" oder "Penthesilea" beim Gefängnistheater aufBruch – immer variiert, verändert, bearbeitet, aktualisiert. Oder gleich komplette Eigenproduktionen, die eng an und aus der Lebenswirklichkeit der Performer 'jenseits der Mehrheitsgesellschaft' entwickelt werden. Gisela Höhne.
"Ich kann nicht ein Stück nehmen und über diese Schauspieler stülpen, es geht nur mit ihnen, aus ihnen heraus, ich muss die Rollen aus ihnen heraus finden – ich muss auch dazu erfinden. Deswegen sind es immer Stücke, die basieren auf etwas, auf einem Stoff, aber es wird ein ganz eigenes. Und das ist eine große Herausforderung und daraus entsteht auch was ganz Neues in der Kunst."
Das Neue, vielleicht auch Unerwartete und Fremde, dass diese Kunst transportiert und erlebbar macht, zieht viele Zuschauer an. Der Wunsch, in der Verdichtung des Theaters Einblick in eine andere Lebensrealität zu gewinnen, hat viel mit gern beschworenen 'Authentizität' zu tun, der dem Inklusionstheater nachgesagt wird. Aber was bedeutet 'authentisch' in jedem einzelnen Fall? Und wer definiert es?
Klischees in den Köpfen
Im Theater Ramba Zamba jedenfalls wurde lange und irgendwann auch erfolgreich daran gearbeitet, dass die Schauspieler deutlich sprechen können – nicht gerade eine Stärke von Leuten mit Downsyndrom.
"Da haben wir doch glatt den Vorwurf bekommen: Man sieht doch die Behinderung gar nicht mehr. Wir wollen das Defizit doch sehen, so sind Behinderte doch gar nicht, Behinderte sind boah und rau und roh und mongolid und weiß nicht was und sind unangepasst.
Das ist genau das gleiche blöde Klischee vom Behinderten, der nicht lernfähig ist und den sollen wir jetzt mal zeigen. Das finde ich eine Haltung zu behinderten Menschen – die finde ich total fragwürdig."
Klischees unterlaufen, ja widerlegen – im besten Fall schafft Inklusionstheater das, was gutes Theater immer tut: Mit Erwartungen brechen und den Blick des Publikums verändern – in diesem Fall auf Existenzen jenseits der Mehrheitsgesellschaft.