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StartseiteKultur heuteMüll als Gegenarchiv der Menschheit17.11.2019

Kulturgeschichtliche Tagung in BerlinMüll als Gegenarchiv der Menschheit

Wertloser Abfall oder kostbarer Rohstoff? Was als Müll gilt, ist Ansichtssache und vor allem eine Frage der jeweiligen Zeit. Sogar Kunst und Müll haben etwas gemein: Sie sind nicht nützlich. Aber wertvoll? Eine kulturwissenschaftliche Tagung in Berlin beschäftigte sich mit dem Phänomen Müll.

Von Cornelius Wüllenkemper

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Eine Mülldeponie bei Köln (imago / Felix Jason )
Wie entscheiden wir darüber, ob etwas wertloser Abfall oder kostbarer Rohstoff ist? (imago / Felix Jason )
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Was macht Müll eigentlich zu einem Stoff, mit dem niemand in Berührung kommen will? Und wie entscheiden wir darüber, ob etwas wertloser Abfall oder kostbarer Rohstoff ist? Die Kultur- und Medienwissenschaftlerin Solvejg Nitzke betonte, dass der Müll-Begriff vor allem auf einer sozialen Konvention beruht.

"Müll kann ja nur dann entstehen, wenn es jemanden gibt, der das Ding als wertlos bezeichnet. Das ist im Grunde der umgekehrte Vorgang wie mit Geld. Dass wir uns alle darauf geeinigt haben, dass diese seltsamen Papiere, die aus der Bundesdruckerei kommen, Dinge kaufen können – wenn man lange darüber nachdenkt, wird es auch komisch. Das sind ja die großen Diskussionen im Moment: Was schmeißen wir eigentlich alles weg? Das ist doch noch gut! Da könnte man ja noch was draus machen. Das ist ja eine Einigung zwischen verschiedenen Parteien."

Müllproduktion ist Weltproduktion

Solvejg Nitzke zeigte am erzählerischen Motiv des "Müllplaneten", inwiefern Abfall unvermeidlicher Bestandteil des menschlichen Lebens ist. Ihr pointiertes Motto: Müllproduktion ist Weltproduktion. Nicht die Vermeidung von Müll stand hier im Mittelpunkt, sondern das erzählerische und auch real-konkrete Potential des Materials Müll. Die Tagung konzentrierte sich auf kulturtheoretische Überlegungen, die die Zero-Waste-Bewegung, Recycling und Grüner Punkt als Illusionen entlarvten. Das galt auch für den Frankfurter Literaturwissenschaftler David-Christopher Assmann, der die Berliner Tagung mitorganisierte. Müll ist für ihn vor allem ein wertvoller Rohstoff für die Literatur.

"Es gibt eben die These, dass Müll oder Mülldeponien und Mülleimer so etwas wie Gegenarchive sein könnten, die authentischer seien als die offiziellen Archive. Und man könnte sagen, dass literarische Texte vielleicht an diesen Gegenarchiven mitschreiben und sie ans Tageslicht befördern. Wir wenden wahnsinnige Energie auf, um uns von unserem Müll und unserem Abfall zu trennen und den möglichst zu vernichten. Man könnte sagen, dass literarische Texte uns daran erinnern, dass man Müll nicht so einfach "entsorgen" kann."

Die romantische Vorstellung vom perfekten Rohstoffkreislauf, von rest- und spurloser menschlicher Existenz, dekonstruierte auch die Literaturwissenschaftlerin Lis Hansen. Sie zeigte an Herrad Schenks "Das Leben einsammeln. Olga A. – die Geschichte einer Messie" und an Günter Grass’ Roman "Die Rättin", dass der Müllbegriff als Metapher für das Wertlose, das restlos vernichtet gehört, in der Gegenwartsliteratur immer weniger Platz hat.

Des einen Müll, des anderen Schatz

"Überall finden sich Müllreste, etwa in Form von Mikroplastik, und mich interessiert gerade in der Gegenwartsliteratur die Figur, dass der Müll wiederkommt und dass der Verdrängungs- und Ausschlussakt, den sich eine Kultur selbst erzählt, durch die Diskussion um Mikroplastik nicht mehr funktioniert und die Gegenwartsliteratur den Blick darauf legt, zu zeigen, wie das eine Illusion darstellt."

Was des einen Müll, ist des anderen Schatz - das gilt vom Lehrgutsammler bis zum Trödelmarkt für viele Lebensbereiche und auch für den Literaturbegriff.

Literaten holen das Aussortierte, Verdrängte und Lästige hervor. Sie beschäftigen sich auch mit dem, was nach allgemeiner Norm obsolet ist. Die Grenze zwischen kreativer Materialsammlung und dem sinnlosen Anhäufen von wertlosen Überresten sind fließend. Das zeigte die Kunsthistorikerin Uta Kornmeier an der kulturhistorischen Begriffsentwicklung des so genannten Messies.

Sammler oder Messie

"Im 19. Jahrhundert war der Messie natürlich sehr verschmolzen mit der Figur des Sammlers, auch Sammlers von ungewöhnlichen kulturwissenschaftlichen Sammlungen. Es gibt Sammler, die Werbung gesammelt haben. Hätte man die Vokabel zur Hand gehabt, hätte man die früher auch als Messie bezeichnet. Später sind es dann auch Leute, die sich immer auf einen Notfall vorbereiten - das ist noch eine ganz lebendige Erfahrung aus dem Krieg. Das waren ja auch ganz sinnvolle Verhaltensweisen zu diesen Zeiten, aber heute ist dieses Verhalten halt nicht mehr angemessen oder nicht mehr zeitgemäß, da wir eben so viele Wegwerfprodukte haben, die sich dann ansammeln. "

Die Tagung über das "Verwalten, Verwerten und Vernichten" deckte unerwartete Schnittmengen auf zwischen dem, was als höchste und als niederste Hinterlassenschaft unserer Gesellschaft gilt, zwischen literarischer Kreation und Abfall. Die künstlerische Verarbeitung scheinbar wertloser Materialien führt uns dabei eben das vor Augen, was wir im Alltag gern verdrängen.

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