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StartseiteKultur heuteKulturpolitik nach Gutsherrenart?15.04.2011

Kulturpolitik nach Gutsherrenart?

Über die Absetzung von Olivier Py als Leiter des Pariser Théâtre de l'Odéon ist ein Streit entbrannt

Jetzt ist er immerhin nicht ins Bodenlose gestürzt, sondern im letzten Moment aufgefangen worden: Olivier Py, der abgesetzte Direktor des Pariser Théâtre de l'Odéon, soll nun Leiter des Festival d'Avignon werden. Von "Wegloben" kann allerdings kaum die Rede sein, eher von einem schwachen Trost.

Von Eberhard Spreng

Luc Bondy soll Olivier Pys Nachfolger werden. (AP)
Luc Bondy soll Olivier Pys Nachfolger werden. (AP)
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Wenn's nicht so tragisch wäre, man könnte herzlich lachen über die Pariser Hinterzimmerposse um Kulturposten und Verträge. Da ist zum einen ein talentierter junger Autor und Regisseur, Olivier Py, der in einer französischen Provinzstadt - in Orleans - versauerte und dem Bernadette Chirac, die Gattin des ehemaligen Präsidenten vor Jahren einen Posten in der Hauptstadt verschaffte. Ein Posten, den man ihm jetzt überraschend wieder nimmt, woraufhin man dem verdienten Mann etwas anderes geben muss und ihm, hoppla, schnell die Leitung des Festivals in Avignon vorschlägt.

Da ist der deutsch-französische Regiealtmeister, Luc Bondy, der immer schon die Leitung des Théâtre de l'Odéon haben wollte und dessen Amtszeit in Wien 2013 ausläuft. Bondy hat dann das Alter, in dem französische Theaterchefs normalerweise in Rente müssen und keinesfalls noch einmal irgendwo Intendant werden können. Da ist ein Kulturminister, der sich vor allem fürs Kino interessiert und der für das Theater, na ja, nicht wirklich eine große Ader hat. Da ist ein Präsident Sarkozy, den Frankreichs Chefkarikaturist Plantu schon seit Jahren als Abklatsch des Sonnenkönigs darstellt und dessen Höflinge vom Élysée-Palast aus Besetzungsentscheidungen des Kulturministers gelegentlich in letzter Sekunde umstoßen und da ist die französische Kulturöffentlichkeit, der bei all den Willkürentscheidungen Angst und Bange wird. Und hier wird es tragisch, denn was die Sarkozy-Administration an Veränderungen in den französischen Kulturbetrieb getragen hat, ist geeignet, jeden Theaterleiter in eine permanente Sorge um seine unmittelbare berufliche Zukunft zu stürzen und abzubringen von nachhaltigen künstlerischen Planungen.

Da gab es Anfang des Jahres den Fall der Cathérine Marnas, die der Kulturminister mit der Zusicherung in den Urlaub schickte, ihr Vertrag fürs Marseiller Nationaltheater sei schon unterschrieben und die sich völlig überraschend zugunsten von Macha Makeïeff ausgebootet sah. Da ist der ähnlich gelagerte Fall der willkürlichen Besetzung im Theater von Poitiers, die die Sozialistin Ségolène Royale, Landesherrin in der Region, derart ärgerte, dass sie den Landesanteil an den Subventionen für dieses Theater in ihrer Landehauptstadt kurzerhand strich. Zwischen den nun fast flächendeckend sozialistisch regierten Regionen und dem angeschlagen Sonnenkönig Sarkozy und in seiner Regierung in Paris entbrennt jetzt auch der offene Streit um die Politik der Besetzungsentscheidungen. Dabei ist zu beachten, dass es in Frankreichs Kulturbetrieb bislang klare Regeln gab, die jetzt zugunsten von Entscheidungen umgestoßen werden, die mit Günstlingswirtschaft, Seilschaftslogik und der Herrschaft privater Connections zu tun hat, mit dem klassischen Geschehen bei Hofe also.

Das republikanische Frankreich besetzte Kulturposten nach Prüfung von detaillierten Projektplanungen, die die Kandidaten vorzulegen hatten. Wer das beste Konzept hatte, bekam den Posten. Sein erstes Mandat, in der Regel von fünf Jahren, wurde immer mindestens ein Mal und um mindestens zwei oder drei Jahre verlängert, um damit für die zwei Jahre im Voraus konzipierten ihre Spielpläne Planungssicherheit zu schaffen, letztlich also, um den Theaterleuten zu ermöglichen, die formulierten künstlerischen Ziele auch zu umzusetzen. Wenn solche Regeln jetzt wieder einmal mit Füßen getreten werden, dann verletzt das ein tief verankertes republikanisches Gerechtigkeitsempfinden, das in Frankreich die administrative Sauberkeit eines Verfahrens als notwendigen Schutz vor Willkürherrschaft versteht, und vor dem, was die Franzosen einen Fait du Prince nennen. Anders gesagt: Wenn die Klientelpolitik auch vom Kulturbetrieb Besitz ergreift, ist der gesellschaftliche Grundkonsens angetastet. Vor allem zerstört dies das Fundament für eine seriöse Theaterarbeit.

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