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StartseiteKalenderblattKunst als Waffe19.06.2006

Kunst als Waffe

1891 wurde John Heartfield geboren

Die Friedenstaube, aufgespießt auf einem Säbel, Hitler mit einer Wirbelsäule aus Goldstücken, das Hakenkreuz bestehend aus vier blutenden Beilen - John Heartfields Bilder gegen Krieg und Faschismus wurden weltberühmt. Zeitlebens nutze der Künstler seine Arbeit als politische Waffe. Vor 115 Jahren wurde der Erfinder der Fotomontage geboren.

Von Anette Schneider

Mit modernen Digitalkameras wurde die Fotomontage von einst Geschichte. (Stock.XCHNG / Nik Frey)
Mit modernen Digitalkameras wurde die Fotomontage von einst Geschichte. (Stock.XCHNG / Nik Frey)

John Heartfield: "Ich habe ein Blatt gemacht: das Hoheitszeichen der Henker. Es zeigt das Hakenkreuz, aber die Haken sind Beile. Vier Beile. Und die Arbeiter in Berlin, die das Blatt kennen gelernt hatten, haben das in Kreide auf Zäunen und auf das Pflaster gezeichnet."

John Heartfield, der Erfinder der Fotomontage.

"Der Sinn des Hitlergrußes" von 1932. Man sieht: Hitler. Mit hochgestrecktem Arm hält er seine Hand auf. Hinter ihm ein riesiger Unternehmer, der ihm Geldscheine reicht. Darüber der Text: "Millionen stehen hinter mir."

John Heartfields Fotomontagen wurden massenhaft vervielfältigt und verbreitet: Sie erschienen in linken Zeitungen und Zeitschriften, auf Plakaten und Buchumschlägen.

John Heartfield, Helmut Herzfelde, wurde am 19. Juni 1891 in Berlin geboren, wuchs in der Schweiz und in Österreich auf, ging 1908 an die Kunstgewerbeschule München, studierte ab 1912 weiter in Berlin, lernte 1915 George Grosz kennen. Er hasste den deutschen Militarismus und Chauvinismus,

"der mich zu einer entscheidenden Handlung veranlasste, wie zum Beispiel dazu, meinen Namen in einen englischen zu übersetzen. Das war meine Antwort auf Ernst Lisshauers Hassgesang 'Gott Strafe England'."

Nach dem Ersten Weltkrieg erfinden Heartfield, Grosz und andere DADA: Sie schneiden die angeblich heile Welt auseinander und fügen sie neu wieder zusammen, auf dass sichtbar wird, was vorher verdeckt wurde. Noch geschieht das auf Postkartengröße.

"Oben wurde ein General mit allem Pomp und allen Ehren begraben, und unten hat man dann gesehen die armen Soldaten im Massengrab, einer über dem anderen und mit Kalk überschüttet - diesen Widerspruch wollte ich darstellen. Das führte auch zur Arbeit mit Fotos und zur Erfindung der Fotomontage."

Links auf einem Podest ein Modell in kostbarem Spitzenkleid. Vorne rechts ein Mann, um den Hals ein selbstgemaltes Schild: "Nehme jede Arbeit an”. Darunter die Zeile: "Spitzenprodukte des Kapitalismus."

Heartfield setzt Fotos aus unterschiedlichen Zeitungen gegeneinander, fügt einen griffigen Satz oder ein kurzes Zitat hinzu und deckt so die herrschenden Widersprüche auf. Die Fotomontage ist ihm Mittel zur Aufklärung und Aufruf zum Handeln: Kunst als Waffe.

Bereits 1917 hatte Heartfield mit seinem Bruder Wieland Herzfelde den linken Malik-Verlag gegründet. Seit 1921 gibt er mit Grosz eine Satirezeitschrift heraus, für Erwin Piscator macht er Bühnenbilder. Vor allem aber arbeitet Heartfield für die KPD, in die er gleich 1918 eingetreten war: Bis 1933 entwirft er für die "Rote Fahne” und die "Arbeiter-Illustrierte-Zeitung”, für Schriften und Veranstaltungen der Partei seine berühmten Fotomontagen, in denen er die kapitalistische Gesellschaft entlarvt und vor Faschismus und Krieg warnt.

Ein Schlachtfeld mit Toten. Auf den Toten: eine Hyäne mit Zylinder und Kriegsorden um den Hals. Darunter die Worte: "Krieg und Leichen - immer noch Hoffnung der Reichen." Entstanden 1932.

"Damals haben die Zeitungen vor allem Kriegsfotos gebracht, Berichte mit Unterschriften, und natürlich alle - dafür waren ja die kriegstreibenden Blätter da - dass sie für den Krieg arbeiteten. Und meine Aufgabe sah ich darin, mit der Fotografie, der Zusammenstellung zweier Fotografien, die Wahrheit den Menschen zu sagen über die Lage, in der die Menschheit sich befand."

Im März 1933 stürmt die SA Heartfields Wohnung. Er kann fliehen. Erst nach Prag, von dort nach England. 1950 kehrt er zurück - in die DDR: Er lebt in Leipzig, später - bis zu seinem Tod 1968 - in Berlin. Er ist Professor an der Kunsthochschule und ergreift in seiner Arbeit weiterhin Partei: gegen den Kalten Krieg und die Wiederaufrüstung.

"Ich lebte mit den Ereignissen, ich war gezwungen, aktuell zu sein. Und ich lebe heute noch mit den Ereignissen. Das ist eine Eigenschaft, die mir innewohnt, die ich mir anerzogen habe."

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