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Kunst und Ökonomie
Wie die documenta auf die Wirtschaft blickt

Kunst ist auch eine Geldanlage, ein Wirtschaftsobjekt. Umgekehrt setzen sich Künstler auf der documenta 14 in Kassel und Athen kritisch mit Wirtschaftsfragen auseinander - und greifen dafür zu Schuhen und Seife.

Von Jessica Sturmberg | 04.08.2017

    Die Performerin Lena Heubusch verkauft Seifen für ihr Projekt "Carved to flow"
    Die Performerin Lena Heubusch verkauft Seifen für das Projekt "Carved to flow" (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)
    Es beginnt in und mit Athen. Griechenland hat durch die schwere Finanzkrise eine Abwertung auf breiter Basis erlebt. Die documenta soll die Perspektive auf das Land ändern, es wieder zu einem gleichberechtigten Partner machen. Genau deswegen hat ein Teil der Kunstausstellung auch dort stattgefunden. Die Intention ist, "hier so eine Art Wiedergutmachung zu leisten," sagt der Kunsthistoriker Professor Wolfgang Ullrich. Kunst als Gegengewicht zu den politischen Verwerfungen. Eine von drei Ebenen, wie die documenta sich mit Wirtschaft und Wirtschaften auseinandersetzt.
    "Auf einer anderen Ebene geht es darum, gegen den Kunstmarkt zu agieren, der ja in den letzten zwei Jahrzehnten auch eine unglaubliche Macht erlangt hat durch die Globalisierung, durch unglaubliche Hypes, was einzelne Preise anbelangt und wo es diesmal darum geht, viele künstlerische Positionen zu zeigen, die eben nicht einen Warencharakter haben, die sich nicht vom Markt vereinnahmen lassen und zum dritten gibt es auch sehr viele Arbeiten, die sich eben inhaltlich mit Fragen der Wirtschaft auseinandersetzen."
    Kunst aus Lieferketten
    Die Nigerianerin Otobong Nkanga greift beispielsweise das Thema Lieferketten, Transparenz, Nachhaltigkeit und Fairness im Wirtschaftskreislauf auf. Besucher in Kassel können ein Stück handgemachte, schwarze Seife für 20 Euro kaufen.
    "20 Euro scheint jetzt für eine Seife viel. Das ist natürlich, wenn man den kompletten Herstellungsprozess kennt und jedes Glied, ob es jetzt Arbeitskräfte sind oder Inhaltsstoffe - wenn man sich das mal auslegt, dann merkt man, dass es eigentlich eine günstige Geschichte ist", erläutert Lena Heubusch, eine von neun Performern, die für Otobong Nkanga die Seife verkaufen. Lena Heubusch verkauft nicht nur, sie erklärt auch, was außer den Inhaltsstoffen Kohle, Salbeiöl, Lorbeeröl, Olivenöl oder Kakaobutter noch alles in dem drei Phasen umfassenden Projekt steckt:
    "Phase 1 innerhalb der documenta die Produktion, Seifenherstellung in Athen, Phase 2 der Vertrieb der Seifen, man kann die nur hier in Kassel kaufen, Phase 3 ist die Phase, wo die Keimung sozusagen stattfindet."
    Keimung heißt: Die Erlöse aus dem Verkauf werden investiert in ein Labor in Athen, in dem Wissen ausgetauscht werden soll - darüber wie nachhaltig gewirtschaftet werden kann. Zugleich wird die Seife aber auch selbst zu einem Kunstobjekt - der extrem hohe Preis stellt den eigentlichen Zweck, nämlich die tägliche Nutzung infrage.
    "Das wird spannend sein, zu sehen, ob diese Seifen in ein paar Jahren vom Kunstmarkt vereinnahmt sind und viel teurer werden oder ob sie nur als Nippes verstauben und letztlich nicht mal ihren Gebrauchswert erfüllen. Dann war ja vielleicht doch auch wieder die noch so sensible Herstellung eine Verschwendung von Ressourcen", sagt Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich.
    Schuhe nur für die Arbeit
    In einem anderen Ausstellungsraum verkauft die serbische Künstlerin Irena Haiduk Arbeitsschuhe. Preis: individuell in Abhängigkeit des persönlichen Vermögens. Man soll selbst einschätzen, ob man viel, ausreichend oder wenig Geld hat. Schwarz, geschnürt, knöchelhoch, Fersen- und Zehen offen und bequem. Wer die Schuhe kauft, darf sie nur bei der Arbeit tragen, um eine klare Grenze zu ziehen zwischen Arbeit und Freizeit.
    "Heute ist die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit nicht mehr klar. Man weiß nicht mehr, wann man arbeitet und wann nicht, weil man ständig erreichbar ist."
    Haiduk spricht eine der wichtigen Fragen an, die viele Arbeitnehmer beschäftigen. Das gelingt auch anderen Projekten auf der documenta. Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich.
    "Also es sind sehr viele Themen angesprochen, die auch sonst in öffentlichen Debatten eine Rolle spielen, insofern ist es vielleicht auf der Höhe der Zeit. Es ist nicht unbedingt der Zeit voraus, also es gibt jetzt dort nicht Themen zu entdecken, die bisher noch nirgends besprochen wurden."