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StartseiteCorsoFetisch und Fortbewegung25.11.2019

Kunstausstellung über AutosFetisch und Fortbewegung

Mit einer „Retrospektive des Autos“ will das Victoria & Albert Museum in London zeigen, welchen Einfluss Fahrzeuge auf Design und Gesellschaft im 20. Jahrhundert hatten. Das Auto im Wandel der Zeit und als Klimakiller sind ebenso Thema deren Rolle in Film und Musik.

Louise Brown im Gespräch mit Adalbert Siniawski

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Verschiedene Autotypen auf einer drehbaren Plattform (V & A London)
Verschiedene Autotypen auf einer Plattform im Victoria & Albert Museum im Rahmen der Ausstellung "Cars" (V & A London)
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Auch das Auto ist "pop" und nicht bloß ein Mittel, von A nach B zu kommen! Es ist ein Designstück, das etwas über die aktuellen Zeitgeist aussagt; es ist ein Objekt, das in Film und Fotografie inszeniert wird. Wo bliebe zum Beispiel das Roadmovie? In Zeiten der Klimadiskussion und Dieselaffäre hat das Auto ordentlich Kratzer abbekommen. Und doch widmet das renommierte Londoner Museum Victoria and Albert dem Auto jetzt eine Ausstellung. "Cars: Accelerating the Modern World" heißt sie, "Wie Autos die moderne Welt beschleunigt haben". Meine Kollegen Louise Brown hat die Schau in London gesehen. 

Adalbert Siniawski: Wen spricht so eine Ausstellung an: Muss man ein Autonarr sein, um damit etwas anfangen zu können oder ist die Schau auch für Autoskeptiker interessant – wie geht’s Ihnen dabei, Louise Brown?

Louise Brown: Ich habe keine Beziehung dazu, ein Auto ist für mich ungefähr so spannend wie eine Mikrowelle. Aber in Zeiten des aktuellen Themas Klimawandels hat mich das gereizt, eine Ausstellung zu besuchen, in der das Auto zelebriert wird. Wie man auf die Idee kommt, das habe ich dem Kurator Brendan Cormier gefragt:

"Wir wollen das Auto nicht unbedingt feiern, als einen kritischen Blick auf seine Geschichte werfen, um es als das wichtigste Designobjekt des 20. Jahrhunderts und seine Wirkung zu verstehen."

Siniawski: Das Auto also als "wichtigstes Designobjekt des 20. Jahrhunderts": Wir schlägt sich das nun konkret in der Ausstellung nieder?
 
Brown: Die Ausstellung ist sehr schön aufgeteilt in Themen, die gut ineinander übergehen. Bei den "Fast Futures" geht es um unsere Sehnsucht nach Geschwindigkeit: Da ist ein Firebird zu sehen von General Motors aus den 50er-Jahren, der mit seiner spitzen Nase an die damaligen Kampfjets erinnert. In dem Raum "Making More" geht es darum, wie mit dem Auto das Zeitalter der Massenproduktion ausgerufen wurde. Das mag sich trocken anhören, aber wenn die Ausstellung eines ist, dann das nicht: Sie ist bunt, lebendig, jede Ecke, jede Wandfläche wird bis zur Decke ausgenutzt, die Räume sind voll mit Vitrinen, die mit winzigen Modellen bestückt sind ebenso wie mit drei Meter hohen Leinwänden. Und natürlich mit vielen Autos.

Siniawski: Wir befinden uns in einem renommierten Kunstmuseum – also bietet "Cars" hoffentlich mehr als eine reine Autoshow.

Brown: Von der Menge her fast schon. 15 Autos gibt es zu sehen, die mit Hilfe eines sechs Meter langen Lifts in die Ausstellungsfläche im Parterre heruntergelassen wurden. Und das hat seinen Grund, sagt Brendan Cormier:

"Wir wollten jedes Auto wie einer Art trojanisches Pferd nutzen, um den Besucher in ein bestimmtes Thema einzuführen. Und von da aus jede Geschichte mit Objekten ausschmücken. Etwa mit Beispielen aus der Mode, dem Produktdesign, mit Postern und Film."

Diese mehr als 250 Objekte fand ich tatsächlich spannender als die Automodelle. An ihnen bekommt man einen Eindruck, wie das Auto als Designobjekt unseren Alltag in den letzten - rund 130 Jahren - beeinflusst hat. 

Opulent dekorierte Dekotora-Trucks aus Japan

Siniawski: Können Sie ein Beispiel nennen?
 
Brown: Der tschechische Tatra T77 zum Beispiel, gebaut 1934, war das erste Auto, das nach den Prinzipien des Streamlining gebaut wurde, also mit einer eleganten Karosserie und einer nach unten verlaufenden, hinteren Flosse. Diese stromlinienförmige Ästhetik zeigte sich bald andernorts, etwa bei den glockenförmigen Cloche-Hüten - die übrigens nicht nur schick aussahen, sondern aufgrund ihrer Form am Kopf blieben, wenn man aufs Gas gedrückt hat -, bis hin zu Sesseln, Feuerzeugen und Fleischschneidemaschinen.

Siniawski: Was sind für Sie besondere Highlights in der Ausstellung, womit kann sie in Ihren Augen punkten?

Brown: Ja, besonders gelungen finde ich die vier Kurzfilme, die verschiedene Subkulturen zeigen, bei denen sich alles um das Auto dreht. Es ist faszinierend zu sehen: die opulent dekorierten Dekotora-Trucks der japanischen Trucker, samt Kronleuchtern in der Kabine. Wie sie auf den grauen Straßen wie fahrende Kronen auffallen. Da wird einem klar, dass das Auto viel mehr als nur ein Gefährt auf vier Rädern ist. 

Siniawski: Das Auto als eine Art Versprechen. Taucht es deshalb so massiv in der Popkultur auf?

Brown: Das Auto war schon immer ein Versprechen nach mehr: mehr Freiheit, Abenteuer, Zukunft.

Siniawski: Am Anfang haben Sie gesagt, dass Sie sich wenig für Autos interessieren. Hat sich der Besuch für Sie dennoch gelohnt? 
 
Brown: Also wenn es eine Mission des Museums ist zu zeigen, wie Design die Welt verändern kann, in diesem Fall mit dem Auto, dann ist ihm das auf unterhaltsame und spannende Weise gelungen. Erst am Ausgang war mir aufgefallen, dass der hellgraue Hintergrund für die Vitrinen und Ausstellungsflächen in der Form einer Autobahnbrücke und eines Tunnels gestaltet ist. Gern hätte ich mehr zum Auto als Inspiration für die Film- und Fernsehwelt gesehen. Man denke nur an Filme wie "Back to the Future": Das Auto war, meine ich, ziemlich schrott, aber immerhin konnte man mit ihm durch die Zeit reisen.

Siniawski: Heute ist das Auto weniger ein Objekt der Begierde oder ein Zukunftsversprechen als ein Problem, angesichts der Verschmutzung und Verkehrsprobleme vieler Städte.

Brown: Das stimmt, das Image des Autos ändert sich. Passend dazu gab es zum Abschluss einen Prototyp zu sehen, der die Anforderungen des Autos an die Zukunft verkörpern soll, das elektrisch und autonom fährt und auch noch fliegen soll. Aber ob das Auto so eine Auswirkung auf das nächste Jahrhundert haben wird wie bisher, das bezweifele ich eher. Nicht umsonst nennt das Museum die Schau eine Retrospektive.

Die Ausstellung "Cars: Accelerating the Modern World" ist bis April 2020 im Victoria and Albert Museum in London zu sehen.

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