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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturGeschickt und gut vernetzt in der NS-Zeit02.05.2016

Kunsthändler GurlittGeschickt und gut vernetzt in der NS-Zeit

Anfang 2012 beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft von Cornelius Gurlitt 1.200 Kunstwerke. Der "Schwabinger Kunstfund" löste eine Affäre aus, denn umstritten ist bis heute, ob die Behörden die Bilder einfach mitnehmen durften. Cornelius Gurlitt hatte sie nämlich von Hildebrand Gurlitt geerbt. Ein Buch beschäftigt sich mit dessen Rolle während der NS-Zeit.

Von Christiane Habermalz

Türschild mit der Aufschrift Cornelius Gurlitt. (dpa / Barbara Gindl)
Das Türschild von Cornelius Gurlitt: Hier fand sich eine große Kunstsammlung. (dpa / Barbara Gindl)
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Hildebrand Gurlitt: War er ein Retter von Kunst oder ein skrupelloser Geschäftemacher? Wer war dieser Mann, der seinem Sohn eine Sammlung voller Heimlichkeiten hinterließ, einen mit Vergangenheit belasteten Nachlass, der diesen zum isolierten Außenseiter werden ließ?

Die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann und die Kunstkritikerin Nikola Kuhn haben nun eine erste umfangreiche Biografie Hildebrand Gurlitts vorgelegt. Hoffmann, Projektkoordinatorin an der Forschungsstelle für Entartete Kunst an der FU Berlin, hat dafür schon seit Jahren Material zusammengetragen. Den Autorinnen gelingt es, das differenzierte Bild eines Mannes zu zeichnen, der sich vom ehrgeizigen jungen Museumsdirektor und mutigen Vorreiter der Avantgarde zu einem Opportunisten entwickelte, der mit den Nationalsozialisten lukrative Geschäfte machte. Meike Hoffmann:

"Es ist für mich eine stetig ansteigende Korrumption, dass er sich in dieses System hineinbegibt, mit allen möglichen Interessen, die da mitspielen. Und dass er eigentlich sich immer weiter verstrickt in dieses System. Das ist ja auch das Diabolische an diesem System, das war ja auch darauf angelegt."

Gurlitt wurde 1895 in eine Künstler- und Intellektuellenfamilie hineingeboren. Sein Vater, Cornelius Gurlitt Senior, gehörte als Architekt zur Dresdner Reformbewegung. Hildebrands Großvater Louis Gurlitt war ein erfolgreicher Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts. Auch Gurlitts Schwester Cornelia war Malerin, der Kunstkritiker Paul Fechter bezeichnete sie als "vielleicht die genialste Begabung der jüngeren expressionistischen Generation".

Gurlitt wird zu glühendem Verfechter der künstlerischen Avantgarde

Ihr Selbstmord 1919 trifft den Bruder Hildebrand hart. Gurlitt wird zu einem glühenden Verfechter der künstlerischen Avantgarde. Zweimal muss er wegen seines Einsatzes für die Moderne seinen Posten räumen, einmal 1930 als Museumsdirektor in Zwickau, dann als Direktor des Hamburger Kunstvereins, als er sich weigert, am 1. Mai nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Hakenkreuzfahne zu hissen. Dass er, ohne Chance auf eine weitere Anstellung, zum Kunsthändler wurde, sei nicht freiwillig geschehen, gab er selber nach dem Krieg an.

Kuhn und Hoffmann beschreiben eindrücklich, wie sich in den Folgejahren als Galerist die Schlinge für ihn, den Vierteljuden, immer weiter zuzieht. Nach den Nürnberger Rassegesetzen 1935 musste man eigentlich Arier sein, um am deutschen Wirtschaftsleben teilnehmen zu können. Ständig muss er neue Abstammungsbelege erbringen. Die Autorinnen beschreiben, wie er dennoch geschickt bestehende Freiräume nutzt, um weiter unter der Hand Kunst der Moderne zeigen und verkaufen zu können.

"Gurlitt versteht es, sich durchzulavieren. Um die von ihm favorisiertem Künstler der Avantgarde zeigen zu können, hat er von Anfang an das Programm seines Kunstkabinetts mit Vertretern der gemäßigten Moderne durchmischt. Außerdem zeigt Gurlitt Kunst des 19. Jahrhunderts, hauptsächlich zur Verschleierung seiner anderen Ausstellungsaktivitäten und um zu verdienen, denn alte Malerei ist unstrittig und bei den Käufern beliebt."

Noch 1936 präsentiert Gurlitt Werke von Max Beckmann, ein halbes Jahr, bevor der Maler nach Amsterdam emigrieren muss. Sogar Samuel Beckett besucht die Ausstellung in Gurlitts Kunstkabinett.

"Aber 1938, also kurz vor der Reichspogromnacht, hat man sehr genau gemerkt, und eben auch Hildebrand Gurlitt, dass es überhaupt keine Rechtssicherheit mehr gab. Und viele seiner Bekannten, Kunsthändler und Sammler, sind in dem Jahr geflohen. Und Hildebrand Gurlitt musste sich entscheiden, entweder ich emigriere oder ich suche mir einen neuen Schutz. Und dafür hat er sich entschieden und hat sich dem Reich angedient."

Gut vernetzter Händler in der NS-Zeit

Gurlitt ist ein geschickter und gut vernetzter Händler. Durch seine Kontakte, etwa zum NS-Funktionär Rolf Hetsch, steigt er zu einem von vier Kunsthändlern auf, die von den Nationalsozialisten beauftragt werden, die aus deutschen Museen beschlagnahmte "entartete Kunst" gegen Devisen ins Ausland zu verscherbeln. Nach Kriegsbeginn wird er nach Frankreich geschickt, um Kunst für das Führermuseum in Linz zu beschaffen.

Für Gurlitt muss es wie ein Rausch gewesen sein. Er kauft, verkauft, tauscht, macht Geschäfte in Millionenhöhe. Woher die Werke stammen, ob aus liquidierten jüdischen Sammlungen oder aus geplünderten französischen Museen, interessiert ihn nicht. Doch um entartete Kunst vor der Vernichtung zu retten, kauft er viele Arbeiten selbst – und verkauft sie auch – gegen das strikte Verbot der Nazis - an deutsche Privatsammler. Dabei ging er ein hohes Risiko ein, betont Hoffmann – und so sind zumindest einige Werke nach dem Krieg über Umwege in die deutsche Öffentlichkeit zurückgekehrt.

"Zum Beispiel hat er viel an Josef Haubrich verkauft, der Kölner Rechtsanwalt, der seine Sammlung dann ja den Kölner Museen geschenkt hat. Und auch sehr viel an Bernhard Sprengel, den Schokoladenfabrikanten, der seine Sammlung dann auch der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hat, und die wir heute im Sprengel-Museum in Hannover sehen können."

Nach dem Krieg gerät Gurlitt nur kurz in Erklärungsnot. Schnell funktionieren die alten Netzwerke wieder: Die Nutznießer attestieren sich gegenseitig ihr Engagement für die Rettung der Kunst. Die lukrativen Geschäfte mit den Nazis werden zum Akt des Widerstands stilisiert. Dass es doch ein Unrechtsbewusstsein gab, belegt die Tatsache, dass jüdische Sammler, die nach dem Krieg nach ihren geraubten Kunstwerken suchen, von Gurlitt belogen werden.

Lügen als Vermächtnis an seine Kinder

Die Lügen gibt Gurlitt als Vermächtnis an seine Kinder weiter. Die Sammlung wird zum Familiengeheimnis. Gurlitt, machen Hoffmann und Kuhn deutlich, stand dabei in einer Reihe mit den meisten Deutschen, die von ihrer Schuld nach dem Krieg nichts mehr wissen wollten.

Alles in allem ein lesenswertes Buch, wäre da nicht eine gewisse Schizophrenie. Denn Maike Hoffmanns eigene Beteiligung im Fall Gurlitt wird im Buch mit keinem Wort erwähnt. Sie war die erste Sachverständige, die von der Staatsanwaltshaft Augsburg nach der Öffnung der Wohnung von Cornelius Gurlitt hinzugezogen wurde. Später wurde sie Mitglied der Taskforce, die von Bund und vom Land Bayern mit der Aufklärung der Herkunft der Bilder beauftragt wurde.

Dabei wäre es gerade interessant gewesen, ihre Sicht der Dinge zu erfahren. Sie habe aufgrund ihrer Gutachtertätigkeit neutral bleiben wollen, rechtfertigt sich Hoffmann, die kritische Einordnung der aktuellen Ereignisse von Kunstfund bis Taskforce habe daher in den letzten Kapiteln die Journalistin Nikola Kuhn übernommen.

Da diese Arbeitsteilung der Autorinnen im Buch aber nicht offengelegt wird, kommt es zu schrägen Formulierungen in der dritten Person, etwa wenn referiert wird, dass die Staatsanwaltschaft dafür kritisiert wurde, dass sie die wissenschaftliche Untersuchung der 1500 Bilder nur einer einzigen Kunsthistorikerin überlassen habe. Dass damit die Autorin Maike Hoffmann selber gemeint war, bleibt ungenannt. Schade, dem Buch hätte es gut getan.

Buchinfos:
Meike Hoffmann, Nicola Kuhn: "Hitlers Kunsthändler. Hildebrand Gurlitt 1895 - 1956. Die Biografie", C.H. Beck Verlag, 352 Seiten, Preis: 21,95 Euro

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