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Kunstkritik im Netz"Oft fehlt die Zeit"

Kunst entsteht im digitalen Zeitalter immer schneller. Der Journalist Heinz-Norbert Jocks sieht darin auch für die Kunstkritik ein großes Problem. So habe "die Geschwindigkeit der Rezeption enorm zugenommen", sagte Jocks im Dlf. Es brauche aber eine Öffentlichkeit, "die nicht nur Fast-Food-Interviews liest".

Heinz-Norbert Jocks im Corsogespräch mit Sören Brinkmann | 19.04.2018

Besucher der Kunstmesse Art Cologne gehen auf dem Stand der Galerie Sprüth Magers
Wie soll man den Überblick behalten bei der Masse der Kunstproduktion? Die Digitalisierung stellt die Kunstkritik vor neue Herausforderungen (Oliver Berg/ dpa )
Sören Brinkmann: Kunst steckt in allem, so sehen es manche - sobald ein Gedanke von Gestaltung da ist: sei es auf einer Leinwand, sei es in Bronze gegossen oder sei es heutzutage programmiert. Stichwort: digitale Kunst. Auf der Kunstmesse Art Cologne, die heute beginnt, zeigt sich auch diese ganze Bandbreite, die fast schon zu einem Problem werden kann. Denn wie soll man den Überblick behalten bei der Masse der Kunstproduktion? Gerade digitale Kunst wird oft schnell produziert und verbreitet sich entsprechend.
Der Kunstkritiker Heinz-Norbert Jocks hat sich darüber Gedanken gemacht, dass es deshalb vielleicht auch eine neue Kunstkritik im digitalen Zeitalter geben muss. Mit ihm habe ich darüber gesprochen und gefragt, ob dazu auch gehört, heute viel mehr auf dem Schirm zu haben.
Heinz-Norbert Jocks: Das ist das große Problem. Also die Frage, die ich mir selber auch in dem Rahmen stelle, ist, wie Museen vorgehen, die quasi Sammlungen aufbauen. Und wenn heute die Rede davon ist, dass auch die Museen globaler zu sein hätten, und sie nicht nur westliche Kunst und amerikanische Kunst mit einbeziehen wollen in ihre Sammlung, dann frage ich mich: Wer hat den Überblick darüber, was meinetwegen in Afrika oder in China oder in Südamerika an Kunst zu sehen ist. Und meistens sind es Direktoren oder Direktorinnen, die allein darüber entscheiden oder fast allein darüber entscheiden, welche Kunstwerke angekauft werden. Und da wird so getan - hybriderweise -, als hätte man den Überblick über alles. Das kann nicht sein. Und da zählen, glaube ich, Namen, die gerade en vogue sind, mehr als die Kunst.
"Wenige Galerien sind bereit, das Risiko einzugehen"
Brinkmann: Aber man kann festhalten, dass zum Beispiel auch Mittler wie Galerien da sehr viel weniger Bedeutung haben. Oder wie ist das?
Jocks: Galerien haben eine große Bedeutung, weil sie quasi die ersten Spürhunde sind und ja heute auch bei den Rundgängen in Akademien bereits nach dem Allerneuesten Ausschau halten. Im Gegensatz zu früher gibt es heute noch wenige Galerien, die bereit sind, das Risiko einzugehen, einen Künstler, von dem sie wissen, dass er eine hohe Qualität hat, der sich am Anfang aber nicht verkaufen kann, ihm die Zeit zu lassen oder die Zeit einzuräumen, bis sie vielleicht mit ihm Geld machen und quasi mit der ersten Ausstellung ausprobieren, ob der Künstler - ob er nun digitale Kunst macht oder andere Kunst - ob er sich verkaufen lässt. Und wenn das nicht so ist, werden junge Künstler oft wieder fallengelassen.
Brinkmann: Nun sind sie bei der Art Cologne, die beginnt, mit einer Diskussion vertreten in Kooperation mit dem Kunstforum International wird da der Frage nachgegangen: Wohin geht die Reihe im Netz? Und es wird gesprochen von einer neuen Kunstkritik. Können Sie diese neue Kunstkritik einmal beschreiben?
Jocks: Es gibt die neue Kunstkritik nicht. Wenn man also Zeitungen aufblättert oder Radio hört oder Fernsehen sieht, dann sieht man, dass es im Grunde genommen noch keine neue Kunstkritik gibt oder keine neue Kunstautorenschaft. Und im Grunde genommen geht es darum, sich die Frage zu stellen, welche Herausforderungen die Digitalisierung stellt. Und eines der größten Probleme ist, dass durch die Digitalisierung die Geschwindigkeit der Rezeption enorm zugenommen hat und dadurch eins verloren geht: nämlich einmal erst mal sacken zu lassen, was man gesehen, was man gehört hat. Was zur Folge hat, dass Schnellschüsse gestartet werden und Kunstkritiker gezwungen sind, über eine Biennale zu berichten innerhalb von wenigen Stunden. Und das finde ich schon problematisch.
"Demokratisierung ist vielleicht nur eine scheinbare"
Brinkmann: Ist das dieses Spannungsverhältnis, das Sie auch beschreiben in der Ankündigung zu der Veranstaltung bei der Art Cologne? Da heißt es: "Demokratisierung durch digitale Produktions- und Vermittlungstechnologien vs. Abhängigkeit von ihnen". Also zum einen das Schöne, man nutzt die Technologie, aber macht sich eben auch abhängig - gerade bei dem Tempo zeigt sich das vielleicht.
Jocks: Zum einen bringt die Digitalisierung eine Demokratisierung zustande, dadurch dass Netzwerke - also ich will jetzt keine Namen nennen - und erst recht nicht das Netzwerk, das in Verruf geraten ist. Aber die Netzwerke oder auch eigene Webseiten, die man kreieren kann - es gibt da Autoren oder Sänger, die gerade dadurch bekannt geworden sind, dass sie quasi ihre Songs ins Netzt gestellt haben und dadurch zu Netz-Berühmtheiten geworden sind. Und von daher ist die Verbreitung und die Digitalisierung eine weltweite und von daher ist sie natürlich auch eine demokratische. Das Problem aber ist, dass eben, weil so wahnsinnig viele Informationen und weil so wahnsinnig viel produziert wird, die Frage ist, auf welche Weise wird jemand auf das aufmerksam, was jemand macht. Und ich glaube, dass die Aufmerksamkeitstheorien, die heute kreiert werden - dass die eben auch damit zu tun haben, dass gerade durch diese Digitalisierung die Frage entsteht: Wie kann ich mit dem, was ich mache, aus dem herausragen und auf mich aufmerksam machen? Und insofern ist die Demokratisierung vielleicht nur eine scheinbare. Weil, letztendlich kann zwar jeder alles Mögliche ins Netzt stellen, aber ob es dann wirklich wahrgenommen wird von allen - das ist die große Frage. Und Demokratisierung ist für mich auch etwas, was meint, dass alle in der Lage sind, alles, was da ist, wahrzunehmen. Aber das ist ein Ding der Unmöglichkeit.
"Beschleunigung ist eben nicht das Nonplusultra"
Brinkmann: Und alles, was da ist, auch zu kritisieren - steckt darin vielleicht auch so ein bisschen - ich sage mal - der Ärger des Kritikers, der in früheren Zeiten einfach über Tageszeitungen oder Fachmagazine, wie Art oder eben Kunstforum, sehr exklusiv Zugang hatte und auch sehr exklusiv Kritik üben konnte, während das heute alle können?
Jocks: Ich habe ja nichts dagegen, dass alle heute etwas beurteilen können. Aber es geht, glaube ich, gar nicht. Jetzt müsste man sich darüber unterhalten, was Kritik ist. Und Kritik ist für mich selber nicht, zu sagen: ja oder nein, beschissen oder toll. Für mich ist Kritik der Versuch, quasi auf der Höhe dessen, was ein Künstler und ein Künstler, der digitale Kunst macht … sich gewissermaßen erst einmal auf diesen Berg, auf den Gipfel dessen, was jemand geschaffen hat, hinzubewegen. Und erst, wenn man dort angelangt ist, dann kann man mit einer gewissen Entfernung das betrachten, was jemand macht. Aber oft ist es so, dass die Zeit fehlt, weil von den Medien erwartet wird, dass man über eine Documenta so schnell wie möglich zu berichten hat. Und da rennen dann Kritiker, anderthalb Tage - oft nicht alleine - über die Documenta und müssen über etwas urteilen, was sie letztlich noch gar nicht in der Form haben verarbeiten können.
Brinkmann: Sie fordern, ein bisschen das Tempo rauszunehmen.
Jocks: Ich fordere gar nichts. Ich mache mir Gedanken. Also ich wünschte mir - so will ich es formulieren -, ich wünschte mir, wir kämen wieder dorthin, wo man weiß, dass Beschleunigung eben nicht das Nonplusultra ist. Sondern dass durch diese Beschleunigung, die wir haben, eigentlich die Möglichkeit der Distanzschaffung abgebaut wird, gar zerstört wird. Vielleicht auch zerstört werden soll. Die große Frage ist: Wie man das wieder zu dem Punkt zurückbringt und Rezipienten hat oder eine Öffentlichkeit hat, die auch nicht nur Fast-Food-Interviews liest, sondern auch Interviews, die man auch über den nächsten Tag hinaus noch Lust hat zu lesen.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.