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StartseiteKultur heuteSächsische Beamte auf der Suche nach "ihrem" Staatsschatz17.11.2020

Kunstraub "Grünes Gewölbe"Sächsische Beamte auf der Suche nach "ihrem" Staatsschatz

1.600 Polizisten waren in Berlin an Razzien beteiligt, drei Tatverdächtige wurden im Zusammenhang mit dem Kunstraub vor einem Jahr aus dem Grünen Gewölbe in Dresden verhaftet. Dieser Einsatz sollte auch ein Signal sein, sagte "Zeit"-Journalist Tobias Timm im Dlf. Doch was ist mit der Beute?

Tobias Timm im Gespräch mit Stefan Koldehoff

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Neupräsentation Historisches Grünes Gewölbe, Mai 2020 (SKD, Foto: Oliver Killig)
Vom Einbruch ist nichts mehr zu sehen - Neupräsentation des Grünen Gewölbes im Mai 2020 (SKD, Foto: Oliver Killig)
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Stefan Koldehoff: Der Tag begann für mehr als 1.600 Polizeibeamte in Berlin – darunter bewaffnete Spezialkräfte-Einheiten – ziemlich früh. Gegen 8 Uhr am Morgen begann im Stadtteil Neukölln die Suche nach unermesslich wertvollen Kulturschätzen, die vor fast genau einem Jahr in Dresden gestohlen wurden – aus dem Grünen Gewölbe, der Schatzkammer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Mehrere Täter waren dort am frühen Morgen des 25. November 2019 durch ein vergittertes Fenster eingedrungen. Innerhalb von wenigen Minuten hatten sie dort mit einer Axt eine Glasvitrine zertrümmert und gut ein Dutzend Teile von drei historischen Juwelengarnituren aus der Zeit Augusts des Starken gestohlen.

Nun gab es heute also nicht in Dresden, sondern in Berlin Razzien in verschiedenen Gebäuden – außerdem drei Festnahmen und eine Fahndung nach zwei weiteren Verdächtigen. Tobias Timm von der Wochenzeitung "Die Zeit" verfolgt den Fall seit einem Jahr und war heute auch vor Ort in Neukölln. Seit wann führt denn die Spur nach Berlin?

Tobias Timm: Experten haben direkt nach der Tat Vergleiche zu dem Einbruch in das Bode-Museum gezogen, dort wurde 2017 eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze gestohlen. Dort gab es ein ganz ähnliches Vorgehen, da sind die Täter auch mit brutaler Gewalt schnell ins Museum, haben mit einer Axt eine Vitrine zerschlagen und sind dann verschwunden. Damals konnten die Täter anhand von DNA-Spuren und durch Aussagen von V-Personen festgestellt werden, und auch in diesem Fall jetzt scheinen DNA-Spuren ein Teil des Ermittlungserfolgs gewesen zu sein.

Fluchtautos liefern weitere Spuren

Koldehoff: Das heißt also, die Täter sind offensichtlich nicht sehr vorsichtig gewesen? Die Rede war auch von Telefonkarten, von SIM-Karten, die offenbar in Berlin verkauft worden sind?

Timm: Genaue Ermittlungsdetails gibt die Polizei natürlich noch nicht preis, aber was man so hört, gab es eben eine Vielzahl von Spuren. Da gab es zum Beispiel auch eine Videoüberwachung außerhalb des Museums, die bestimmte Fahrzeuge aufgenommen hat und wohl auch Personen gefilmt hat. Dann wurden diese Fahrzeuge gefunden - eins war verbrannt in einer Garage, ein zweites Fluchtfahrzeug wurde später gefunden, das war mit einer Folie als Taxi verkleidet gewesen. Und in diesem Fahrzeug, so hört man, fanden sich dann Spuren, die auf die Täter führten.

Einbruch ins Grüne Gewölbe – Stefan Koldehoff: "Neue Dimension von Kunst-Diebstahl"
"Brutaler Kunst-Raub nimmt zu", sagt Dlf-Kulturredakteur Stefan Koldehoff. Den Tätern gehe es dabei nicht um die Kunstschätze, sondern nur um deren Materialwert. Museen und deren Träger müssten sich die Frage stellen: Was ist uns Sicherheit wert?

Koldehoff: Drei Personen sind festgenommen worden in Berlin, Herr Timm, nach zwei weiteren wird gefahndet, mit Fotos sogar, und da nennt die Polizei in diesem Fahndungsaufruf auch den Namen einer Berliner Familie, die auch im Zusammenhang mit dem Goldmünzenraub, von dem Sie erzählt haben, eine Rolle spielt. Das heißt, man vermutet, dass es da auch wieder Beziehungen der Täter zu dieser Familie gibt.

Timm: Es ist sogar einer der unter dringendem Tatverdacht Festgenommen einer jener Täter, die für den Diebstahl der Goldmünze im Bode-Museum verurteilt worden waren. Wenn es sich bewahrheitet, was die Ermittler verdächtigen, dann muss dieser Täter während des Prozesses im Fall um die Goldmünze aufgebrochen sein nach Dresden, um dort in einem Museum einzusteigen. Das wäre schon ein ziemlicher Hammer!

Hoffnung in Dresden auf Rückkehr des Staatsschatzes

Koldehoff: Bisher gilt natürlich die Unschuldsvermutung, es bestand auch keine Gelegenheit, die Beschuldigten oder die Anwälte danach zu fragen. Gesucht wurde ursprünglich bei dieser Aktion, die heute Morgen sehr früh begann in Berlin, nach der Beute, sprich nach den Stücken, die aus dem Grünen Gewölbe gestohlen worden sind. Gibt es da denn neue Spuren oder ist womöglich was gefunden worden?

Timm: Der Sprecher der Dresdner Polizei ist sehr skeptisch, ob man die Beute noch findet, aber die Direktorin der Staatlichen Kunstmuseen in Dresden hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Sie glaubt fest daran, dass man wenigstens Teile der Beute jetzt finden könnte, denn anders als die Goldmünze lässt sich dieser Schmuck schwer einschmelzen. Man kann ihn höchstens umschleifen lassen wie Brillanten, aber bei diesem Umschleifen geht so viel Material verloren, dass sie zumindest hofft, dass man einen Teil der Beute wiederfindet.

Koldehoff: Glauben Sie, Herr Timm, dass so eine Aktion wie heute - über 1.600 Beamte, zum Teil Sondereinsatzkommandos, die beteiligt waren -, dass das auch so was wie eine Signalwirkung haben soll?

Timm: Auf jeden Fall. Es ist auch insofern interessant, weil es vor allen Dingen sächsische Beamte waren, die heute in Berlin die Häuser durchsuchten. Es fühlte sich etwas an, als ob da jetzt die Sachsen nach Berlin kommen, um ihren Staatsschatz wieder zurückzuholen, um diese verlorene Identität, wie das damals nach dem Einbruch betitelt worden ist, wieder irgendwie "ganz" zu machen. Das hat den Sachsen schon sehr wehgetan, dieser Einbruch in das Grüne Gewölbe, und dieser Einsatz heute soll auch in dieser Hinsicht ein Signal sein.

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