Freitag, 20. Mai 2022

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LABOR: Hotspots der deutschen Lernforschung
Vorurteile bremsen den Bildungserfolg

Kinder mit Migrationshintergrund brechen öfter die Schule ab und machen seltener Abitur. Warum das so ist und ob das zu verhindern wäre, dem geht das Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) auf den Grund. Es liefert wichtige Daten für mehr Bildungsgerechtigkeit.

Von Daniela Remus | 17.05.2019

Schülerin mit Migrationshintergrund meldet sich im Unterricht
Sind Kinder mit Migrationshintergrund Stereotypen ausgesetzt, kann das gravierende Folgen für ihre Schulkarriere haben (dpa / Waltraud Grubitzsch)
"Das Ziel unserer Arbeit ist es, Lern- und Entwicklungsprozesse von Kindern und Jugendlichen, aber auch Schulentwicklung und Bildungsergebnisse zu untersuchen", sagt Nele McElvany, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung, kurz IFS, einer Forschungseinrichtung der TU Dortmund.
Ein wichtiger Schwerpunkt dieser renommierten Einrichtung: Bildungsmonitoring. Rund 75 Forscher sind verantwortlich für die internationalen und nationalen Leistungsvergleichsstudien: Zum Beispiel die "IGLU"-Studie, mit der die Lesekompetenz von Viertklässlern erfasst wird. Oder die "TIMMS"-Studie, mit der die mathematischen und naturwissenschaftlichen Kenntnisse von Grundschülerinnen gemessen werden. Unverzichtbare Daten, auf deren Grundlage in zahlreichen empirischen Projekten untersucht wird, was guten Unterricht ausmacht, wer von Leseförderung profitiert oder warum Kinder mit Migrationshintergrund häufig zu den Bildungsverlieren gehören. Aktuell arbeiten die Forscher zum Beispiel daran, herauszufinden, wie sehr Stereotype das Lernen beeinflussen und was dagegen helfen könnte.
Bedrohung durch Klischees
Und deshalb gehen sie regelmäßig in Schulen: Denn Stereotype sind allgegenwärtig, auch an den Schulen. Einige Beispiele dafür: "Mädchen können kein Mathe", "Jungs lesen schlecht" und "Kinder mit türkischem Migrationshintergrund lernen nicht richtig Deutsch!". "Stereotype Threat", also zu deutsch: Bedrohung durch ein Klischee, wird dieser Effekt genannt. Er wirkt in unterschiedlichsten Zusammenhängen, das ist bekannt. Die Frage, der die Dortmunder Wissenschaftler aktuell nachgehen: Beeinflussen solche Ressentiments auch den deutschen Wortschatz türkischstämmiger Kinder? Denn das Lernverhalten dieser Gruppe ist bisher wenig erforscht, erklärt Justine Stang, Mitarbeiterin am IFS:
"Wenn man sich Kinder mit und ohne Migrationshintergrund anschaut, sieht man, dass Kinder mit Migrationshintergrund mit Blick auf die Bildungspartizipation benachteiligt sind, aber auch einen reduzierten schulischen Kompetenzerwerb aufweisen."
Schwierigkeiten beim Wortschatzerwerb
Und das heißt im Klartext: Sie machen seltener Abitur und brechen häufiger die Schule ab, und zwar ohne Abschluss. Liegt das vielleicht an Schwierigkeiten beim Erwerb des deutschen Wortschatzes? Diese Frage steht im Zentrum des Dortmunder Projekts. Konkret läuft das dann so ab, demonstriert Stang:
"Wir haben hier links Zielwörter stehen, wie beispielsweise 'Obst', wäre ein Zielwort, und rechts daneben finden wir fünf Alternativen. Und dann müssen die Kinder aus diesen Alternativantworten herausfinden, welches die richtige Antwort ist. Also ein Synonym dazu bei 'Obst' wäre dann 'Früchte'. Zur Auswahl hätten wir aber auch 'Salat', 'Bein', 'Arm' oder 'Oberschenkel' beispielsweise."
Wörter, die die Kinder zuordnen sollen, sind beispielsweise auch 'Jurist', 'Sabotage' oder 'inhaftieren'. Ist diese Arbeit abgeschlossen, beginnt der zweite Teil. Die Schülerinnen und Schüler bekommen kurze Texte, in denen diese Wörter vorkommen. In einem abschließenden Teil des Tests wird dann noch einmal nach den Zielwörtern und deren Synonymen gefragt.
Wie wird das Lernen beeinflusst?
"Wie sieht der Zugewinn aus, wie viele Wörter kennen sie jetzt mehr, allein dadurch, dass sie den Text gelesen haben?"
Jede Klasse wird in drei zufällige Gruppen unterteilt: Eine Gruppe füllt nur die Fragebögen aus, während die beiden anderen mit Stereotypen konfrontiert werden, explizit oder implizit. Kommen solche Klischees als Verunsicherung bei den Kindern an und beeinflussen sie deshalb ihr Lernen?
"Das heißt also, bei der impliziten Bedrohung bekommen die eine Frage gestellt nach der Familiensprache, also welche Sprache sprecht ihr zuhause? Und bei der expliziten Bedrohung erhalten sie einen Hinweis, dass es manchen Gruppen schwieriger fällt neue Wörter zu lernen."
Auch wenn diese Intervention klein und nebensächlich erscheint: Sie wirkt! In einer Vorstudie des Instituts zeigte sich, dass bereits solche geringen Hinweise reichen, um das Erlernen neuer Wörter deutlich zu beeinflussen, so Annika Ohle-Peters, die an der Vorstudie mitgearbeitet hat:
"Wir haben zeigen können, dass die Gruppen, die einem Stereotyp ausgesetzt waren, weniger Wörter dazugelernt haben im Rahmen dieses Experiments als Kinder, die kein Stereotyp bekommen haben."
Hochgerechnet drastische Auswirkungen
Und zwar ganz gravierend: Bei den Kindern, die keinem Stereotyp ausgesetzt waren, lag die Worterwerbsquote doppelt so hoch wie bei denen, die sich explizit mit einem derartigen Klischee auseinandersetzen mussten. Wenn man das auf ein Schulleben hochrechnet, wird die drastische Auswirkung deutlich, erklärt Nele McElvany, die Direktorin des Instituts:
"Das meiste unseres Wortschatzlernens geschieht implizit und nicht explizit, das wissen wir von den Linguisten. Wenn in all diesen Situationen tatsächlich Kinder aufgrund dieser Annahme, dass sie selber das ja ohnehin nicht so gut können, weil sie einer bestimmten Gruppe angehören, die mit negativen Stereotypen belegt sind, immer systematisch immer ein bisschen weniger lernen als die anderen, dann hat das - natürlich mittelfristig gedacht - einen kumulativen Effekt, den man, denke ich, dann doch sehr ernst nehmen muss."
Genau diesen Effekt untersuchen die Forscherinnen und Forscher gegenwärtig, um herauszufinden, wie er vermieden werden kann. Deshalb läuft das Projekt, im Gegensatz zur Vorstudie, nicht nur in Grundschulklassen in NRW, sondern auch an weiterführenden Schulen in Berlin und Niedersachsen. Im nächsten Jahr werden die Dortmunder Forschungsergebnisse dann verfügbar sein.