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StartseiteSonntagsspaziergangWas wir von indigenen Völkern lernen können 19.07.2020

Lago Lindo in BrasilienWas wir von indigenen Völkern lernen können

Achtsamkeit, Nachhaltigkeit, Naturschutz - das Naturvolk der Huni Kuin im Amazonas-Gebiet lebt viele der Werte vor, die westliche Kulturen aktuell immer wichtiger werden. Und das ohne Strom, fließendes Wasser und Internet. Ein Besuch im Dschungel Brasiliens.

Von Jenni Roth

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Der lila angestrichene Bug eines Schiffes ist auf dem braunen Fluss  (Deutschlandradio / Jenni Roth)
Die Huni Kuin jagen Fische noch mit Pfeil und Bogen und kümmern sich um die Ressourcen - ob Pflanzen, Wasser, Geschichten, Spiritualität (Deutschlandradio / Jenni Roth)
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Eine winzige Propellermaschine, zehn Sitzplätze. Der Co-Pilot gibt ein paar Informationen zum Flug: Knapp anderthalb Stunden wird es dauern bis Jordão, einem abgelegenen, kleinen Städtchen im Dschungel. Zweimal in der Woche gibt es diese Verbindung. Es ist der einzige Weg nach Jordão – Straßen gibt es keine. Die letzten Sekunden in Río Branco, am Ende der Welt, und mittendrin im Amazonas: die größte Stadt des Bundesstaats Acre in Brasilien, im äußersten Nordosten, nah an der Grenze zu Peru. Wir sind auf dem Weg in den Wald: "La floresta", wie es hier heißt. 

Unter uns schlängelt sich der Wasserlauf des Tarauacá durch den Dschungel wie ein aufgetrennter Saum. Alles, was es an diesem Ort gibt, kommt per Boot – oder per Flugzeug. Straßen gibt es hier nicht. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum der Wald noch so flächig ist, keine abgeholzten Stellen. Unberührt von Bolsonaro und seinen Schergen.

Der Flughafen von Jordão ist ein kleiner Bau mit Flachdach, bunt bemalt. Das Flugtaxi hält 20 Meter vom Gatter entfernt. Hühner werden ausgeladen, ein Hund, mannshohe Pakete. In der Ankunftshalle steht eine Reihe von Frauen, sie tragen Kinder im Arm, ihre Gesichter sind mit geometrischen Zeichnungen verziert. Auch Txana ist da. Kennengelernt habe ich ihn in Deutschland, wo er einen Teil des Jahres mit seiner deutschen Frau Kathy und den beiden kleinen Kindern lebt. Txana ist 34 und der Sohn eines Stammesältesten. Er ist klein, glatte schwarze Haare, Rundhaarschnitt. Wenn er lächelt, dann liegt darin die Ruhe einer ganzen Welt. Und er lächelt fast immer.

Wir laufen über die staubigen Wege. Der Ort ist schachbrettartig aufgebaut, ich denke an Mannheim, nur in klein. Nach zehn Minuten sind wir da. Erste Station: das Haus von Txanas Tante. Ein einfacher Betonbau mit einer großen Terrasse. Ein paar Frauen und Männer schaukeln in den Hängematten. Fußballgeschrei von fern. Es ist heiß, drückend heiß. Am liebsten würde man sofort losziehen, die Gegend erkunden. Aber Kathy bremst: erstmal ankommen. Runterkommen. Akklimatisieren. Da ist die Hängematte! 

Ein einfaches Holzhaus mit einer Treppe, davor stehen zwei Männer (Deutschlandradio / Jenni Roth)Dorfhaus bei den Huni Kuin (Deutschlandradio / Jenni Roth)
Eigentlich sollten wir am Abend weiterfahren nach Lago Lindo, ein winziges Dorf zwei Bootsstunden flussaufwärts. Aber es hat angefangen zu regnen. Regen, das ist hier kein Regen, wie man ihn aus Deutschland kennt. Wasser strömt vom Himmel, so laut, dass man kaum sprechen kann. Das Wasser macht den Fluss zu einem reißenden Ungetüm. Also warten wir. Wie Surfer, die auf die richtige Welle warten. Wir essen frische Erdnüsse und kleine Bananen. Ansonsten passiert: maximal nichts. Und man weiß nicht, wie lange das noch so geht. Zwei Stunden oder zwei Tage. Aber am Abend lässt der Regen dann doch nach. Die Geier suchen sich ihre Plätze zum Trocknen: Auf Dächern und Laternenpfählen breiten sie ihre Schwingen aus. 

Der nächste Morgen sieht aus, als hätte er vergessen, dass es den Regen überhaupt gibt. Die Sonne brennt. Wir tragen 20-Liter-Kanister zum Ufer: In Lago Lindo gibt es kein trinkbares Wasser aus dem Hahn. Auch keinen Strom. Kein Telefonnetz. Kein Internet. Der Fluss hat die Farbe von Heilerde. An den Ufern dichter Dschungel. Ein Grün geht in das nächste über. Lago Lindo ist eines der 32 Dörfer entlang des Flusses Jordão. Der Ort besteht aus ein paar einfachen Bretterverschlägen und einer Maloca, dem traditionellen Versammlungsort indigener Dörfer: eine Art Zelt, etwa zehn Meter hoch, aus Holz gebaut, zu den Seiten hin offen, in der Mitte eine Feuerstelle.

Im Moment leben hier vor allem Gäste: Bauarbeiter mit ihren Familien. Manche habe neun oder zehn Stunden Fußmarsch hinter sich. Sie sollen das Dorf ein Stück erweitern – es sollen noch mehr Gästehäuser entstehen. Kathy und Txana wollen den Dschungel öffnen – es soll mehr Austausch mit dem Westen geben. Unsere Unterkunft: ein einfaches Holzhaus. Die Türen fehlen noch. Aber das spielt hier keine Rolle. Ein Huni Kuin ist nie allein, erklärt Txana: "Die sind noch am Holz sägen, daher heute erstmal in einem Zimmer. Da ist ein Haken! Und da auch!"

Die Zimmer sind leer, aber an den Haken kann man Hängematten befestigen. Die Indigenen hier schlafen traditionell in Hängematten. Allein oder mit der ganzen Familie. Vor dem Haus setzt eine der Frauen einen großen Metalltopf über die Feuerstelle. Die meisten tragen ein Kind in einem Tragebeutel vor der Brust. Die Rollenverteilung ist hier in großen Teilen noch dieselbe wie vor 100 Jahren. Die Szenerie erinnert an das, was der Forschungsreisende Theodor Koch-Grünberg 1908 in seinem Buch "Frauenarbeit bei den Indianern Nordwestbrasiliens" schrieb:

"Schon vor Tagesanbruch erhebt sich die fleißige Frau, und bereitet über dem schnell entfachten Feuer des häuslichen Herdes das Frühstück für die Familie. Bald verlässt auch der Mann die Hängematte. Nachdem sich beide an dem einfachen Mahl gestärkt haben, gehen sie ihren Geschäften nach, der Mann zum Fischfang oder auf die Jagd, die Frau auf das Feld."

Maniok als Nahrungsgrundlage

Grünberg beschreibt auch, wie die Indigenen die Maniok- oder Yuccawurzeln auf verschiedenste Arten verarbeiten. Zum Beispiel zu Manimuzka, das die Frauen uns zur Begrüßung aus einem großen Topf in Gläser schöpfen: ein blassbraunes Getränk aus Bananen und Erdnüssen. Manimuzka gibt es in allen Varianten: mit und ohne Zucker, Banane mit Erdnuss, Banane ohne Erdnuss, Mais mit Banane – und fast immer mit Maniok. Überhaupt, Maniok, oder Atsa, wie die Huni Kuin die Wurzelknollen nennen: Es gibt sie zum Frühstück als Fladen, als Suppe, als Getränk oder gekocht als Kartoffelersatz. "Atsa ist unser Gott!", sagt Txana. Und er will uns zeigen, wo und wie er wächst. 

Auf dem Weg gibt es Anweisungen: Aufpassen, wo man hintritt, auch nicht an Baumstämmen festhalten. Linda, die fünfjährige Tochter, warnt vor Tucanderos, den Riesenameisen. Txana schlägt uns den Weg mit einer Machete frei: Auch wenn es gerade nicht regnet, ist der Dschungel feucht, und immer fruchtbar. Alles wächst hier so schnell, dass man schon nach einem Tag kaum etwas wiedererkennen kann. Wie also weiß Txana so sicher, wo er hin muss? Es gibt keine Straßenschilder, aber es gibt sehr wohl Wegweiser, sagt Txana. Nur dass wir sie nicht erkennen – etwa so, wie auch die samischen Rentierzüchter in Lappland in den weißen Weiten des Schnees genau wissen, wo ihr Weg verläuft.

Txana hat seine Augen überall. Sein dreijähriger Sohn stolpert. Txana lässt ihn selbst wieder aufstehen. Er lässt seine Augen kreisen, in den Augenwinkeln scheint er alles zu sehen, Tiere, Gefahren, und natürlich Pflanzen. Immer wieder bleibt er stehen, zupft ein paar Blätter von den Ästen und erklärt ihre Wirkungen – viele von ihnen kennt mittlerweile auch Kathy nach acht Jahren im Wald. "Als ich das erste Mal durch Wald bin, sah alles gleich aus. Alles gleich! Ich merke, dass ich öfter hier war, langsam merke ich die Unterschiede. Aber am Anfang: Wie soll man denn hier…!"

Wir kommen zu einer Lichtung, gesäumt von Maniok, und fangen an, mit den Händen und aller Kraft an den dünnen Stämmen zu rütteln, so lange, bis die Pflanze sich aus der Erde löst. Wir packen die Wurzelknollen in Säcke, die die Männer sich über die Schultern werfen. Die Pflanzenreste stecken wir direkt wieder in die Erde. In einem halben Jahr werden sie eigene Früchte tragen. 
"Wir kümmern uns um unsere Ressourcen, egal ob es die Pflanzen sind, das Wasser, unsere Geschichten, unsere Spiritualität", erklärt Txana. Wir kommen zu einer Quelle, aus der ein Wasserlauf entspringt und die Txana heilig nennt: "Dieses Wasser aktiviert unsere innere Weisheit. Alles Wissen der Erde ist hier gespeichert. Das Wasser öffnet unser Herz."

Er nimmt ein großes Blatt, faltet es zu einem Trichter, und reicht die "Wassertasse" weiter. Dann abwechselnd in das klare Wasser stellen und baden. Haux Haux heißt: Anfang, Ende, Harmonie. Und hier draußen, am Ende der Welt, bekommt man eine Ahnung davon, was Txana meint, wenn er davon spricht, dass wir im Westen zwar vieles haben. Aber dass uns oft die Verbindung zur Natur verloren gegangen ist. Dass wir oft zu viel denken, und darüber das Fühlen vergessen. 

Indigene Völker haben einen schweren Stand in Brasilien

Über das, was wir von den Indigenen lernen können, hat sich schon Claude Lévi-Strauss in den 30er-Jahren bei seiner Reise durch den Amazonas Gedanken gemacht. In "Traurige Tropen", einem Klassiker der Anthropologie, sehnt er sich nach den Momenten, in denen "es die menschliche Gattung erträgt, ihr bienenfleißiges Treiben zu unterbrechen, das Wesen dessen zu erfassen, was sie war und noch immer ist, diesseits des Denkens und jenseits der Gesellschaft: zum Beispiel bei der Betrachtung eines Minerals, das schöner ist, als alle unsere Werke; im Duft einer Lilie, der weiser ist als unsere Bücher."

Txana sagt: "Wir haben viel zu geben. Unsere Spiritualität, unsere Medizin, unsere Sprache, Frieden machen in unserer Welt. Wir sehnen uns nach Frieden. Nach Austausch auf Augenhöhe, nach all den schwierigen Zeiten der Diskriminierung, der Verletzungen, von Krieg und Intrigen." Und tatsächlich blicken die Huni Kuin – wie die anderen indigenen Stämme auch – auf eine düstere Geschichte zurück. Am Abend sitzen wir bei Kerzenlicht mit den Dorfbewohnern zusammen, und sprechen über die Vergangenheit. 

"Die Portugiesen haben uns unsere Kultur genommen, als sie vor 500 Jahren hierher kamen. Es gab Massaker und wir wurden ihre Sklaven." Missionare versuchten, die Indigenen zum Christentum zu bekehren. Im späten 19. Jahrhundert kamen die "Caucheiros": Im Zuge des Kautschukbooms versuchten sie, die Indigenen zu Zwangsarbeitern zu machen. Und sie brachten Krankheiten mit, gegen die die Ureinwohner keine Abwehrkräfte hatten. 

Heute heißt die Bedrohung vor allem: Javier Bolsonaro und seine Gefolgsleute. Seit den Wahlen 2018 regiert ein rechtskonservativer Gouverneur den Bundesstaat Acre. Manche Naturschutzgebiete, in denen Huni Kuin leben, haben Großgrundbesitzer schon zu ihrem Eigentum erklärt. Nur verbrieftes Privateigentum könne vor der Regierung und Großindustriellen schützen, glaubt Txana. Deshalb sammelt seine Familie zusammen mit einer deutschen Unternehmerin Geld, um das teils gerodete Land zu kaufen und wieder aufzuforsten: 14.000 Hektar zwischen dem Land der Huni Kuin und den unkontaktierten Gruppen, die von Peru nach Brasilien zurückgedrängt worden sind. 

Von Heilpflanzen und Halluzinogenen 

Dabei scheint die Welt in Lago Lindo noch in Ordnung. Manche hier kennen nicht einmal den Namen von Bolsonaro. Es ist Tag zwei, zum Frühstück gibt es Maniok-Fladen und "Huni-Kuin-Kaffee": die Bananensuppe Manimuzka. Und die Frauen schütteln schon einmal ein paar Papayas vom Baum, und ritzen sie von allen Seiten ein: So reifen sie schneller. Txana hat aus dem Wald Sananga-Blätter mitgebracht. Er raspelt etwas von dem Pflanzenstil ab, mischt es mit Wasser, formt aus einem Blatt einen Trichter. Als erstes träufelt er Kathy die Tropfen ins Auge. Sananga soll den Blick klären – nach innen und außen. Aber es brennt wie Hölle. Txana klopft seine stöhnenden "Patientin" ab, ein bisschen lacht er dabei. 

Ein Tisch ist gedeckt mit vielen Schüsseln und Speisen, von oben fotografiert (Deutschlandradio / Jenni Roth)Mittagessen bei den Huni Kuin (Deutschlandradio / Jenni Roth)
Heilpflanzen sind aus der Kultur, aus dem Leben der Indigenen nicht wegzudenken. Vor allem nicht die "Liane der Geister", die auch Ayahuasca heißt: Die Caapi-Liane wird mit der DMT-haltigen Chacruna-Pflanze zu einem halluzinogenen Gebräu verkocht. Dem Mythos nach trinken die Huni Kuin diese Medizin, seit ein Stammesangehöriger mit ihrer Kraft die bösen Geister in den Urwald verbannen konnte. Txana erklärt: "Ayahuasca ist unsere spirituelle Führerin, die Heiliges des Waldes. In den Zeremonien verbinden wir uns mit ihr, wir beschwören die Kraft und das Göttliche in der Natur, in den Tieren, Pflanzen und Menschen. Die Vision ist die Gemeinschaft, ein gemeinsames Bewusstsein zwischen den Menschen: Alles ist verbunden." 

Getrunken wird Ayahuasca bei rituellen Zeremonien, oft dauern sie die ganze Nacht. Ein Schnapsglas kann reichen, um für Stunden die Sinneswahrnehmung zu verändern. In diesem erweiterten Bewusstseinszustand lösen die Huni Kuin auch Konflikte und Beziehungsprobleme. Sie bekommen Hinweise, wo sich die nächste Jagd lohnt und welche Pflanzen was heilen, sie sehen die geometrischen Muster für ihre gewebten Stoffe, für ihren Perlenschmucks, und Ideen für die Körperbemalungen. 

Bewusstseinserweiterung - auch schon für Kinder

Diese gehören auch zu den Vorbereitungen, die schon am frühen Abend losgehen. Es ist ein Samstag, aus den umliegenden Dörfern sind etwa 20 Frauen und Männer gekommen. Auf einem wackligen Holztisch steht schon eine große Schüssel mit Popcorn und eine Thermoskanne mit zuckersüßem Kaffee. Während die Männer Hängematten rund um die Feuerstelle aufhängen, bemalen die Frauen reihum die Gesichter. Als Pinsel nutzen sie eine angespitzten Ast, den sie in ein Glas mit roter Urucum-Paste tauchen, die mit Öl gemischt ist, oder in eines mit schwarzer Farbe: Genipapo. 

Es ist neun oder halb zehn, als Txana die Zeremonie eröffnet. Er hat sich umgezogen, statt Shorts und T-Shirt trägt er jetzt einen prächtigen Federschmuck auf dem Kopf, und ein langes, farbig gewebtes Zeremoniengewand. Währenddessen rupfen ein paar Frauen noch einen Vogel, den die Männer am Nachmittag geschossen haben. Sorgsam packen sie die einzelnen Federn in eine Tüte. Als ein Falter in einer Kerzenflamme verendet, zucken sie mit den Schultern: Transformation". Txana hält eine Rede, begrüßt die Gäste. Dann schenkt er nach und nach die Medizin aus. Sie ist dunkel und dickflüssig. Dass man nach der Einnahme des bitteren Gebräus meist erbrechen muss, wird als reinigender Effekt betrachtet. Also gibt es auch dazu noch die Ansage: Wer sich übergeben muss, am besten nach draußen in den Wald.

Ein paar der Männer fangen an, Musik zu machen. Sie spielen Gitarre, und singen: Die Gesänge sollen den Geist der Pflanze locken. Erst fühlt es sich an, als würden die Klänge das Konzert überlagern, das aus dem Dschungel kommt. Aber in den Musikpausen wird klar: Es ist ein Austausch. Der Gesang klingt wie ein zwitschernder Vogel, und der Dschungel hört zu. Die Strophen scheinen sich unendlich zu ziehen, in kaum hörbaren Variationen. Jede Strophe beschwört die Verbindung mit einer anderen Kraft: des Wassers, des Waldes, des Windes. Der Himmelskörper, der heiligen Geometrie, der Arbeit. "Eeeee – aaaaaa": die Silben stehen für die männliche und die weibliche Energie: Das e sehr direkt, das a offener, öffnender. Ein Hund springt in die Hängematte. Sein Herz schlägt im Takt der Musik. 

Ab neun Jahren sind Kinder dabei. Auch sie sollen ihr Bewusstsein erweitern, sich selbst besser kennenlernen. Wenn man sie fragt: Angst haben sie keine: "Nein, ich treffe Tiere." Oder: "Ich möchte das Universum kennenlernen." - "Was so lange als naiv und primitiv verurteilt wurde, erscheint heute, im Lichte der jüngsten Einsichten von Biologen und Anthropologen, als ökologischer Realismus." (Andreas Weber: Indigenialität)

Irgendwann fangen ein paar Leute an zu tanzen, in Schlangenform bewegen sie sich um das Feuer, im Rhythmus der Musik. Irgendwann gibt es eine zweite Runde der Medizin. Später kommt noch Rapé dazu, ein Schnupftabak, das bei den indigenen Völkern des Amazonasbeckens seit Jahrtausenden als schamanisches Heilmittel gilt. Es soll den Geist klären und öffnen. Der Reihe nach knien die Leute vor dem Schamanen, der ihnen das Rapé durch ein Bambusrohr, so lang wie ein Unterarm, in die Nase bläst.

Emanzipation im Kleinen

Gegen vier Uhr am Morgen wird es still. Nur der Dschungel tönt weiter. Aber schon um sechs dringt durch die Ritzen der Bretterwände wieder das Hämmern und Bohren: Die Männer sind schon an der Arbeit, gerade schleppen sie Palmwedel zur Baumstelle: Sie werden als Dach auf das Haus gesetzt. Irgendwo in der Ferne spielt jemand wieder Gitarre. Oder immer noch?

Diese Zeremonie war denkwürdig – auch für die Huni Kuin: Normalerweise bleiben die Familien unter sich. Dass Gäste aus den umliegenden Dörfern kommen, ist neu. Neu ist auch, dass die Frauen bei der Zeremonie ihre eigenen Lieder gesungen haben. Kathy versucht hier im Kleinen, die traditionellen Rollenverteilungen aufzubrechen. Es gibt sogar eigene Zeremonien nur von und für Frauen. Auch, dass Txanas Mutter am nächsten Tag mit uns in den Wald geht, um Heilkräuter zu sammeln, ist neu: Eine Frau, die ein "Projekt" leitet. "Das hier ist eine Medizin für den unteren Rücken. Man muss es auf dem Feuer erwärmen und dann auflegen. Und das hier: Wenn eine Frau das erste Mal ihre Menstruation hat, dann werden diese Blätter zerrieben und ihr auf die Stirn gelegt."

Eine Frau und ein Kind in einem Boot (Deutschlandradio / Jenni Roth)Die Rollen sind bei den Naturvölkern klar verteilt (Deutschlandradio / Jenni Roth)
Viele Stunden sammeln wir Kräuter. Medizin für Kinder, die schlecht schlafen, und Kräuter für kraftvolle Haare. Und wir sammeln Plastikmüll aus dem Wald: Früher gab es eben nur Biomüll, den man wegwerfen konnte – jetzt landet stattdessen eben das Plastik im Wald. Das Leben hier passt nicht immer zu den romantischen Vorstellungen von Naturvölkern. Natürlich warten auch die Indigenen in Lago Lindo darauf, dass es hier Internet gibt und ein Telefonnetz. Und womöglich müssen sie nicht mehr lange warten. Txanas Bruder Leopardo hat große Pläne: Er ist zu Besuch gekommen, steht da mit Hemd, Lederschuhen, Umhängetasche, und zeichnet mit dem Arm einen großen Kreis das große Stück Land rund um das Dorf nach, das er bewirtschaften will: Fische züchten, Ananas anbauen und noch mehr Akay, eine Beere, die auf Palmen wächst, und bei uns teuer als Superfood in Biomärkten zu haben ist.

Txana selbst würde vielleicht gar nicht noch extra Fische züchten wollen. Ihm reichen erstmal die, die im kleinen Dorfsee schwimmen. Am Abend zieht er los, um ein paar zu fangen. Nicht etwa mit einer Angel oder einem Netz – sondern mit Pfeil und Bogen. Und es funktioniert. Gekonnt harpuniert er die kleinen Fische, die im flachen Ufergewässer schwimmen. In der Maloca haben die Frauen schon ein kleines Feuer gemacht, sie braten die Fische und servieren sie mit geriebenem Maniok. Ein Topf, ein Löffel für alle. Die Gruppe isst, und die Männer haben angefangen Karten zu spielen – unterbrochen von einer Zahnbehandlung: Ein kleiner Junge hat Zahnschmerzen. Seine Mutter hält ein zerfleddertes, handgeschriebenes Gebetsbuch in der Hand und sucht die passenden Verse. Dann hält der Vater seinen Zeigefinger auf seine Wange, an die schmerzende Stelle, und liest lautlos.

Am nächsten Morgen lacht der Junge: Die Schmerzen sind offenbar weg. Und in meinen Notizen steht hinter Tag fünf ein Fragezeichen: Im Dschungel, im Leben im Rhythmus mit der Natur, geht das Zeitgefühl verloren. Dafür kommen Fragen, große Fragen: Jeder Tag ist hier gleich. Viel Zeit besteht aus dem, was wir im Westen Nichtstun nennen würden. Aber warum scheint uns Nichtstun so verwerflich? Was bedeutet Arbeit? Welche Arbeit ist sinnvoll? Wie viel Arbeit muss sein? 

Corona als besondere Gefahr für die Indigenen

Zehn Tage im Dschungel sind um. Wir sind auf dem Weg zurück nach Jordão. Es ist Mitte März. Seit zehn Tagen haben wir keine Nachrichten gelesen oder gehört. Wir haben keine Ahnung, dass Corona mittlerweile das Leben auf den Kopf stellt. 

Die Funai ist das staatliche Organ für die Angelegenheiten der indigenen Bevölkerung Brasiliens. Ein Mitarbeiter kommt uns zusammen mit einem Polizisten in einem Motorboot entgegen. Sie wollen sichergehen, dass keine Weißen mehr im Dschungel sind, dass keine Weißen die Indigenen mit dem Virus anstecken.

Kathy sagt: "Ich war grade unentspannt, weil ich dachte, was wollen die mit mir machen. Wobei man sagt: Es macht ja nicht mal was mit Kindern. Die Kraft haben sie ja eigentlich." Zu diesem Zeitpunkt ist auch Txana noch zuversichtlich: Die Natur kann aufatmen, auch die Natur in uns. vielleicht hilft das indigene Denken, einen neuen Blick auf unsere Gesellschaft zu finden: Keine großen Ziele, Kämpfe, kein ständiges Überbieten. Mehr Ecosystem als Egosystem. Ein Denken, das Zusammenhänge erkennt, wo wir keine wahrnehmen.

Aber dann findet Corona seinen Weg aus China über Europa auch in den Amazonas. Wir sind zurück zu Hause und kommunizieren über Sprachnachrichten. Je näher das Virus kommt, desto wütender wird er auch: "Das globalisierte System bringt uns dieses Virus. Das macht uns sehr wütend." Es ist aber nicht nur die Globalisierung. Evangelikale Missionare sind in die Territorien isoliert lebender indigener Völker gedrungen – ohne Erlaubnis der Funai. Aber die wurde kürzlich ohnehin von der Regierung Bolsonaro entmachtet und durch regierungsnahes Personal ersetzt. 

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