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StartseiteEuropa heuteKlimaschutz per App 26.08.2020

Lahti in FinnlandKlimaschutz per App

Finnland ist für technologischen Fortschritt und Klimabewusstsein bekannt. Beides wollen die Menschen in der finnischen Stadt Lahti verbinden. Sie überwachen ihren CO2-Fußabdruck, um klimaschädliche CO2-Emmissionen zu senken - per Smartphone-App.

Von Christoph Kersting

Finnland gilt in der EU als umwelt- und klimabewusstes Land. Dieser Ruf trifft auch auf die finnische Stadt Lahti zu.  ( AFP / Lehtikuva / Pekka Sakki)
Finnland gilt in der EU als umwelt- und klimabewusstes Land. Dieser Ruf trifft auch auf die finnische Stadt Lahti zu. ( AFP / Lehtikuva / Pekka Sakki)
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Niko Suuvisilta checkt noch schnell seine WhatsApp-Nachrichten, wie das Wetter morgen aussieht in Südfinnland - und: für wieviel ausgestoßenes CO2 er heute schon verantwortlich ist [*]. Ein gutes Kilo, ein ordentlicher Wert sei das, findet der 28-Jährige und wirft nochmal einen Blick auf sein Smartphone:

"Das ist unsere CitiCAP-App. Ich sehe hier auf einen Blick meinen individuellen CO2-Ausstoß [*]. Die App erkennt und speichert automatisch, wie ich mich fortbewege: ob ich gehe, mit dem Rad fahre, das Auto nehme oder einen Zug. Nehmen wir den heutigen Tag: Hier sieht man, dass ich gegangen bin, dann waren zwei Stunden ohne Bewegung, dann habe ich den Bus zur Arbeit genommen. Wenn ich das jetzt anklicke, sehe ich genau auf einer Karte, wo und wie lange ich unterwegs war - und dass ich mit der Busfahrt 1,1 Kilogramm CO2 ausgestoßen [*] habe ."

Die Smartphone-App ist noch in der Testphase

Niko Suuvisilta ist einer von 600 Testnutzern der CO2-App in Lahti, einer 120.000-Einwohner-Stadt, eineinhalb Autostunden nordöstlich von Helsinki. Sinn und Zweck des städtischen Projekts: Die User können sich digital verfolgen lassen und erfahren, wieviel schädliches CO2 sie täglich produzieren. Grundsätzlich soll jede Bewohnerin, jeder Bewohner nicht mehr als 25 Kilogramm CO2 pro Woche ausstoßen [*], je nach Lebensumständen. Niko Suuvisilta fährt fort:

"Und wenn ich unter diesem Limit bleibe am Ende der Woche, dann bekomme ich Punkte in einer Art virtuellen Währung gutgeschrieben. Alle vier Wochen kann ich das dann einlösen für Bustickets, eine Tasche oder eine Fahrradreparatur."

Schon 2010, als Erderwärmung und Klimawandel primär ein Thema unter Wissenschaftlern oder Umweltaktivisten war, beschloss die Stadt, ihren Pro-Kopf-CO2-Ausstoß bis 2025 zu halbieren. Dieses Ziel ist längst erreicht: Schon 2018 lag die CO2-Reduktion pro Einwohner bei 70 Prozent verglichen mit 1990. Jetzt will die Stadt bis 2025 klimaneutral sein, 25 Jahre früher als es der von der Europäischen Kommission entworfene "European Green Deal" vorsehe, sagt Saara Vauramo. Die Ökologin arbeitet in der Stadtverwaltung daran, dass das ehemals graue Lahti tatsächlich immer grüner wird.

An diesem Märzmorgen steht sie vor den Toren einer weitläufigen Kraftwerksanlage am Stadtrand von Lahti. Wegen Covid-19 dürfen wir das Gelände nicht betreten. Saara Vauramo:

"In den 1990er Jahren war Lahti eine von diesen typischen Städten in Finnland, die alle Kohle als Energiequelle nutzten. Über 80 Prozent unserer Energie haben wir damals durch Kohleverbrennung erzeugt. Seit 2012 haben wir den zweiten Block hier in Betrieb: eine Müllverbrennungsanlage - aber keine gewöhnliche. Wir zerkleinern und erhitzen den Müll, wodurch ein Gas entsteht, das dann verbrannt wird. Die Anlage hat dadurch eine doppelt so hohe Energie-Effizienz wie herkömmliche Müllverbrennungsanlagen."

Die Stadt Lahti will bis 2025 klimaneutral sein

Strom und Wärme produziert seit Herbst 2019 auch der dritte Block der Anlage: Dort werden Holzreste aus den Sägewerken und Möbelfabriken der Region verbrannt. Das vermeidet laut Saara Vauramo nicht nur Emissionen durch weite Transportwege, sondern fördert auch die lokale Wirtschaft – und ist CO2-neutral, da man einen nachwachsenden Rohstoff nutzt, der seinerseits CO2 bindet. Saara Vauramo:

"Dieses Umdenken im Energiebereich jedenfalls ist maßgeblich dafür, dass wir unsere Emissionen drastisch gesenkt haben. In den 1990er Jahren hatten wir einen Pro-Kopf-CO2-Ausstoß von elf Tonnen jährlich. Heute liegen wir da bei 2,5 Tonnen: das Ergebnis von radikalen Schritten, die unternommen wurden in Lahti."

Und das wird auch von der EU honoriert: Brüssel hat das kleine Lahti als "European Green Capital 2021" ausgezeichnet, als nachhaltiges Vorzeigemodell für andere europäische Städte und Regionen.

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[*] Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes wurden im Zusammenhang mit CO2-Emissionen falsche Begriffe verwendet - korrekt muss es "CO2-Ausstoß" bzw. "CO2 ausstoßen" heißen. Dies haben wir korrigiert.

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