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StartseiteBüchermarktDie Geschichte einer Adoption26.10.2018

Laksmi Pamuntjak: „Herbstkind“Die Geschichte einer Adoption

Die indonesische Künstlerin Siri steckt in einer Lebenskrise: Spät hat sie erfahren, dass sie adoptiert wurde, ihre freizügigen Skulpturen werden von Islamisten angefeindet. In Berlin sucht sie Orientierung. Ein hochsensibel erzählter Roman, der autobiografische Züge aufweist.

Von Katharina Borchardt

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Buchcover: Laksmi Pamuntjak: „Herbstkind“ (Buchcover: Ullstein Verlag, Foto: picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Die indonesische Autorin Laksmi Pamuntjak ist häufig in Deutschland zu Gast - das spiegelt sich in ihrem neuen Roman (Buchcover: Ullstein Verlag, Foto: picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
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Sie kommt aus Jakarta, doch sie ist viel unterwegs: die Künstlerin Srikandi Eilers, kurz Siri genannt. In London hat die 50-Jährige gelebt, in Madrid, jetzt ist sie in Berlin angekommen, und sie steckt in einer Lebenskrise. Ihr Ehemann ist seit zehn Jahren tot - Lungenkrebs -, ihre große Liebe fand sie erst danach, doch von ihr hat sie sich getrennt. In Berlin kommt Siri ein wenig zur Ruhe, und es drängt sich eine Frage auf:

"Liebes Mädchen. Wo genau willst du jetzt hin?"

Siri weiß gerade nicht mehr weiter. Auch wenn sie bildende Künstlerin ist und vier, fünf Jahre älter als Laksmi Pamuntjak selbst - die Autorin sieht Parallelen zwischen sich und ihrer Erzählerin.

"Ich habe vor einiger Zeit ein paar ziemlich einschneidende Veränderungen erlebt. Deshalb war es nötig für mich, Jakarta mal für einige Zeit zu entkommen. In Berlin zu sein war so etwas wie eine Therapie für mich. Das spiegelt sich auch in der Berlin-Erfahrung meiner Hauptfigur Siri wider, die dort Dinge findet, die ihr bis dahin fehlten: Sie will über ihre Vergangenheit nachdenken und darüber, wer sie ist als Künstlerin, als Frau, als Mutter und auch als Tochter. Sie stellt ihren Platz in der Welt fundamental in Frage. Und genauso ging es mir in Berlin."

Beobachtungen aus Berlin

In den vergangenen Jahren hat Laksmi Pamuntjak zweimal je drei Monate im bürgerlichen Charlottenburg verbracht. Sie ist viel spazieren gegangen und hat auch etliche Stadtbeschreibungen in den ersten Teil ihres Romans eingearbeitet. Lange weiß man nicht so recht, wohin all die Berlin-Impressionen führen sollen. Mit der Zeit aber schält sich ein Thema heraus, das auch in der Szene steckt, die Siri auf dem Walter-Benjamin-Platz beobachtet: Ein Vater kümmert sich rührend um seine kleine Tochter. Erzählerin Siri weiß nichts über Vater und Kind.

"Und was ich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls noch nicht weiß, ist, dass ich die nächsten vier Monate durch ganz Berlin laufen werde in der Hoffnung, ihn wiederzusehen. Ich weiß auch, warum. Es ist nämlich möglich, dass ich ihn dafür liebe, wie er mit seiner Tochter umgeht, so ruhig, so unbelastet, und ich wünschte, wir könnten zusammen sein und Kinder bekommen, von denen wir von Anfang an wüssten, dass sie unsere sind. Es besteht auch die Möglichkeit, dass ich mir wünsche, er wäre mein Vater und ich das kleine Mädchen, das schon seit jeher weiß, dass es so ist."

Denn Siri wurde adoptiert, wie die Autorin Laksmi Pamuntjak selbst auch.

"Die Geschichte, die ich immer schon erzählen wollte, ist die Geschichte einer Adoption."

Kommunistenhatz in den 60ern

Siris leiblicher Vater hieß Bhisma. Er wurde einige Monate vor Siris Geburt verhaftet und auf die indonesische Gefangeneninsel Buru verschleppt. Das war 1965; damals blies Präsident Suharto zur großen Kommunistenhatz. Als gefährlicher und - schlimmer noch: gottloser! - Kommunist wurde jeder identifiziert, der auch nur leicht linke Neigungen hegte. Eine brandgefährliche Zeit, in der über eine Million Indonesier umgebracht wurden. Bhisma kam nie zurück. Seine Geliebte, Siris Mutter Amba, heiratete später einen anderen Mann, der Siri adoptierte. Die Liebesgeschichte von Amba und Bhisma - eingebettet in einen wunderschönen hinduistischen Mythos einerseits und die blutige Geschichte Indonesiens im 20. Jahrhundert andererseits - hat Laksmi Pamuntjak bereits in ihrem vorherigen Roman "Alle Farben Rot" erzählt. "Herbstkind" schließt nun an mit der Geschichte der Tochter Siri. Da zuvor bereits so viel Einschneidendes geschah, ist der Einstieg in diesen zweiten Roman nicht ganz einfach. Die Vorab-Lektüre von "Alle Farben Rot" sei daher empfohlen. Die Eltern-Geschichte aber wäre ohne die Geschichte der Tochter unvollständig gewesen. Das wird klar, wenn man hört, wie sehr Siris Schicksal dem der Autorin ähnelt.

"Das ist für mich sehr wichtig, weil auch ich adoptiert wurde. Aber meine Eltern haben mir das nicht erzählt. Ich habe es erst erfahren, als ich 23 war und heiraten wollte. Und es waren nicht meine Eltern, die es mir gesagt haben, sondern mein zukünftiger Ehemann. Direkt vor unserer Hochzeit. Jeder wusste Bescheid, nur ich nicht. Die Familie, Freunde der Familie, die Kinder der Freunde der Familie, außerdem meine Onkel, Tanten und deren Kinder. Sie alle wussten es, mussten aber meine Herkunft verschleiern, weil die ein bisschen peinlich war."

Auch Siris Herkunft gilt lange als zweifelhaft, da ihr Vater ein politischer Gefangener war. Schwierige Eltern-Kind-Konstellationen ziehen sich in etlichen Variationen durch Laksmi Pamuntjaks Roman: Auch Siri selbst nimmt ein Kind an: Amalia, die später wiederum ein Kind bekommt, das zunächst vaterlos aufwächst. Und auch Siris beste Freundin aus Schulzeiten - die zweite Erzählerin in diesem Roman - kam mit Mutter und Geschwistern bei einem Onkel unter, nachdem ihr leiblicher Vater seine Neigung zur Polygamie entdeckt und zwei weitere Frauen geehelicht hatte. Adoption - das Thema ist der Glutkern dieses Romans. Das erkennt auch Siris Agentin.

"Ich meine nur, dass es nicht immer schlecht sein muss, so eine dunkle Energie. Das ist wie verwurzelter Schmerz. Ein ewiger Brunnen. Eine Geschichte, die nie zu Ende geht."

Islamisten gegen freizügige Skulpturen

Die Frage ist bloß, warum ein weitgehend privates, wenn auch sozial und moralisch grundiertes Problem politisch so stark aufgeladen werden muss. Schon in dem Roman "Alle Farben Rot", der die Geschichte der Kommunistenjagd erzählte. Und auch jetzt in "Herbstkind". Hier sind es vor allem die erstarkenden Islamisten in Jakarta, die eine Ausstellung von Siris sexuell freizügigen Skulpturen mit aller Macht verhindern wollen. Diese Dynamik entwickelt sich etwas überraschend in der zweiten Hälfte des Romans.

"Es ist schon krass, von hieraus einen Bogen zum großen Geschichtsnarrativ zu schlagen, dem Narrativ von 1965: also, dass die Kommunisten an allem schuld seien und man sie deshalb jagen müsse. Verbindend aber ist, dass es überhaupt solche offiziellen Narrative gibt. Dass einerseits Dinge verheimlicht und andererseits Lügen aufgetischt werden, um irgendwelche Fiktionen aufrecht zu erhalten."

"Herbstkind" ist eine überreiche Sammlung an Ideen, Thesen und Beobachtungen. Das kann man als sehr anregend erfahren, denn Laksmi Pamuntjak gibt neben ihren Berlin-Beschreibungen auch den aufgedrehten Talk der internationalen Kunstszene sehr authentisch wieder, sie kommentiert Literatur und Musik und erzählt auch von indonesischer Kunst und Politik. Darin zeigt sie sich als hochsensible Autorin. Oft aber hat man das Gefühl, dass sie sich noch zu stark von diversen Erlebnissen ablenken lässt und den Kern ihrer Geschichte deutlicher hätte herausarbeiten sollen.

"Ich hatte einen inneren Zeitplan. Ich kann mir ja nicht den Luxus erlauben, an diesem Roman zu sitzen und gar nichts zu schreiben. Außerdem hatte ich eine Deadline beim Verlag. Schwierig war es auch, den Roman auf Englisch zu schreiben, denn meine Lektorin sollte ja wissen, was ich schreibe. Und dann musste der Text auch recht schnell übersetzt werden. Es gab also nicht die Zeit, alles nochmal zu bearbeiten, alles nochmal zu überdenken oder auch strukturell mit dem Text herumzuspielen."

Das aber hätte dem Roman gutgetan. Er wirkt ein wenig wie eine Brücke, wie das Produkt eines Übergangs. Wir dürfen daher gespannt sein, was Laksmi Pamuntjak als Nächstes schreiben wird. Existentielle Themen hat sie genug.

Laksmi Pamuntjak: "Herbstkind"
Aus dem Englischen von Corinna Rodewald
Ullstein Verlag, München. 492 Seiten, 24 Euro.

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