Montag, 24.09.2018
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteEine WeltMuslimische Mediziner stehen unter besonderer Beobachtung08.09.2018

Landärzte in den USAMuslimische Mediziner stehen unter besonderer Beobachtung

Ausländische Ärzte spielen eine Schlüsselrolle bei der Gesundheitsversorgung in den USA, gerade in ländlichen Gebieten. Auch viele muslimische Mediziner sind darunter. Doch im Zuge einer restriktiven Einwanderungspolitik stehen sie zunehmend unter Beobachtung. Das zeigen auch zwei Beispiele aus Georgia.

Von Katja Ridderbusch

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der Arzt Mohammad Al-Shroof stammt aus Jordanien und lebt seit 27 Jahren in den USA (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)
Der Arzt Mohammad Al-Shroof stammt aus Jordanien und lebt seit 27 Jahren in den USA (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

US-Einwanderungspolitik Tausende protestieren gegen Trump

US-Einwanderungspolitik Trump will Familientrennungen wieder beenden

Mohammad Al-Shroof hat Bereitschaftsdienst im Krankenhaus von Warner Robins, einer Stadt mitten im US-Bundesstaat Georgia. Einer seiner langjährigen Patienten ist gerade eingeliefert worden, mit Schwindel und Atemnot. Der Arzt wirft einen kurzen Blick auf die Laborwerte, bevor er ins Untersuchungszimmer geht. 

Al-Shroof ist Jordanier mit palästinensischen Wurzeln. Er kam vor 27 Jahren in die USA, machte seine Facharztausbildung in New York, zog anschließend Richtung Süden, aufs Land. Eröffnete eine Hausarztpraxis in Warner Robins, einer Stadt mit 66.000 Einwohnern, mitten im Bundesstaat Georgia.

"Hier gibt es gute Schulen, wenig Kriminalität und kaum Verkehr. Die Menschen sind freundlich und achten das Gesetz, der Wirtschaft geht es gut. Als Arzt kann man hier erfolgreich sein und zu Wohlstand kommen."

Ausländische Ärzte spielen eine Schlüsselrolle bei der Gesundheitsversorgung

Mehr als ein Viertel aller Ärzte in den USA kommen aus dem Ausland. Vor allem in manchen Fachgebieten und in Regionen, die heimische Mediziner als wenig attraktiv empfinden, sind ausländische Ärzte stark vertreten: in der Allgemeinmedizin und der Geriatrie zum Beispiel. In ländlichen Regionen und in Gegenden mit hoher Armutsrate sind oft die Hälfte oder mehr der Ärzte Einwanderer. Das American Immigration Council kommt in einer Studie zu folgendem Ergebnis:

"Ärzte aus dem Ausland spielen eine Schlüsselrolle bei der Gesundheitsversorgung vieler Amerikaner. Vor allem unterversorgte Regionen sind auf den Zustrom ausländischer Mediziner angewiesen. In der Debatte um die Reform der Einwanderungspolitik sind Ärzte aus dem Ausland ein wichtiger Teil des politischen Puzzles."

Die meisten ausländischen Ärzte in den USA stammen aus Indien. Aber auch die arabische Welt ist gut vertreten. In Warner Robins zum Beispiel. Doch hier spielt weniger die Herkunft der Mediziner eine Rolle, als vielmehr ihre Religion.

Vor einigen Jahren wollte es der Zufall, dass im Krankenhaus von Warner Robins alle acht interventionellen Kardiologen - Herzspezialisten, die Stents setzen und Bypässe legen - Muslime waren, erzählt Al-Shroof. Wer also zu dieser Zeit einen Herzinfarkt hatte, dessen Leben wurde von einem Muslim gerettet, ob er es wollte oder nicht.

Im Zuge der restriktiven Einwanderungspolitik stehen Ärzte aus Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung derzeit unter besonderer Beobachtung.

Einreisestopp trifft auch viele Ärzte aus muslimischen Ländern

Almatmed Abdelsalam zum Beispiel. Der junge Internist aus Libyen arbeitet seit einem Jahr im Krankenhaus in Macon, 20 Autominuten von Warner Robins entfernt.

Dr. Almatmed Abdelsalam stammt aus Libyen und arbeitet im Krankenhaus in Macon (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)Dr. Almatmed Abdelsalam stammt aus Libyen und arbeitet im Krankenhaus in Macon (Deutschlandradio / Katja Ridderbusch)
Alles schien seinen normalen Gang zu gehen, sagt er, bis zum Amtsantritt der Trump-Administration im Januar 2017. Und einer Reihe von Dekreten zum Einreisestopp für Menschen aus vornehmlich muslimischen Ländern. Auf der Liste steht auch Libyen. 

Abdelsalam und seine Familie - seine Frau und zwei Kinder, die in den USA geboren sind - waren zunehmend verunsichert. Sie stecken noch immer in einer Warteschleife, mit ständigen Höhen und Tiefen. Wissen nicht, ob sie bald abgeschoben werden oder in den USA bleiben können. 

Dabei leben sie gerne hier, fühlen sich als Teil der Gesellschaft. Zahlen ihre Steuern. Und wenn es eben möglich ist, wollen sie bleiben.

Anders als viele Kleinstädte im amerikanischen Süden hat Warner Robins eine aktive muslimische Gemeinschaft. An diesem Vormittag haben sich knapp 200 Menschen im islamischen Gemeindezentrum versammelt, um das Opferfest zu feiern. Die meisten Frauen tragen bunte Hijabs und Gewänder, die mit Strass und Brokat besetzt sind. Einige Männer haben sich Kaftane übergeworfen. 

Hausarzt Mohammad Al-Shroof, in Anzug und Krawatte, war unter den ersten muslimischen Ärzten, die sich vor 20 Jahren hier niedergelassen haben. 

Er ist eine Autorität in der muslimischen Gemeinde. Organisiert Veranstaltungen, zu denen er auch immer wieder nicht-muslimische Gäste einlädt, Mitglieder der Stadtverwaltung zum Beispiel oder Angehörige der nahen Luftwaffenbasis.

Sichtbar sein - das ist Al-Shroofs Strategie: 

"Wenn wir wollen, dass die Leute uns in ihrer Mitte akzeptieren, müssen wir dafür sorgen, dass wir gesehen und gehört werden. Die Menschen können uns nicht sehen, wenn wir uns in unseren Häusern und Moscheen verschanzen. Wir müssen uns in Komitees und Gemeindesitzungen und in Verbänden engagieren." 

Ausländische Ärzte haben eine stärkere Position als viele andere Einwanderer

Das helfe auch, Vorurteile abzubauen, sagt er. Aber es schützt nicht komplett vor Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung. 

Buthena Nagi, ebenfalls aus Libyen, arbeitet im Krankenhaus von Macon. In der Pause zwischen zwei Patientenbesuchen spricht sie per Mobiltelefon über ihre Erfahrungen. Als Ärztin habe sie sich bislang nicht diskriminiert gefühlt, sagt Nagi, die das Kopftuch zum Arztkittel trägt. Als Privatperson dagegen schon. 

Zum Beispiel, als sie in einer Mietwohnung in McDonough lebte, einer Vorstadt von Atlanta. In einem traditionell demokratischen Wahlkreis. 

Eines Morgens hatte jemand eine ganze Tüte mit Müll über ihrem Auto ausgeschüttet. Außerdem ließen die Nachbarn ihre Hunde bevorzugt auf Nagis Rasen ihr Geschäft machen. Und als die Familie ein Schild aufstellte, schmierte jemand darauf die Worte: Wenn es euch hier nicht gefällt, dann zieht doch weg. Und das taten die Nagis dann auch. 

Doktor Al-Shroof ist sich bewusst, dass Ärzte eine stärkere Position haben als viele andere Einwanderer. Nicht nur, weil Mediziner häufig Wohlstand, gesellschaftliches Ansehen und Einfluss genießen. Sondern auch, weil viele Menschen, vor allem im ländlichen Amerika, schlichtweg auf die Hilfe der ausländischen Ärzte angewiesen sind.

Der libysche Internist Almatmed Abdelsalam teilt die pragmatische Sicht seines Kollegen. Deshalb versucht er, sich nur auf den nächsten Tag, den nächsten Patienten zu konzentrieren. Schließlich werden die Menschen weiterhin krank und brauchen weiterhin medizinische Versorgung. Und das sei eben der Job von Ärzten, setzt er hinzu. Egal woher sie kommen. 

Anmerkung der Redaktion: Die Recherchen für diesen Beitrag wurden unterstützt durch ein Holbrooke/IJP-Reisestipendium für Journalisten.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk