Mittwoch, 28. September 2022

Sexueller Missbrauch im Turnen
Langes Warten auf ein Urteil

Vor dem Landgericht Erfurt hat das Verfahren gegen einen Turntrainer aus Weimar begonnen. Ein erstes Urteil wegen sexuellen Missbrauchs seiner ehemaligen Turnerinnen hielt der Überprüfung durch den Bundesgerichtshof nicht stand. Jetzt beginnt alles wieder von vorn.

Von Andrea Schültke | 20.03.2022

    Eine Kunstturnerin turnt ihre Bodenübung (verwischt)
    Eine Kunstturnerin turnt ihre Bodenübung (verwischt) (imago / Sven Simon)
    Es beginnt wie damals, im Sommer 2018: Der Verteidiger des Angeklagten beantragt den Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Details aus dem Sexualleben seines Mandanten, die in den folgenden Stunden zur Sprache kämen, würden die schutzwürdigen Interessen des Angeklagten verletzen. Im ersten Verfahren musste die Öffentlichkeit draußen bleiben. Dieses Mal ist es anders.
    Staatsanwältin Dorothee Ohlendorf wird die Anklageschrift öffentlich verlesen: Sie führt 82 Taten auf. Trägt sachlich nüchtern vor, was der Angeklagte ihm anvertrauten Turnerinnen angetan haben soll: Von gemeinsamem Duschen über Berührungen im Intimbereich bis hin zu oralem und vaginalen Geschlechtsverkehr. Einmal sogar mit einer versteckten Kamera aufgezeichnet. Die Taten sollen bei Trainingslagern geschehen sein, bei Turnhallen-Übernachtungen oder in der Wohnung des Angeklagten.

    Sexueller Missbrauch von Kindern

    „Also im Wesentlichen ist der sexuelle Missbrauch von Schutzbefohlenen aufgrund des dargestellten Obhutsverhältnisses angeklagt und da es zum Teil eben auch Kinder betroffen hat, das heißt Personen, die noch unter 14 Jahre alt waren, ist auch der sexuelle Missbrauch von Kindern Gegenstand der Anklage."
    Das Verfahren scheint kein Ende zu nehmen. Vor mehr als sechs Jahren hatte eine ehemalige Turnerin Anzeige erstattet gegen ihren früheren Trainer. Weitere ihrer ehemaligen Teammitglieder haben sich angeschlossen.  
    Am 17. September 2018 verurteilt das Landgericht Erfurt den Turntrainer zu drei Jahren und acht Monaten Haft. Der Mann hatte ein Teilgeständnis abgelegt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Trainer in mehr als 80 Fällen seine Turnerinnen sexuell missbraucht hatte.

    Urteil war „ein Hohn“

    „Also das Urteil schon 2018 war ein Hohn und überhaupt nicht gerechtfertigt für das, was an Taten da zugrunde liegt“, erinnert sich Annette Görg von der Fachberatungsstelle Känguru in Weimar. Einige der Turnerinnen hatten sich bei ihr gemeldet, Unterstützung gesucht. Darunter auch die heute 26-Jährige, die wir zu ihrem Schutz Karolin nennen. Sie ist als einzige der insgesamt neun Nebenklägerinnen nach Erfurt gekommen. Auch, weil sie dem Gericht schildern will, wie es ihr seit dem ersten Prozess ergangen ist. Die Zeit danach sei am schlimmsten gewesen, beschreibt sie, zu erkennen, dass sie missbraucht worden sei. Irgendwann habe sie für sich einen Weg gefunden, damit umzugehen: „Ich sage, ich bin ein Opfer von sexuellem Missbrauch und ich schäme mich nicht dafür.“
    Seit einem Jahr mache sie eine Therapie. Der Angeklagte hört seiner ehemaligen Turnerin äußerlich unbewegt zu.

    Justiz sehr belastet

    Gegen das erste Urteil vor dreieinhalb Jahren war er in Revision gegangen. Der Bundesgerichtshof musste entscheiden. Das Verfahren zog sich in die Länge, schildert Nebenklageanwältin Nadine Maiwald:
    „Im Jahr 2016 Strafanzeige, im Jahr 2017 Anklageerhebung, im Jahr 2018 die erste Verhandlung dazu, das ist die durchschnittliche Dauer eines solchen Strafverfahrens, muss man mittlerweile feststellen, weil die Justiz sehr belastet ist. Jetzt kommt noch mal eine Verlängerung dazu, weil bedauerlicherweise das Urteil der Strafkammer aufgehoben worden ist. Und dadurch sind jetzt leider noch mal dreieinhalb Jahre ins Land gegangen.“
    Denn das Landgericht Erfurt hatte im ersten Urteil so gravierende Fehler gemacht, dass der Bundesgerichtshof es in Teilen aufhob. Daher jetzt der neue Prozess. Seit mittlerweile mehr als sechs Jahren warten die Betroffenen wie Karolin auf einen Abschluss. „Das ist ärgerlich und macht uns wütend“, sagt sie.
    Catherine Lyons steht auf dem Schwebebalken und holt Schwung für einen Sprung.
    Catherine Lyons steht auf dem Schwebebalken und holt Schwung für einen Sprung.
    Missbrauchsvorwürfe britischer Turnerinnen | Warum Turnen so anfällig für Missbrauch ist
    Die Aufdeckung systematischen Missbrauchs im britischen Verband hat für einen weiteren Skandal im Turnen gesorgt. Die niederländische Sportwissenschaftlerin Annelies Knoppers erklärt im Dlf, warum sie nicht an echte Änderungen glaubt und mit welchen Mitteln Missbrauch im Turnen zu verhindern wäre.
    Gleich zu Beginn der Verhandlung macht der Richter klar: Er glaubt den Zeuginnen und will ihnen ersparen, dass sie noch einmal zum Geschehenen aussagen müssen. Das bedeutet aber auch: Nicht alle der bisher angeklagten Taten werden einfließen in das neue Urteil, erläutert Staatsanwältin Dorothee Ohlendorf:
    „Es wird vermutlich milder ausfallen müssen, weil ja die Taten inzwischen noch länger zurück sind, die Verfahrensdauer auch länger ist, so dass das Strafmaß vermutlich milder ausfällt als bisher.“

    Für die Taten nicht ins Gefängnis?

    „Milder“ könnte bedeuten, dass der Trainer mit einer Bewährungsstrafe davonkommt, also für die Taten nicht einmal ins Gefängnis muss. Für Nebenklageanwältin Nadine Maiwald ein verheerendes Signal. Sie befürchtet das könnte Betroffene, die Ähnliches erlebt haben, abschrecken:
    „Sich einem solchen Verfahren zu stellen, in das Zentrum eines solchen Verfahrens zu gehen und zu entscheiden: Nein, das schaffe ich nicht, das will ich nicht“.
    Schon bei der Entscheidung des Bundesgerichtshofs vor zwei Jahren hatte eine der Betroffenen geschrieben: "Wir, die damals den Mut aufbrachten unsere Stimmen gegen den Täter zu erheben, baden die Fehler des deutschen Rechtsystems nun zusätzlich aus."
    Schon am Dienstag könnte das Urteil fallen. Kommt es tatsächlich zu einer Bewährungsstrafe, wird es für so manche das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttern. Karolines Worte im Gerichtssaal werden dennoch nachwirken: „Ich lasse mich nicht unterkriegen durch das, was passiert ist, ich bin stark.“