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StartseiteKultur heuteDiffus und beliebig22.05.2015

Laurent Chétouanes Tanzstück "Considering"Diffus und beliebig

Der Kleist-Essay, den Laurent Chétouane als Sujet seines Tanzabends verwendet ist eignetlich eine spannende Geschichte. Was choreographisch dabei herauskommt, ist allerdings diffus und beliebig. Keinerlei innere Notwendigkeit verbindet in diesem Stück Tanz, Text und Musik – man möchte dem Choreographen zu einer schöpferischen Pause raten.

Von Elisabet Nehring

So, wie Mikael Marklund als Tänzer in Laurent Chétouanes jüngstem Tanzstück auf der Bühne agiert, könnte er gut einen jener romantischen jungen Männer abgeben, die sich an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert nach dem Vorbild von Goethes Werther in Schaaren umgebracht haben: ein kraftloser Körper, auf Zehenspitzen trippelnd, die Knie dabei leicht gebeugt; jede seiner Gesten wirkt erschlafft, der Blick ist in eine imaginäre Ferne gerichtet, wobei der Mund etwas offen steht, vielleicht vor Erstaunen dem Leben gegenüber oder gar der Tatsache der eigenen Existenz.

Mikael Marklund war einmal Tänzer in Anne Teresa de Keersmaekes Company Rosas; er muss ein breites tänzerisches Spektrum haben, aber nicht bei Laurent Chétouane. Denn der französische Choreograph, der von Hause aus eigentlich Theaterregisseur ist, versucht beständig und nicht erst in dieser Produktion, seinen Tänzern jede Form von Spannung auszutreiben. Marklunds Partnerin, Raphaelle Delaunay, scheint sich dieser choreographischen Anweisung zu widersetzen – glücklicherweise, denn so kann man sich an diesem eineinhalbstündigen Abend immerhin auf ihre spontan durchbrechende Dynamik konzentrieren.

Chétouane verknüpft dieses unbestimmt-schwebende und in weiten Teilen farblose Duett mit Heinrich von Kleists Essay 'Über das Marionettentheater'– dem berühmten Text von 1810, der, wie uns das Programm offenbart, "seit Jahren das heimliche Movens" von Chétouanes Choreographien ist. Der ursprünglichen Form der Herausgabe in vier Teilen folgend, gliedert Chétouane seinen Tanzabend in verschiedene Abschnitte und fügt jeweils Musik von Charles Ives, Anton Webern, Felix Mendelssohn Bartholdy und Johann Sebastian Bach hinzu – von dem Pianisten Mathias Halvorsen live, hervorragend und mit wachem Blick auf die Tänzer am Klavier interpretiert.

Keine Frage, Kleists Text schreit geradezu nach einer Auseinandersetzung mit dem modernen und zeitgenössischen Tanz. Das Thema der natürlichen Grazie, die nur "in dem Gliedermann oder in dem Gott", sprich: ganz ohne oder mit unendlichem Bewusstsein erscheinen könne, bietet sich für eine tänzerische Auseinandersetzung genauso an wie die Beobachtung, dass Ziererei immer dann entstünde, wenn sich die Seele in einem anderen als dem "Schwerpunkt der Bewegung" befände.

Chétouane versucht in 'Considering' keine Illustration dieses Gedankenspiels, sondern – laut eigener Aussage – seine Tänzer dazu zu bringen, sich dem zu öffnen, das bei Kleist als "Weg der Seele des Tänzers" bezeichnet wird; er sucht in ihnen ein "aufmerksames Mitgehen mit der Schwerkraft", durch das die Köper nicht mehr schwer oder leicht sind, sondern beides zugleich.

Was choreographisch dabei herauskommt, ist allerdings diffus und beliebig. Die tänzerischen Begegnungen und gegenseitigen Bezugnahmen dieses Bühnenpaares, das abwechselnd mit ausgebreiteten Armen durch den Raum taumelt, sich auf dem Boden ausbreitet oder in Momenten schüchtern annähert, können sich auf Kleists Gedanken, aber ebenso auf etwas ganz anderes beziehen. Keinerlei innere Notwendigkeit verbindet in diesem Stück Tanz, Text und Musik – anders als in früheren Produktionen, mit denen Chétouane die beständige Aufmerksamkeit des Zuschauers zwar ebenso herausforderte, jedoch auch immer wieder mit kinetischer Verdichtung belohnte. 'Considering' dagegen ist von derartiger Bedeutungs- und Zusammenhangslosigkeit, dass man dem Choreographen – jenseits von Paternalismus – freundlich, aber dringend eine schöpferische Pause anraten möchte.

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