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StartseiteInterviewLeben ohne Lesen zu können ist ein "Spießrutenlauf"08.09.2012

Leben ohne Lesen zu können ist ein "Spießrutenlauf"

Bundesverband Alphabetisierung: Bildungssystem hat versagt

Zum Welt-Alphabetisierungstag fordern Elfriede Haller und Tim-Thilo Fellmer vom Bundesverband Alphabetisierung mehr individuelle Förderung im Unterricht. "Wir müssen uns mehr dem Einzelnen zuwenden und versuchen, jeden mitzunehmen."

Elfriede Haller und Tim-Thilo Fellmer im Gespräch mit Mario Dobovisek

Jedes Kind kann lesen lernen, wenn man ihm die Chance dazu gibt, meint Elfriede Haller.
Jedes Kind kann lesen lernen, wenn man ihm die Chance dazu gibt, meint Elfriede Haller.

Mario Dobovisek: Es ist die zentrale Fähigkeit für den Erfolg in Schule, Ausbildung, Beruf, ja schlichtweg im Alltag, das Lesen und Schreiben. Ein Bericht der EU-Kommission zeigt, dass gerade diese Kompetenz in Europa etwa 75 Millionen Menschen entweder ganz fehlen soll oder dass sie dass Lesen und Schreiben zumindest nicht ausreichend beherrschen, um eben ihren Alltag zu bewältigen. Auch ein Problem für die Wirtschaftskraft eines Landes, warnen die Wissenschaftler. Vor allem aber für die Betroffenen selbst, wie diese junge Frau hier:

"Es fing so an, dass die anderen halt viel schneller waren mit ihren Aufgaben, und ich halt richtig lange dafür gebraucht habe oder meistens gar nicht die Stunde dafür geschafft habe, um irgendwelche Aufgaben in der Schule zu schaffen."

"Nun denken natürlich ganz viele, na ja, also bei uns gibt es Schulpflicht. Entweder war er faul oder doof. Und weshalb soll man so jemanden fördern, der faul und doof ist, der hatte seine Chance gehabt. Das Verheerende dabei ist, dass viele unserer Leute das auch denken, dass sie dumm sind, und dass sie selbst dran schuld sind."

Dobovisek: Eine Lernerin, wie sie in den Alphabetisierungskursen genannt werden, gemeinsam mit ihrer Lehrerin. Und am Welttag der Alphabetisierung begrüße ich Tim Thilo Fellmer am Telefon.

Tim Thilo Fellmer: Ja, schönen guten Morgen!

Dobovisek: Lesen können, darauf läuft schließlich alles hinaus, schrieb einst Christian Morgenstern. Ist ein Leben ohne lesen zu können in unserer Gesellschaft überhaupt möglich?

Fellmer: Ja, es ist möglich, aber natürlich nur sehr, sehr eingeschränkt. Und ich kann Ihnen sagen, es ist auch sehr anstrengend, wenn man sich hier durch den Alltag ja irgendwie durchschlagen muss, und man kann nicht ausreichend lesen und schreiben. Es ist also wirklich ein Spießrutenlauf, und das hat mit ganz viel Anstrengung auch zu tun.

Dobovisek: Ist da auch ein Stück weit die Scham dabei?

Fellmer: Ja, absolut. Also die Scham spielt bei dem Thema eine ganz große Rolle, deswegen kennen wir ja auch so wenig Betroffene, wo wir jetzt wissen, dass es so viele gibt, das ist ja jetzt inzwischen eine empirisch belegte Zahl, dass es 7,5 Millionen Menschen gibt, die dieses Problem haben. Somit müssten wir ja alle eigentlich Menschen kennen - und wenn dann also vielleicht auch über zwei Ecken, aber wir müssten ja von dem Thema wissen –, und das ist nicht der Fall, weil die Leute einfach so eine Angst haben, sich mit ihren Problemen zu outen.

Dobovisek: Wie war das bei Ihnen, Herr Fellmer, warum haben Sie erst später lesen und schreiben gelernt?

Fellmer: Also wenn ich es Ihnen ganz kurz beantworten soll: Weil es mir in der Schule nicht beigebracht worden ist. Das ist natürlich nicht sehr befriedigend. Man muss sich das so vorstellen: Die Lehrer haben da zirka 30 Kinder vor sich sitzen mit ganz verschiedenem Hintergrund, sozialem, teilweise ja auch kulturellem, dann sind natürlich auch ganz unterschiedliche Lerntypen, diese Kinder, bringen ganz verschiedene Fähigkeiten mit. Und jetzt soll ein Lehrer diese ganzen 30 Kinder parallel alphabetisieren und hat gar nicht die Zeit, auf die Kinder so individuell einzugehen, wie er das eigentlich müsste, hat eventuell auch nicht die Methodenvielfalt in seiner Ausbildung mitbekommen, die er vielleicht auch an der Hand haben müsste. Und dann funktioniert das nicht, und dann fallen immer wieder Kinder auch durchs Raster.

Dobovisek: An diesem Punkt möchte ich gerne, Herr Tim Thilo Fellmer, Elfriede Haller mit in das Gespräch nehmen. Sie ist Leiterin von Alphabetisierungskursen an der Volkshochschule in Ludwigshafen und im Vorstand des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung. Guten Morgen, Frau Haller!

Elfriede Haller: Ja, guten Morgen!

Dobovisek: Herr Fellmer hat gesagt, die Kinder fallen durch das Raster. Wie kann das sein in unserem Bildungssystem, dass es solche eklatanten Mängel gibt, dass Kinder durch das Raster fallen und überhaupt nicht lesen und schreiben lernen?

Haller: Ja, Herr Fellmer hat es eben ja schon angesprochen. Es ist in der Tat so, dass in der Schule der Fehler schon passiert, wenn Klassen zu groß sind und ein Lehrer nicht auf jedes einzelne Kind eingehen kann. Also es gibt natürlich Kinder, die in die Schule kommen, die können schon lesen. Nebendran sitzt ein Kind, das hat zu Hause nicht mal ein Buch gesehen. Das ist schwierig für einen Lehrer. Und wenn diese Kinder in die zweite Klasse kommen, geht es los, dass man anfängt, sinnentnehmend zu lesen. Verlassen die Kinder die zweite Klasse, ohne das zu können, kann ein Lehrer in der dritten Klasse das nicht mehr auffangen, denn er muss sich …

Dobovisek: Aber die Lehrer müssten das doch …

Haller: … er muss sich ja intensiv um die Kinder kümmern, die die gymnasiale Reife erhalten sollen, denn das sind die Eltern, die dann auch vor der Klasse stehen und sagen: Kümmern Sie sich um mein Kind.

Dobovisek: Ja, Pardon, Frau Haller, aber die Lehrer müssen das doch merken, dass ihre Schüler nicht richtig lesen und schreiben können.

Haller: In der Tat merken die Lehrer das und bemühen sich natürlich auch. Eventuell empfehlen sie auch Eltern, das Kind vielleicht noch zu unterstützen, stärker zu unterstützen zu Hause. Aber es gibt eben auch Eltern, die das nicht können. Und der Lehrer hat den Druck immer von den Eltern, die mehr für ihre Kinder wollen, und der Lehrer muss sich irgendwann entscheiden. Es bleibt dann an ihm hängen, aber im Grunde ist es das System Schule, das auch dem Lehrer den Druck gibt.

Dobovisek: Sie nennen also die Schule als mitverantwortlich für Analphabetismus – es gibt ja verschiedenste Gründe für Analphabetismus. Welche sind das?

Haller: Es ist immer ein Zusammentreffen verschiedener Gründe. Wir haben es schon gehört. In der Schule wird es nicht gelernt, wenn die Unterstützung nicht da ist, und wenn Kinder in die Schule kommen, die möglicherweise auch ein medizinisches Problem mitbringen – es gibt Wahrnehmungsstörungen, es gibt Sprachstörungen, die sollte man unbedingt vor Eintritt in die Schule beheben –, also wenn Kinder in die Schule kommen, wo die Voraussetzungen nicht optimal sind, da gibt es ein Problem, und Eltern haben auch oft nicht die Zeit, wir haben heutzutage die Situation, dass Eltern zwei Berufe ausüben, um überhaupt über die Runden zu kommen. Also man muss es sich immer so vorstellen, dass es ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren ist.

Dobovisek: Ab wann wird das bloße Holpern beim Lesen zum tatsächlichen Problem, zu einer Lese- und Schreibschwäche?

Haller: Auf jeden Fall ab der dritten Klasse, weil - wie gesagt - in der dritten Klasse sollte man eigentlich sinnentnehmend lesen können, dann kommen die Textaufgaben in der Mathematik dazu, wenn man die auch nicht richtig lesen kann, dann ist es ein ewiges Scheitern, und das wirkt sich natürlich auf die Persönlichkeit eines Kindes aus. Das eine Kind wird aggressiv, stört dann in der Schule – aus Verzweiflung –, das andere Kind zieht sich zurück. Es ist dann ein Zusammentreffen auch von psychischen Faktoren, die das Ganze noch verschlimmern, weil das Kind nur negative Rückmeldungen bekommt.

Dobovisek: Was muss sich am deutschen Bildungssystem verbessern, um diesem Problem vorzubeugen, mal abgesehen davon, dass wir kein Geld haben, um Klassen von zehn Schülern zu finanzieren?

Haller: Wir müssen unbedingt es schaffen, dass individuell gelernt werden kann in der Klasse. Lehrer brauchen eine Ausbildung, die genau darauf abzielt, also schon die Ausbildung der Pädagogen muss anders laufen, aber auf jeden Fall müssen wir es schaffen, jedes Kind mitzunehmen, denn wenn ein Erwachsener in meinem Kurs mit 36 Jahren seinen Hauptschulabschluss noch schafft, dann hätte er das auch geschafft in der normalen Schulregelzeit, wenn man ihm die Chance dazu gegeben hätte. Also wir müssen uns mehr dem Einzelnen zuwenden und versuchen, jeden mitzunehmen.

Dobovisek: Was raten Sie Eltern, die merken, dass ihre Kinder nicht richtig lesen und schreiben können?

Haller: Sich unbedingt Hilfe holen. Es ist in der Tat so, dass wir natürlich diese Nachhilfeinstitute haben, die auch davon sehr gut leben können, dass die Schule nicht so funktioniert, wie wir das bräuchten. Es gibt natürlich Eltern, die nicht das Geld haben – und auch das ist ein Faktor, Geld ist auch ein Faktor, weshalb Kinder scheitern –, unbedingt Hilfe holen. In vielen Schulen wird jetzt doch versucht, anders drauf einzugehen. Wir haben die Nachmittagsbetreuung, also Eltern sollten sich nicht scheuen, für ihre Kinder alles zu versuchen, die Möglichkeiten werden mehr und mehr: unbedingt Hilfe holen und sich nicht schämen, denn gerade Eltern, die die Erfahrung selbst auch gemacht haben, wissen, was es bedeutet, wenn man nicht mitkommt.

Dobovisek: Heute ist Welt-Alphabetisierungstag. Im Interview dazu Elfriede Haller und Tim Thilo Fellmer.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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