Lebensmittel in Deutschland
Was hinter den hohen Preisen steckt

Kakao, Tiefkühlobst, Rinderhack: In den vergangenen fünf Jahren sind Lebensmittel in Deutschland rund ein Drittel teurer geworden. Mehr als der Hälfte der Deutschen macht das zu schaffen. Woran liegt das und was kann man dagegen tun?

    Ein Kassenbon mit einer Einkaufssumme von über 190 Euro liegt sichtbar auf frischen Lebensmitteln in einer Einkaufstasche, darunter Salat, Paprika und Tiefkühlpizza.
    Die SPD fordert Handelsketten auf, einen “Deutschlandkorb” anzubieten. Gemeint ist eine Auswahl an Grundnahrungsmitteln, die günstig und in Deutschland produziert sein sollen. (picture alliance / CHROMORANGE / Michael Bihlmayer)
    Immer mehr Menschen in Deutschland müssen sich beim Einkaufen einschränken, denn in den vergangenen fünf Jahren sind Lebensmittel um mehr als ein Drittel teurer geworden. Fast 60 Prozent der Deutschen machen sich deshalb Sorgen. Die Ursachen für die Preissteigerungen sind sehr unterschiedlich, Lösungsvorschläge umstritten. 

    Inhalt

    Wie sich die Lebensmittelpreise zuletzt entwickelt haben 

    Laut Statistischem Bundesamt sind Lebensmittel seit 2020 rund 37 Prozent teurer geworden. Das betrifft einige Produkte mehr, andere weniger. Deutlich teurer geworden sind zuletzt Steinobstkonserven (+48,1 Prozent), Tafelschokolade (+25,9 Prozent), Tiefkühl-Obst (+25,6 Prozent), Bohnenkaffee (+22,5 Prozent) und Rinderhack (+22,4 Prozent). Erhebungszeitraum war November 2024 bis 2025.  
    Im gleichen Zeitraum wurden einige Produkte aber auch deutlich günstiger. Dazu zählen Butter (-22 Prozent), Weintrauben (-21,6 Prozent), Olivenöl (-17,4 Prozent) Kartoffeln (-16,1 Prozent) und Eisbergsalat (-15,4 Prozent). Gründe dafür waren höhere Milcherträge, ein höherer Fettgehalt in der Rohmilch, bessere Ernten und sinkende Nachfrage. 

    Welche Ursachen hohe Lebensmittelpreise haben 

    Bei Sauerkirschen und anderem Steinobst waren die Ernten in den vergangenen beiden Jahren "sehr schlecht", sagt Christoph Freitag vom Bundesverband der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie. Gründe waren Pflanzenkrankheiten, Dürre und Frost. Die schlechten Ernten führten auch zu den Preissteigerungen bei tiefgefrorenem Obst. Hier sind auch Himbeeren, Wildheidelbeeren und Erdbeeren betroffen, sagt Nina Kollas vom Deutschen Tiefkühlinstitut. 
    Bei Schokolade sind die gestiegenen Rohstoffkosten die Hauptursache, erklärt Finn Semrau vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. In den wichtigen Produktionsländern Elfenbeinküste und Ghana fiel die letztjährige Ernte deutlich niedriger aus als in den Vorjahren. Schokoladenhersteller kaufen Kakao langfristig ein. Hohe Preise resultieren also aus hohen Kosten in der Vergangenheit.  
    Auch beim Kaffee führten wetterbedingte Ernteausfälle 2024 zu Preissprüngen an den Börsen. Der Handel hat sie weitergegeben.  
    Rinderhack verteuerte sich laut Statistischem Bundesamt in den vergangenen fünf Jahren um knapp 83 Prozent. Laut dem Verband der Fleischwirtschaft geben immer mehr Betriebe die Haltung auf. Dadurch sinken Bestände und Schlachtzahlen. Außerdem sind die Kosten für Energie, Löhne und Transport gestiegen. 

    Welche Vorschläge es gegen hohe Lebensmittelpreise gibt 

    "Deutschlandkorb"

    Ein Vorschlag der Grünen und aktuell auch der SPD ist, dass Handelsketten einen "Deutschlandkorb" anbieten. Damit gemeint ist eine Auswahl an Grundnahrungsmitteln, die günstig und in Deutschland produziert sein sollen. Der Geschäftsführer des Handelsforschungsinstituts IFH Köln Kai Hudetz hält wenig von der Idee. Discounter und Supermärkte hätten mit ihren Eigenmarken schon günstige Angebote.
    Auch Philipp Hennerkes, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes BVLH lehnt den Vorschlag ab. Er meint, die Lebensmittelketten könnten niedrigere Preise anbieten, wenn Bürokratie und Auflagen abgebaut würden. 

    Pflicht-App für Preisvergleich 

    Die Grünen-Bundestagsfraktion hat kürzlich eine verpflichtende Preisvergleichs-App für Lebensmittel vorgeschlagen. So sollen Kunden Lebensmittelpreise live per App vergleichen können. 
    Das führe zu viel Aufwand und hohen Kosten, kritisiert Handelsexperte Markus Szajna. Große Supermärkte führten mehr als zehntausend Artikel, deren Preise sich regelmäßig änderten. Außerdem zähle der deutsche Lebensmitteleinzelhandel bereits zu den transparentesten Märkten: "Die Angabe eines Grundpreises pro Kilogramm ist gesetzlich vorgeschrieben. Prospekte und Angebots-Apps sind allgegenwärtig, Preisvergleiche längst etabliert", so Szajna.  

    Staatliche Preisbeobachtungsstelle 

    Der Verbraucherzentrale Bundesverband hält die Preisbildung im Lebensmittelgeschäft nicht für transparent. Verbandschefin Ramona Pop fordert eine Beobachtungsstelle, die Kosten und Preise entlang der gesamten Wertschöpfungskette erfasst. "Die hohen Preise lassen sich nicht allein durch gestiegene Produktionskosten erklären", sagt Pop. Ihr Verband hat bereits eine Machbarkeitsstudie vorgelegt. 
    In anderen EU-Ländern gibt es solche staatlichen Preisbeobachtungsstellen, beispielsweise in Italien, Frankreich und Portugal. Nach ihrem Vorbild fordert auch die SPD eine solche Institution für Deutschland. Ebenso die Heinrich-Böll-Stiftung, der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und der Dachverband Kritische Aktionärinnen und Aktionäre. Als gemeinsame Herausgeber des „Konzernatlas 2026“ beobachten sie im Agrar- und Ernährungssektor eine immer stärker werdende Marktkonzentration.  
    In Deutschland beherrschten die vier großen Supermarktketten Aldi, Edeka, Rewe und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland rund 88 Prozent des Lebensmittelhandels. 1995 lag ihr Marktanteil noch bei 55 Prozent. Diese Marktkonzentration führe zu einer Preissetzungsmacht über die ganze Wertschöpfungskette, kritisierte die Heinrich-Böll-Stiftung. Pikant: Konzerne streichen auch während Lebensmittelkrisen Gewinne ein, zum Beispiel während der weltweiten Weizenkrise nach Beginn des Ukraine-Kriegs: Laut „Konzernatlas“ haben in dieser Zeit die fünf größten Agrarhandelskonzerne ihre Gewinne im Vergleich zum Vorjahr im Schnitt verdreifacht.

    Senkung der Mehrwertsteuer 

    In Deutschland gilt auf Grundnahrungsmittel der ermäßigte Steuersatz von sieben Prozent. Hierzu gehören Zucker, Mehl, Kartoffeln, Gewürze, Gemüse und Obst, Tee und Kaffeebohnen oder -pulver, Nüsse, Milch und Milchprodukte wie Käse, Quark, Butter sowie Fleisch, Fisch, rohe Eier und Honig. Alle anderen Lebensmittel werden mit 19 Prozent besteuert.
    Die österreichische Bundesregierung hat kürzlich beschlossen, die Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel ab Juli zu halbieren. Sie liegt dann bei fünf Prozent.  
    Die Verbraucherorganisation Foodwatch schlägt für Deutschland direkt eine Streichung der Mehrwertsteuer auf Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte vor. Die Linke bekräftigt diese Forderung. 
     

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