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StartseiteCampus & Karriere"Meterdickes Eis gibt es eigentlich gar nicht mehr"04.11.2019

Lehrer auf der Polarstern-Expedition"Meterdickes Eis gibt es eigentlich gar nicht mehr"

Nach seiner Expedition möchte der Physiklehrer Falk Ebert seinen Schülern die Fakten zur Klimaveränderung in der Arktis vermitteln. Dazu gehöre, die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Klimaphysik zu verdeutlichen, sagte er im Dlf. Wichtig sei auch, die Lehrpläne entsprechend anzupassen.

Falk Ebert im Gespräch mit Manfred Götzke

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Aufnahme von arktischem Meereis - hier aus dem Spätsommer 2015. (Foto: Stefan Hendricks/Alfred-Wegener-Institut/dpa)
"Meterdickes Eis, hart wie Beton, gibt es eigentlich gar nicht mehr", berichtet Falk Ebert von seiner Polarstern-Expedition (Foto: Stefan Hendricks/Alfred-Wegener-Institut/dpa)
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Manfred Götzke: Dass es den menschengemachten Klimawandel gibt, ist abgesehen von AfD-Kreisen ja inzwischen mehr oder weniger Konsens in der Gesellschaft. Nur welche Mechanismen physikalisch dahinter stecken – wie zum Beispiel das Schmelzen der Polkappen das Weltklima weiter anheizen kann -, das ist dann auch unter klimabewegten Schülern eher weniger bekannt. Der Berliner Mathematik und Physiklehrer Falk Ebert will daran etwas ändern und er hat jetzt die besten Voraussetzungen dazu. Denn er war jetzt sechs Wochen auf einem Forschungsschiff der Polarstern-Expedition in der Arktis unterwegs. Letzte Woche ist er aus dem hohen Norden zurückgekommen und ich hab ihn gefragt: Wie stark wird die Reise noch nach?

Falk Ebert: Ich glaube, das kann ich bisher noch gar nicht richtig einschätzen. Ich bin jetzt seit einer knappen Woche wieder in meinem Alltag unterwegs. Ich war auch schon wieder arbeiten, aber nachdem man sechs Wochen auf einem Schiff war, in so einem kleinen Mikrokosmos und davon die Hälfte der Zeit auch wirklich von endlosem Eis umgeben, muss ich erst mal richtig ankommen. Ich weiß noch nicht, wie schnell das passieren wird.

"Meterdickes Eis gibt es eigentlich gar nicht mehr"

Götzke: Nun geht es bei diesen Expeditionen natürlich auch um die Auswirkungen des Klimawandels in der Arktis. Wie war das für Sie, das zu erleben, also diese Auswirkungen, dass sich eben doch sehr viel verändert hat in den vergangenen Jahren dort oben?

Ebert: Das Spannende war, wir waren mit relativ vielen Wissenschaftlern unterwegs, die das Ganze auch seit Jahren gemacht haben, die Mission selbst auch seit vielen Jahren geplant haben. Es sah am Anfang sogar relativ düster aus, weil es ging darum, eine Scholle für die Polarstern zu finden, wo sie sich einfrieren lassen konnte, und diese Scholle muss natürlich recht dick sein, damit sie nicht sofort zu Bruch geht, wenn dann ein riesengroßer Klotz Metall direkt daneben festgemacht wird. Das Eis war auch nördlich des 85. Breitengrades erstaunlich dünn. Das heißt, ich habe mit Leuten gesprochen, die haben erzählt, die waren um diese Zeit in den vergangenen Jahren schon richtig dick am Packeis dran, aber so das, was man aus Büchern kennt, Packeis, meterdickes Eis, hart wie Beton, gibt es eigentlich gar nicht mehr richtig. Das meiste Eis war wirklich von dem letzten Frühjahr oder letztem Sommer noch übrig und hat jetzt gerade erst mal angefangen, sich wieder ein bisschen zu verstärken. Das war schon irgendwo erschreckend.

"Gesamte Komplexität des arktischen Klimas noch viel zu wenig verstanden"

Götzke: Nun sind Ihnen ja als Mathematik- und Physiklehrer die Mechanismen auch des Klimawandels nicht neu und auch nicht unbekannt. Was haben Sie trotzdem vielleicht auch selbst gelernt?

Ebert: Ich habe zuerst mal gelernt, dass Meereis und gängiges Eis, was man vielleicht aus dem Gefrierschrank kennt, komplett unterschiedlich sind. Man mag es sich vielleicht gar nicht so denken, denn das Meer ist natürlich relativ salzig. Wenn es kalt wird, dann gefriert auch dieses Salzwasser, mit dem Unterschied, dass das Salz nicht mit in das Eis eingebaut wird, das heißt, es wird nach unten aus den Eiskristallen mit ausgestoßen. Dadurch bilden sich sehr, sehr salzige Schichten, und Meerwasser unter dem Eis, das sorgt wieder dafür, dass der Gefrierungsprozess erst mal wieder stoppt. Es gibt erstaunlich viele kleine Mechanismen, die an dem Eis mitarbeiten, die dafür sorgen, dass es gebildet wird, die wiederum verhindern, dass es weitergebildet wird. Es greift sehr viel ineinander und viele von diesen Dingen sind auch in der modernen Wissenschaft noch gar nicht komplett verstanden. Das war auch einer der Gründe, warum diese Expedition überhaupt ins Leben gerufen wurde, weil die gesamte Komplexität des arktischen Klimas hier mit all ihren Zusammenhängen viel zu wenig verstanden ist, aber die ist zentral für die meisten Klimamodelle.

"Ich habe die Aufgabe, als Botschafter zu dienen"

Götzke: Wie werden Sie das Ganze Ihren Schülerinnen und Schülern vermitteln? Was werden Sie ihnen vermitteln?

Ebert: Ich habe jetzt nach der Expedition natürlich die Aufgabe als Botschafter zu dienen, und ich würde, was ich selbst gelernt habe, an die Schulen bringen. Ich muss natürlich schauen, dass die Dinge, die ich erfahren habe oder die irgendwo passend sind, auch in die deutschen Lehrpläne mit hineinkommen. Mein Wunschziel wäre natürlich, dass ein bisschen mehr Klimaphysik überhaupt in die Schulen wieder mitkäme. Gerade in Berlin finde ich das ein bisschen bedenklich, dass solche Dinge wie Thermodynamik fast komplett aus dem Lehrplan verschwunden sind, aber die sind natürlich zentral, wenn man verstehen will, wie das Klima funktioniert oder auch wie die Veränderungen des Klimas funktionieren. Ansonsten, ich werde versuchen, Vorträge zu halten, es wird verschiedene Planetariumsshows geben. Ich glaube, meine Hauptaufgabe wird allerdings sein, dass ich mit Leuten spreche und dass ich versuche, authentisch zu berichten, was ich da miterlebt habe. Dieser Lebensraum Arktis, ich habe es gerade eben ein bisschen angedeutet, der verändert sich gerade so schnell, dass viele der Schüler, mit denen ich sprechen werde, sie gar nicht mehr so erleben werden, wie sie jetzt noch in den Lehrbüchern steht.

"Da sind wirtschaftliche Erwägungen drin"

Götzke: Aber laufen Sie da bei der Generation "Fridays for Future" nicht ohnehin offene Türen ein, also auch mit Ihren Anliegen, was Klimaphysik betrifft, oder interessieren die sich eher für Klimapolitik?

Ebert: Ich glaube, die Klimaphysik und die Klimapolitik, die sollten eigentlich untrennbar miteinander verbunden sein. Eine sinnvolle Politik kann eigentlich nur auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen funktionieren. Aber an der Stelle gehen die Interessen typischerweise relativ weit auseinander. Es gibt für die Politik durchaus Wünsche, dass die Arktis im Sommer eisfrei bleibt. Deren Nordweg um Europa ist für Schiffe sehr viel kürzer als wenn man den gesamten Weg durch das Mittelmeer und dann um Indien herum bis nach China fährt. Da sind wirtschaftliche Erwägungen drin, und es ist an sich auch nicht aufzuhalten, dass die Arktis, so speziell zum Beispiel Sibirien oder Kanada, in Zukunft deutlich mehr wirtschaftlich erschlossen werden wird, einfach weil das Eis zurückgehen wird. Es werden sich noch sehr viele Dinge dort in diesem Raum verändern, und es geht jetzt darum, herauszufinden, in welcher Art und Weise sich das verändert, was überhaupt machbar ist.

Es gab eine Frage, die wir mal diskutiert hatten, inwiefern denn die Erdgasvorkommen, die im arktischen Schelf mit Sicherheit zu finden sind, erschlossen werden sollten, welche Auswirkungen das für das Ökosystem hat. Die einhellige Meinung ist, dass diese Auswirkungen natürlich katastrophal sind und das auf gar keinen im größeren Stile ausgebeutet werden sollte. Allerdings, die ganzen Anrainerstaaten mit teilweise sehr armen Populationen oder armen Bevölkerungsschichten, die sind auch abhängig davon, dass da neue Industriegebiete erschlossen werden. Also es ist alles nicht sonderlich einfach, es hängt aller sehr eng miteinander zusammen, aber ich sehe es als meine Aufgabe, an der Stelle die wirklichen wissenschaftlichen Hintergründe weiter mit zu vermitteln. Natürlich ist die "Fridays for Future"-Generation da auch den wissenschaftlichen Sachen sehr aufgeschlossen, aber es sind in großen Teilen immer noch Kinder, die auch viele Dinge, die sie zu Hause hören, einfach wiedergeben. Da ist die ältere Generation trotzdem genauso präsent wie die jüngere.

"Über Fakten diskutieren, nicht über Meinungen"

Götzke: Da meinen Sie jetzt Klimaleugnung oder Klimawandelleugnung oder was deuten Sie damit an?

Ebert: Ich habe das in Diskussionen mit eigenen Schülern festgestellt: Ich höre da die Eltern sprechen, die das, was in verschiedenen medialen Berichten gesagt wird oder auch angezweifelt wird, eins zu eins wiedergeben. Da sehe ich meine Aufgabe, dass ich da an der Stelle versuche, wenigstens die Fakten, die ich selbst miterlebt habe, auch mit in den Ring zu werfen, damit über Fakten diskutiert wird und nicht über irgendwie wiedergegebene Meinungen.

Götzke: Gerade die "Fridays for Future"-Bewegung wirft ja immer wieder den Politikerinnen und Politikern vor, eben nicht wissenschaftlich zu argumentieren oder auch die wissenschaftlichen Fakten zu leugnen, aber Sie sagen, die wirklichen Fakten und die Grundlagen dafür, da fehlt es den Jugendlichen, den Kindern auch noch.

Ebert: Es sind Daten, die kommen einfach nicht wirklich gut in die Schule hinein. Also gerade diese sehr starken und auch sehr tiefen Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und verschiedensten Zweigen der Klimaphysik, die sind so komplex, dass es sehr schwierig ist, die in die Schule hineinzutragen. Wir werden sehen, was wir in den nächsten Monaten beziehungsweise auch Jahren – das ist ein sehr langfristiger Prozess – da an er Stelle erreichen können.

Götzke: Aber Sie wollen konkret darauf hinwirken, dass Lehrpläne in Berlin oder auch in anderen Bundesländern dahingehend verändert werden?

Ebert: Das wäre natürlich mein Idealziel, ja. Wir sind auch schon in Kommunikation mit zum Beispiel der Universität Potsdam, dass da an der Stelle was erreicht werden könnte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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