Samstag, 20. April 2024

Schulbildung in Deutschland
Was tun gegen den Lehrermangel?

In Deutschland fehlen Tausende Lehrkräfte. Und die Lage verschärft sich weiter, Prognosen zeichnen ein düsteres Bild. Warum tut sich die Politik so schwer damit, das Problem grundlegend anzugehen?

29.08.2023
    Illustration: Schüler warten in einem Klassenzimmer auf einen abwesenden Lehrer. Sie blicken auf den Lehrertisch, doch dort sitzt niemand.
    Kinder brauchen Bildung - doch wer soll unterrichten? In den Klassenzimmern herrscht Lehrermangel. (imago images / Ikon Images / Jens Magnusson)
    Kinder haben ein Recht auf Bildung - doch für die Schulen wird es immer schwieriger, dem nachzukommen. Überall herrscht inzwischen Lehrermangel, viele Stunden fallen einfach aus, die Unterrichtsqualität leidet. Wie groß das Problem ist und was dagegen getan werden könnte - ein Überblick.

    Inhalt

    Wie viele Lehrkräfte fehlen in Deutschland?

    Wie viele Lehrkräfte tatsächlich in Deutschland fehlen, weiß niemand genau. Sicher ist nur: Es sind viele. Die Kultusministerkonferenz prognostiziert, dass es bis 2025 rund 25.000 Lehrkräfte mehr geben müsste. Bis 2030 soll die Lücke rund 31.000 Lehrkräfte betragen. Andere Prognosen sind deutlich pessimistischer: Der renommierte Bildungsforscher Klaus Klemm geht von 40.000 fehlenden Lehrerinnen und Lehrern bis zum Jahr 2025 beziehungsweise 85.000 bis zum Jahr 2035 aus.
    Das Institut der Deutschen Wirtschaft hält die Berechnungen von Klaus Klemm für deutlich belastbarer als die KMK-Prognose. Ähnlich sieht das auch Maike Finnern, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Seit 20 Jahren werde nicht genug Geld in die Schulen investiert, nun sei das Bildungssystem unterfinanziert, kritisiert sie. Und auch der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, geht mit der Politik hart ins Gericht und wirft den für die Bildungspolitik zuständigen Bundesländern jahrzehntelanges Versagen bei der Personalplanung vor.
    Der Lehrermangel ist so groß, dass vielerorts inzwischen Quereinsteiger an den Schulen unterrichten. Und aktuelle Entwicklungen können den Bedarf an Lehrkräften kurzfristig noch weiter erhöhen. So wurden nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine mehr als 200.000 Schülerinnen und Schüler zusätzlich an Schulen in Deutschland aufgenommen – legt man eine Klassenstärke von 30 Kindern oder Jugendlichen zugrunde, werden allein deswegen mehr als 6.600 neue Lehrerinnen und Lehrer gebraucht.

    In welchen Fächern und Schulen fehlen die meisten Lehrer?

    Nicht in allen Unterrichtsfächern fehlen Lehrerinnen und Lehrer. Ein besonderer Bedarf an ausgebildeten Lehrkräften bestehe vor allem in Mathematik, Chemie, Physik, Musik und Kunst, hat die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz festgestellt.
    Differenzierte Daten für die Lücke bei den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) liegen laut der Kommission für Nordrhein-Westfalen vor. Diese Daten machten die „prekäre Lage“ besonders deutlich, schreibt die Kommission. Demnach wird in NRW bis 2030/31 der Lehrkräftebedarf in Biologie nur zu knapp 40 Prozent, in Mathematik zu 37 Prozent, in Chemie zu 26 Prozent, in Physik zu 18 Prozent und in Informatik noch nicht einmal zu fünf Prozent gedeckt.
    Ungefähr die Hälfte des nicht gedeckten Lehrkräftebedarfs bis 2025 entsteht der Kommission zufolge im sogenannten Sekundarbereich I – das sind beispielsweise Haupt- und Realschule sowie die Klassen 5 bis 9 bzw. 10 an Gesamtschulen und Gymnasien. Kritisch sei die Situation aber auch an den Grundschulen und im Sekundarbereich II in den beruflichen Fächern beziehungsweise an den Berufsschulen. Für einige Fächer an den Gymnasien gibt es hingegen noch immer mehr Lehrerinnen und Lehrer als Stellen.

    Was wird bereits gegen den Lehrermangel getan?

    Bildung ist in Deutschland Ländersache - dementsprechend gibt es keine konzertierte Aktion, um den Lehrermangel insgesamt zu bekämpfen. Jedes Land geht mit dem Problem auf seine Weise um. So lockt Mecklenburg-Vorpommern Lehrkräfte jetzt mit einer Prämie: Vier Jahre lang soll es für das Unterrichten im ländlichen Raum monatlich 424 Euro zusätzlich geben. Das Angebot gilt für Lehrkräfte mit den Fächern Mathematik, Informatik, Biologie, Chemie und Physik. Auch Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt setzen auf ähnliche Programme.
    Brandenburg vergibt Landlehrer-Stipendien und will für weniger Zugangshürden sorgen: Eine Verbeamtung soll bereits mit einem Bachelorabschluss und mit nur einem Unterrichtsfach möglich werden. Die entsprechenden Kräfte heißen dann nicht mehr Lehrer, sondern Bildungsamtmann und -frau. In Bayern können neue Lehrkräfte in weniger attraktiven Regionen eine Regionalprämie von einmalig 3.000 Euro bekommen.
    Mehrere Länder – etwa Sachsen und Nordrhein-Westfalen – haben zudem angekündigt, künftig restriktiver bei der Gewährung von Teilzeitanträgen zu sein. Sachsen-Anhalt erprobt derweil ein Modell, das bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat: die Viertagewoche an Schulen. Der fünfte Tag wird mit selbstorganisierter Projektarbeit und Arbeitsaufträgen gefüllt. Und Baden-Württemberg hat zuletzt mit einer fragwürdigen Werbekampagne um Lehrkräfte gebuhlt: "Gar keinen Bock auf Arbeit morgen?" hieß es auf einem Plakat. Die Lösung für das Problem stand auch dabei: "Mach, was Dir Spaß macht und werde Lehrer*in." Nach vielen Protesten wurde der Slogan geändert.

    Woran scheitern grundlegende Reformen im Bildungsbereich?

    Dafür gibt es einige Gründe, der wichtigste aber ist: Bildung ist Ländersache. Jedes Bundesland geht hier seinen eigenen Weg. Die Folge: viele unterschiedliche Strategien, um ein und dasselbe Problem zu lösen. Ein von der Union geführtes Bundesland hat naturgemäß andere bildungspolitische Vorstellungen als beispielsweise eine rot-grüne Landesregierung.
    Ernsthafte Versuche, das zu ändern und eine bundesweite Schulpolitik zu etablieren, hat es bislang nicht gegeben. Neben der Polizei ist die Schulpolitik eines der letzten verbliebenen Politikfelder, bei denen sich die Länder vom Bund nicht hineinreden lassen müssen. Selbst innerhalb der einzelnen Bundesländer gibt es bei Reformen zumeist jede Menge Diskussionen – wie soll sich da eine Landesregierung mit 15 anderen einigen?
    Der Bund tritt in diesem System höchstens als Geldgeber auf. So legte er beispielsweise 2019 ein milliardenschweres Förderprogramm zum technischen Ausbau der Schulen auf, das bis 2024 läuft. Auch für den Ausbau der Ganztagsbetreuung an Grundschulen gibt der Bund viel Geld. Und mit dem von der Ampel-Regierung auf den Weg gebrachten Startchancen-Programm sollen bundesweit 4000 Schulen „mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler“ besonders gefördert werden.

    Welche Vorschläge und Forderungen gibt es, um die personelle Situation an den Schulen zu verbessern?

    Der Aufruf "Bildungswende jetzt", der von mehr als 90 Organisationen - darunter Gewerkschaften, Bildungsverbände, Eltern- und Schülervertretungen - unterschrieben wurde, fordert ein 100-Milliarden-Sonderprogramm für die Schulen und eine Ausbildungsoffensive für Lehrer und Erzieherinnen. Die Länder sollen sich demnach verpflichten, genügend Lehrkräfte auszubilden und deren Arbeitsbedingungen zu verbessern.
    Doch Geld allein wird nach Einschätzung der niedersächsischen Kultusministerin Julia Hamburg den pädagogischen Fachkräftemangel nicht beheben. Selbst wenn man Geld für bestimmte Dinge habe, brauche man auch die Köpfe dafür, sagt die Grünen-Politikerin. Nötig seien tragfähige Lösungen, um dem Fachkräftemangel in den kommenden 10 bis 15 Jahren zu begegnen.
    Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz hat gleich einen ganzen Strauß an Vorschlägen gemacht, um die personelle Situation an den Schulen zu verbessern. Dazu gehört zum Beispiel die „Erschließung von Beschäftigungsreserven“ durch Lehrkräfte, die später in Rente gehen sollen, und die „Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung“ – sprich, Lehrerinnen und Lehrer sollen mehr Stunden geben.
    Außerdem schlägt die Kommission die erleichterte Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen und die Entlastung von Lehrkräften von Organisations- und Verwaltungsaufgaben vor. Gymnasiallehrerinnen und –lehrer sollen für andere Schulformen qualifiziert, Lehrkräfte in Mangelfächern nachqualifiziert werden. Zu den Ideen der Kommission gehört auch die Weiterentwicklung von Modellen für Quer- und Seiteneinsteiger, die Entlastung von Lehrkräften durch Studierende und die Erhöhung der Klassenfrequenzen.
    Doch größere Klassen bedeuten auch weniger Unterrichtsqualität – darauf weist Wido Geis-Thöne, Experte für Familienpolitik am IW Köln, hin. „Wir haben ja eine Schulpflicht, sodass die Kinder und Jugendlichen in Deutschland in jedem Fall auch weiterhin unterrichtet werden müssen“, sagte er in einem Interview: „Allerdings könnten die Klassen größer oder der Umfang des Unterrichts kleiner werden. Beides wäre im Hinblick auf die Qualität der schulischen Bildung sehr kritisch zu sehen.“
    Gewerkschaften und Lehrerverbände fordern seit Langem ohnehin eine Unterrichtsversorgung von 110 statt 100 Prozent – so dass dann Stunden auch sicher gegeben werden können, wenn die eigentliche Lehrkraft ausfällt. Damit wäre auch mehr Raum für die Entwicklung von Schul- und Unterrichtskonzepten und die individuelle Begleitung von Kindern und Jugendlichen vorhanden. Doch diese Forderung ist bei der derzeitigen Personallage wohl utopisch.

    ahe, AH, BM, dpa, kna