Leihmutterschaft
Zwischen Kinderwunsch und Ausbeutung

Der Fall von Jens Spahn und seinem Partner haben der Debatte neuen Auftrieb gegeben. Sollte Leihmutterschaft auch in Deutschland legal werden? Befürworter betonen die Grausamkeit des untersagten Kinderwunsches, Gegner sprechen von Ausbeutung.

    Mehrere Dollarscheine und ein Schnuller liegen auf einem blauen Untergrund.
    Für viele ein Hauptkritikpunkt an Leihmutterschaft: Nur, wer genug Geld hat, kann sich den bislang unerfüllten Kinderwunsch realisieren (Getty Images / Kseniia Ivanova)
    Jens Spahn und sein Partner ziehen ein Kind groß, das mithilfe einer Leihmutter in den USA zur Welt gekommen ist. Seit dies öffentlich bekannt ist, wird dem Politiker vor allem eines nachgesagt: Doppelmoral. Der Druck war offenbar enorm. Am 18.07.2026 ist Spahn als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurückgetreten.
    Der oft zu hörende Vorwurf: Spahn handele anders, als er sich politisch äußere. Während seiner Zeit als früherer Gesundheitsminister hatte sich Spahn stets gegen eine Legalisierung ausgesprochen. Zudem umgehe er das deutsche Gesetz. Hierzulande ist Leihmutterschaft verboten. Aber: Warum lehnen einige Menschen das Modell Leihmutterschaft ab, mit welchen Argumenten plädieren andere dafür?

    Inhalt

    Argumente gegen eine Legalisierung von Leihmutterschaft

    Eine große Sorge von Leihmutterschaftsgegnerinnen und -gegnern ist es, dass Babys dadurch zum Geschäft werden könnten. So sieht es beispielsweise Sigrid Graumann. Die Ethik-Professorin betrachtet das Modell auch deshalb kritisch, weil Leihmütter eine Schwangerschaft gegen Geld austragen.
    „Und diejenigen, die hier vor allem dran verdienen, sind aber die Leihmutter-Agenturen. Da geht es um hohe Summen, da geht es um ein ganz großes Geschäft.“
    Ein weiterer Kritikpunkt wirft dem Business dahinter vor, soziale Notlagen von Menschen knallhart auszunutzen. Schließlich seien Leihmütter, so Graumann, in den allermeisten Fällen prekär lebende, ärmere Frauen, „die im Grunde damit auch einer Ausbeutung ausgesetzt sind".
    In kommerziellen Leihmütterverträgen erkennt sie außerdem eine „Abgabe von Autonomie, die wir uns in Deutschland nicht vorstellen können“. Laut der Ethikerin verpflichten sich Frauen demnach zu bestimmten Untersuchungen der Pränataldiagnostik und sagen zu, die Schwangerschaft unter bestimmten Umständen abzubrechen sowie einen vorgegebenen Lebenswandel durchzuführen.
    Journalistin Helene Bubrowski spricht ein anderes mögliches Problem an: die Differenz zwischen hormoneller Bindung der Mutter an das Kind während der Schwangerschaft und der vertraglichen Verpflichtung, dieses Kind nach der Geburt abgeben zu müssen. „Diesen natürlichen Kreislauf zu unterbrechen, hat schon eine unglaubliche Härte“, sagt sie.

    So argumentieren Befürworter von Leihmutterschaften

    Zugleich sieht Bubrowski aber auch Pro-Argumente.

    „Ich weiß, was es bedeutet, sich ein Kind zu wünschen und wenn man das wirklich bekommt, dieses unglaubliche Glück. Das ist einfach das Größte, was es gibt im Leben. Und wer bin ich, dass ich sage, das muss Menschen vorenthalten werden?”
    Auch Theologe und Ethiker Peter Dabrock plädiert dafür, in der Diskussion um Leihmutterschaft eine ganz bestimmte Frage zu berücksichtigen: „Was wäre, wenn ich in dieser Situation wäre und so gerne Kinder kriegen würde, aber keine bekommen kann?“
    Dabrock hat das Modell Leihmutterschaft nach eigener Aussage früher strikt abgelehnt. Was ihn zum Umdenken bewegt hat: ein Fall, bei der eine Leihmutter seit mehr als zehn Jahren Teil der Familie geworden ist, die die Leihmutterschaft ursprünglich in Auftrag gegeben hatte. Dabrock: „Das ist sehr gut, wenn das gelingt.“
    Karl Lauterbach (SPD) befürwortet eine sogenannte altruistische Leihmutterschaft. Damit ist der Fall gemeint, dass hinter dem Fremdaustragen eines Babys keinerlei Eigeninteresse steckt, auch nicht finanziell.
    „Ich glaube, die Zeit ist reif, dass man darüber nachdenkt, die Leihmutterschaft zu ermöglichen für Paare, die miteinander befreundet oder verwandt sind“, sagt der frühere Bundesgesundheitsminister.

    Zur Wahrscheinlichkeit einer Legalisierung

    Für eine Legalisierung der Leihmutterschaft in Deutschland gibt es derzeit keine politischen Mehrheiten. Im Februar hatte sich die CDU zuletzt dagegen ausgesprochen. Auch eine Sprecherin der Partei hat gegenüber der Deutschen Presse-Agentur bekräftigt, dass Leihmutterschaft in Deutschland weiterhin verboten bleiben soll – unter anderem, um gesundheitliche Risiken und Missbrauch zu verhindern.

    Mögliche Alternativen zur Leihmutterschaft

    Anstatt fremden Frauen gegen Geld eine befruchtete Eizelle einsetzen zu lassen, die nicht von ihr selbst stammt, sieht Ethik-Professorin Sigrid Graumann eine gute Alternative zu Leihmutterschaften in etwas anderem: Co-Parenting.
    „Auch das ist Realität in Deutschland – dass sich lesbische und schwule Paare oder alleinstehende Frauen mit Paaren zusammentun und sich gemeinsam für eine Patchworkfamilie entscheiden, in der dann Rechte und Pflichten, Verantwortlichkeiten unterschiedlich verteilt sind.“
    Online-Text: Jan-Martin Altgeld