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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenLernen in Sachen Aufarbeitung von Völkermord und Diktatur09.06.2011

Lernen in Sachen Aufarbeitung von Völkermord und Diktatur

Symposium im Einstein Forum in Potsdam

Deutschland gilt in der historischen, gesellschaftlichen und juristischen Aufarbeitung von Völkermord und Diktatur-Vergangenheit in vielen Fällen als Vorbild. Gibt es so etwas wie ein deutsches Modell der Vergangenheitsverarbeitung, das sich auf andere Länder übertragen lässt?

Von Cornelius Wüllenkemper

Ein junges Mädchen läuft 1996 über den Nyaza-Friedhof bei Kigal, wo tausende von Opfern des Genozids von 1994 beerdigt sind.
Ein junges Mädchen läuft 1996 über den Nyaza-Friedhof bei Kigal, wo tausende von Opfern des Genozids von 1994 beerdigt sind.

"Mit Sicherheit haben andere Nationen von Deutschland gelernt, zunächst einmal, wie man erfolgreich einen Genozid organisiert. In diesem Sinne können Nationen voneinander lernen. Aber auch wenn es vorbei ist, und die Menschen versuchen, das Land wieder aufzurichten, suchen sie sich Vorbilder. Es geht nicht darum, das deutsche Beispiel zu kopieren. Dafür gibt es zu viele geografische und historische Unterschiede. Aber aus dem deutschen Beispiel lernen wir, dass Vergebung überhaupt möglich ist."

Die Aussöhnung zwischen Nationen setzt so wie die zwischen Individuen eine ernst gemeinte Entschuldigung des Täters und deren Akzeptierung durch das Opfer voraus, meint der polnische Journalist und Experte für Kriegsverbrechen Konstanty Gebert. Gleich zu Beginn der Tagung über die Lernfähigkeit von Nationen bei der Aufarbeitung von Völkermorden im Potsdamer Einstein Forum stand die zwiespältige Rolle Deutschlands als vermeintlicher Modellfall im Mittelpunkt. Sollte die Einzigartigkeit eines Menschheitsverbrechens die Täternation etwa gleichsam zum Weltmeister der Aufarbeitung qualifizieren? Wohl kaum. Dennoch hat die Aufarbeitung der deutschen Diktaturen und ihrer Opfer weit über die Landesgrenzen hinweg Spuren hinterlassen. Im ostafrikanischen Kleinstaat Ruanda, in dem Angehörige der Hutu-Mehrheit 1994 in nur 100 Tagen 800.000 Angehörige der Tutsi-Minderheit töteten, bezog man sich sowohl bei der propagandistischen Vorbereitung der Massaker als auch bei deren Aufarbeitung einige Zeit später explizit auf das Beispiel Deutschland. Gerd Hankel vom Hamburger Institut für Sozialforschung ist Berater für die juristische und zivilgesellschaftliche Aufarbeitung des Genozids in Ruanda. Zum deutschen Export von Erinnerungskultur ist er geteilter Meinung.

"Es ist von deutscher Seite reichlich Geld geflossen, um Menschen vor Ort auszubilden, die aktiv werden können in der Aufdeckung der Völkermordverbrechen, um Archive zu erstellen, damit man einfacher herausfinden kann, was damals geschehen ist. Das ist die deutsche Rolle. Dass wir daneben aufgrund von unserer eigenen Geschichte auch als Experten in Sachen Völkermordaufarbeitung gelten – das kann man schon sagen. Aber das hat sich dann nach einiger Zeit gelegt, weil dann die ruandische Spezifizität in der Aufarbeitung dessen, was geschehen ist, stärker geworden ist."

Während Aktivisten der Aussöhnung in Ruanda mehrfach nach Deutschland reisten, um die hiesige Gedenkkultur kennenzulernen, wählte man vor Ort die traditionelle Form der Konfliktlösung vor dem Dorfgericht und überstellte nur die Hauptschuldigen dem Internationalen Strafgerichtshof in Kigali. Von Völkermord spricht man in Ruanda nur selten. Ein Genozid im Ausmaß des Holocausts, das betrachte man als Sache der Deutschen, meint Gerd Hankel

"Wenn ich das als Kriterium nehme, dann muss ich sagen, dass der deutsche Versuch, dort mit Kenntnissen etwas zu bewirken im Land, dass das gescheitert ist, und dass die Ruander das auf ihre eigenen Art machen, und zwar die Fragwürdigkeit dessen, was in Ruanda geschehen ist, einfach ausblenden. Denn in Ruanda gibt es nicht nur einfach, wie beim Holocaust, Täter und Opfer, sondern viele der späteren Opfer haben vor und nach dem Völkermord massiv Verbrechen begangen."

Allein aufgrund der eindeutigen Täter-Opfer-Konstellation kann der Prozess der Aufarbeitung des deutschen Völkermords an den Juden also nicht als Blaupause für die Aufbereitung der Genozide in der Welt gelten. Das trifft auch auf die postjugoslawischen Staaten zu, wie die Expertin für süd-osteuropäische Geschichte Jacqueline Nießer auf der Tagung im Potsdamer Einstein Forum erklärte. Auf ihren Forschungsreisen durch das ehemalige Jugoslawien beschäftigte sich Nießer mit der Entstehung der Wahrheitskommission RECOM.

RECOM besteht aus 1600 regionalen Menschenrechtsorganisationen der ex-jugoslawischen Staaten, die sich für die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen im Balkankonflikt einsetzen. Einen wichtigen Schritt zur Versöhnung tat Ende 2010 der serbische Präsident Boris Tadic mit seiner Entschuldigung bei den Opfern des Massakers im kroatischen Vukovar.

"Es gibt bestimmte symbolische Gesten, auf die man sich bezieht. Gerade Willi Brandts Kniefall, und überhaupt das Thema von Entschuldigungen. Das spielt aber keine konstruktive Rolle im Sinne von: Man übernimmt bestimmte Beispiele für die Arbeit von RECOM. Ich denke, was wichtiger ist, ist das Bewusstsein, dass Vergangenheitsaufarbeitung ein gesamtgesellschaftlicher Prozess ist. Das wird sehr deutlich, wenn man sieht, wie das Denkmal für die Ermordeten Juden in Europa in Berlin entstanden ist. Das war ein zehnjähriger Prozess von Diskussionen, der zivilgesellschaftlich, parlamentarisch durchgeführt wurde, in den Medien sehr viel diskutiert wurde. Und gerade dieser Diskussionsprozess ist ein Referenzpunkt, an dem man sich in Post-Jugoslawien orientiert."

Studienreisen deutscher Stiftungen in Serbien oder Seminare des Goethe Instituts in Bosnien Herzegowina würden von der Bevölkerung durchaus angenommen. Dennoch wird immer wieder deutlich, dass deutsche Aufarbeitungskonzepte aufgrund des historischen Kontextes sowie der ökonomischen und gesellschaftspolitischen Situation im Lande nicht einfach zu übernehmen sind. Die deutsche Nachkriegsgeschichte und der Prozess der aktiven Aufarbeitung, der immerhin über 50 Jahre und zwei Generationen andauerte, scheinen eher das Bewusstsein geschaffen zu haben, dass Versöhnung und Aufarbeitung möglich und für die Zukunft des Landes wichtig sind.

"Dass Mladic jetzt endlich gefasst wurde, ist natürlich ein wichtiger Punkt im Aufarbeitungsprozess. Ich würde es so gewichten, dass der Impuls vorrangig von außen kommt, aber dass dieser externe Druck auch sehr viele Prozesse angeregt hat und Akzeptanz in der serbischen Bevölkerung immer mehr vorbereitet, auch wenn die natürlich noch nicht großflächig da ist. Ich denke, das ist ein Prozess, der sich in eine Richtung entwickelt, dass man in Serbien und in der gesamten Region verstanden hat, dass Vergangenheitsaufarbeitung ein wesentlicher Aspekt für die Demokratisierung und die Stabilisierung der Gesellschaften ist."

Auch was die juristische Aufarbeitung von Kriegsverbrechen angeht, fällt Deutschland historisch die Rolle des Vorläufers zu. Wo die Nürnberger Prozesse gegen die Nazi-Täter als Wegbereiter für die UN-Kriegsverbrechertribunale und den Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag gelten, sind deutsche Juristen heute als Berater gefragt, nicht nur in Ruanda, sondern auch in Kambodscha. Der Hamburger Staatsanwalt Jürgen Aßmann verbrachte zweieinhalb Jahre in Phnom Penh, um dort die Gräueltaten aufzuarbeiten, die die Roten Khmer unter Pol Pot in den 70er-Jahren an Oberschicht und Vietnamesen verübten.

"Deutschland hat versucht, auch durch die Entsendung von Experten aus der deutschen Praxis, den Prozess der Aufarbeitung der Roten Khmer Verbrechen zu befördern. Aber die Verfolgung höchstrangiger Täter kann es alleine nicht bringen. Sondern es ist nötig, dass auch andere Mechanismen gefunden werden, die zur Wahrheitsfindung und später dann zur Versöhnung führen können. Die große Sorge, die einen umtreiben muss, ist, dass es nicht zur Schaffung dieser Instrumentarien gekommen ist in Kambodscha, aufgrund der politischen Konstellation."

Der Deutsche Entwicklungsdienst und die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit setze sich gemeinsam mit kambodschanischen NGOs aktiv dafür ein, die Bevölkerung über die Tätigkeit des UN-Völkermordtribunals in Kambodscha aufzuklären, so Staatsanwalt Aßmann. Währenddessen möchte die kambodschanische Regierung die Anzahl der Verfahren beschränken, um die knappen finanziellen Ressourcen sowie Verwaltungsstrukturen zu lebenswirklich vordringlichen Zielen einzusetzen, wie der gesellschaftlichen Stabilisierung und materiellen Versorgung der Bevölkerung. Am Beispiel Kambodschas spiegelte sich einmal mehr der Tenor der Potsdamer Konferenz: Der Erfahrungstransfer zwischen Nationen wird stets beeinflusst von historischen, kulturellen sowie zivilgesellschaftlichen Prägungen und nicht zuletzt auch von ökonomischen Zwängen. Deutschland kann als Beispiel dafür dienen, dass auch nach den schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit Aufarbeitung, Aussöhnung und Stabilität eine Perspektive sind.

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