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StartseiteCampus & KarriereWissenschaftlerin: Bewertungs-Kompetenzen bei Jugendlichen fördern04.06.2019

Lernvideos im NetzWissenschaftlerin: Bewertungs-Kompetenzen bei Jugendlichen fördern

Etwa die Hälfte der deutschen Schüler verwendet einer Studie zufolge Lern- und Erklärvideos auf der Internetplattform Youtube. Die Schüler bräuchten aber Unterstützung dabei herauszufinden, was qualitativ hochwertiger Inhalt sei, sagte Vanessa Reinwand-Weiss, Mitglied im Rat für kulturelle Bildung, im Dlf.

Vanessa Reinwand-Weiss im Gespräch mit Benedikt Schulz

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Gruppe Schüler sitzt auf einer Treppe und kommuniziert mit Tablet-PCs und Smartphones | Verwendung weltweit, Keine Weitergabe an Wiederverkäufer. | dpa / picture alliance / imageBROKER (imageBROKER)
Während viele Schulen in Deutschland auf schnelles Internet warten, haben die Schüler längst die Digitalisierung entdeckt. (imageBROKER)
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Benedikt Schulz: Wir wollen jetzt im Folgenden die Ergebnisse der Studie ein bisschen vertiefen. Ein entscheidendes Ergebnis ist für mich das hier: Ein Großteil der Jugendlichen ist sich der Grenzen von Youtube-Lernen durchaus bewusst oder mit anderen Worten: der hohen Bedeutung von normalem Unterricht. Am Telefon ist Vanessa Reinwand-Weiss, Mitglied im Rat für kulturelle Bildung und Professorin für Kulturelle Bildung. Frau Reinwand-Weiss, hallo!

Vanessa Reinwand-Weiss: Hallo, schönen guten Tag!

Schulz: Also, offenbar gehen ja diejenigen, die Youtube zum Lernen regelmäßig nutzen, doch ziemlich reflektiert an diese Form des Lernens heran. Hat Sie das überrascht?

Reinwand-Weiss: Ja, das hat uns als Expertinnen und Experten im Rat für kulturelle Bildung durchaus etwas überrascht, weil man ja davon ausgeht erst einmal, dass Youtube vor allem für Unterhaltung genutzt wird, dass es drauf ankommt, dass die Videos hip sind, dass sie witzig sind, dass sie unterhaltsam sind, aber uns hat überrascht, dass die Jugendlichen sehr gezielt nach Inhalten suchen, und zwar nicht nur nach Unterhaltungsinhalten, sondern auch nach Wissens- und Bildungsinhalten und dass sie sich da nicht nur auf die Algorithmen verlassen, die Youtube ihnen vorschlägt oder auf die Vorschläge verlassen, die Youtube anzeigt, sondern dass sie über die Suche sehr gezielt nach Themen Ausschau halten, die sie interessieren.

Jugendliche benötigen Hilfestellung

Schulz: Heißt das denn auch, dass bei vielen Schülerinnen und Schülern vielleicht auch so eine Kompetenz gibt, dass sie ernstzunehmende seriöse Lerninhalte schon unterscheiden können von Sachen, die eben nicht ernst zu nehmen sind?

Reinwand-Weiss: In der Studie haben wir nur Indizien dafür. Wir haben da keine klaren Aussagen. Meine persönliche Einschätzung ist, dass die Jugendlichen hier schon noch Hilfestellung benötigen, also dass es wichtig ist, in schulischen, aber auch in außerschulischen Einrichtungen Youtube, Youtube-Nutzung, Webvideonutzung im Allgemeinen immer wieder zu thematisieren und vor allem, dass es auch Aufgabe gerade der ästhetischen Schulfächer oder der kulturellen Bildung ist, mit Jugendlichen stärker ästhetische Mechanismen, visuelle Themen wirklich noch mal zu besprechen und auch über eine Produktion, nicht nur über die Rezeption, sondern über das Selbermachen, über die Produktion zu erfahren, wann kann ich mich auf Inhalte verlassen, was ist ein qualitativ hochwertiger Inhalt, wie habe ich Inhalte zu bewerten, wie habe ich ästhetische Mechanismen zu bewerten, die vielleicht auch Inhalte verfälschen können.

Schulz: Interessant ist ja, dass Ihre Befragung auch zutage gefördert hat, dass sich viele Schülerinnen und Schüler eine kritische Auseinandersetzung mit Youtube-Inhalten im Unterricht wünschen, das heißt auf der anderen Seite, eine Auseinandersetzung findet bislang nicht oder auf jeden Fall nur unzureichend statt, oder?

Reinwand-Weiss: Das sehen wir auch so. Also ich glaube, es gibt sehr gute Beispiele. Es gibt Lehrkräfte, die in der Schule selber schon Videos drehen und damit ihren Unterricht anreichern. Es gibt auch in der kulturellen Bildung, also in den Kulturinstitutionen Lehrkräfte, Vermittler, die dieses Medium schon nutzen, aber ich denke, das sind überwiegend Ausnahmen, und ich glaube schon, dass das Gros der Schulen, das Gros der Lehrkräfte hier vorsichtig ist auf diesem Gebiet und den Schülerinnen und Schülern noch nicht die Reflexion bietet, die eigentlich wichtig wäre, um sozusagen Youtube oder auch andere Plattformen wirklich als Bildungsmedien noch besser nutzbar zu machen.

Sich gemeinsam kritische Fragen stellen

Schulz: Jetzt habe ich den Eindruck – mal pragmatisch gedacht –, lernen über Youtube und lernen in der Schule, das passiert jetzt erst mal irgendwie vollkommen unabhängig voneinander, ohne Synergieeffekte, die ja durchaus wünschenswert wären. Müssen Lehrerinnen und Lehrer das Potenzial von Lernvideos vielleicht auch noch viel offensiver für ihren Unterricht auch nutzen, dass sie gezielt selber auch nach Lernvideos suchen, einschätzen können, die taugen was, die taugen nichts, und ich empfehle euch die auch bewusst?

Reinwand-Weiss: Das ist auf jeden Fall eine unserer Empfehlungen, dass Vermittler und Lehrkräfte sich genauer informieren müssen, was geht da eigentlich ab auf Youtube, was schauen die Jugendlichen. Sie müssen nicht alles selber schon besser wissen, und sie müssen nicht jede Technik bis ins Detail können, sondern ich glaube, wichtig ist der Mut, gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen dieses Medium zu entdecken, eine Reflexionsplattform anzubieten und sich gemeinsam auch kritische Fragen zu stellen. Wir würden uns einfach eine größere Offenheit und mehr Mut diesen Medien gegenüber wünschen. Das ist aber, glaube ich, auch eine Aufgabe für Politik und auch für Fort- und Weiterbildung. Das sage ich auch als Direktorin der Bundesakademie für kulturelle Bildung einer Fort- und Weiterbildungsinstitution für Kulturschaffende. Wir müssen hier mehr Angebote schaffen, bei denen sich Vermittler, aber auch Lehrkräfte ausprobieren können mit diesen Medien, um auch die Scheu zu verlieren, das entweder selber anzuwenden oder zumindest gemeinsam mit den Jugendlichen zu explorieren. Ich glaube, hier haben wir auf jeden Fall noch Bedarf. Der Digitalpakt hat ja schon gezeigt, dass der Bundesregierung durchaus bewusst ist, dass es hier an allen Ecken und Enden noch mangelt. Der Digitalpakt fördert jetzt die Hardware vor allem. Das ist ein erster wichtiger Schritt, aber ich glaube, es ist sehr, sehr wichtig, dass hier auch personelle Kapazitäten gefördert werden, und das heißt, dass in Fort- und Weiterbildung investiert wird und dass in Gesamtkonzepte investiert wird. Wir gehen vom Rat für kulturelle Bildung sogar so weit, dass wir sagen, es bräuchte einen Kulturdigitalpakt, also das heißt, es bräuchte auch eine Förderung für Kultureinrichtungen, weil wir es als Kernaufgabe der kulturellen Bildung ansehen, ästhetische Kompetenzen, die zur Bewertung solcher Videos und Inhalte, Plattformen, führen können, zu fördern bei Jugendlichen.

Wichtig, dass Lehrpersonen zur Verfügung stehen

Schulz: Was können denn eigentlich Lehr-, Lernvideos bei Youtube möglicherweise besser als die Lehrpersonen im Unterricht?

Reinwand-Weiss: Wir haben die Jugendlichen dies auch gefragt, und wir waren dahingehend auch überrascht, dass die Jugendlichen sehr klar einschätzen können, wofür welches Lernmedium, wenn man so will, oder welche Lehrperson besonders gut geeignet ist. Sie sagen, dass sie Youtube häufig nutzen, um Dinge zu wiederholen oder auch zeitunabhängig zu lernen, das heißt, Youtube kann ich mir auch mal an der Bushaltestelle anschauen, wenn ich mal eine kurze Wartezeit habe, und ich kann ein Video mehrmals anschauen, ich kann mir bestimmte Details anschauen. Das ist sehr, sehr wichtig für die Jugendlichen, das schätzen sie an diesem Medium, aber sie sagen auch ganz klar, dass es wichtig ist, dass Lehrpersonen zur Verfügung stehen, um Rückfragen zu stellen, um vielleicht auch Fehler, die Youtube hat, auszubügeln. Insofern sehen die Jugendlichen das durchaus in Kombination und würden jetzt nicht fordern, dass die Schule nur noch Youtube-Videos zeigt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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