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StartseiteDeutschland heuteDie Normalität des Sterbens lernen23.05.2017

"Letzte-Hilfe-Kurse"Die Normalität des Sterbens lernen

Im Umgang mit Sterbenden sind viele Angehörige oft hilflos und unsicher. "Letzte-Hilfe-Kurse" sollen die Sterbebegleitung erleichtern - und Angehörige ermutigen, sich Menschen auf ihrem letzten Weg zuzuwenden.

Von Almuth Knigge

Zu sehen ist die Hand eines alten Menschen auf einer Bettdecke (picture-alliance / dpa / Sami Belloumi)
Viele Angehörige sind hilflos im Umgang mit Sterbenden. (picture-alliance / dpa / Sami Belloumi)
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Ein schöner Maitag in Bremen, lange haben die Menschen auf Sonne und Wärme gewartet. Alles grünt und blüht – das letzte, an das man denken möchte, ist der Tod.

Mann: "Ich hätte schon was Besseres vor, aber meine 93-jährige Mutter stirbt vielleicht dieses Jahr und da bin ich dann gefordert. Deshalb habe ich mich angemeldet."

Der Mann ist 62 - zusammen mit 20 anderen nimmt er am "Letzte Hilfe Kurs" von Jasamin Boutorabi und Silvia Petrovic teil.

"Wir begrüßen sie sehr herzlich, schön, dass sie da sind."

Beide Kursleiterinnen haben Palliativ Care studiert und viel praktische Erfahrung im Umgang mit Sterbenden.

"Woran erkenne ich denn überhaupt, was sind denn so erste, frühe Anzeichen, dass jemand auf dem Weg in den Sterbeprozess ist."

- Appetitlosigkeit,

- Ja, was kann es noch sein?

Gesunkenes Interesse an Essen und Trinken, extreme Schwäche, eine veränderte Bewusstseinslage. Oder auch, ganz am Schluss, Rasselatmung. Es ist wichtig, erklärt Jasamin Boutorabi, auch zu wissen, was körperlich passiert, damit man selbst nicht überfordert ist und Dinge tut, die dem Sterbenden nichts mehr nützen - im Gegenteil, ihn stressen. In diesem Fall wäre das, noch Schleim abzusaugen.

Einmaleins des Sterbens

Jasamin Boutorabi: "Das heißt, frühzeitig Menschen vorzubereiten, zu sagen, das klingt unangenehm, das hört sich nicht gut an, aber das ist keine Belastung für den Sterbenden weil das beim Ausatmen was ist und das funktioniert, das ist nur lauter. Aber die Person hat keine Erstickungssymptomatik oder so, das ist eher die Fantasie der Angehörigen."

Am Ende wissen, wie es geht, das ist das Ziel. Das Lebensende und Sterben machen Angehörige und Mitmenschen oft hilflos. Uraltes Wissen zur Sterbebegleitung ist mit der Industrialisierung schleichend verloren gegangen. "Letzte Hilfe" soll sozusagen das Einmaleins des Sterbens vermitteln. Sterben als Teil des Lebens; Vorsorgen und Entscheiden; körperliche, psychische, soziale und existenzielle Nöte sowie Abschied nehmen vom Leben.

"Wenn Sie lange im Bett liegen, die Augen geschlossen haben, in einem ruhigen Raum sind, dann verändert sich die Wahrnehmung, auch wenn sie nicht sterbend sind, sie werden sehr sensibel. Ihre Sinne sind sehr geschärft."

Gerüche werden stärker wahrgenommen, Geräusche, Luftbewegungen.

"Aber auch was Geschwindigkeit angeht. Sie müssen sich vorstellen - Zeit spielt keine Rolle - und es gibt keine Eckpunkte für Zeit und der einzige Impuls für Zeit kommt von außen. Das heißt, wenn Sie sich jetzt zum Beispiel ans Bett setzen und so machen."

Sie reibt mit der Hand schnell und kräftig über den Unterarm - ein herzhaftes Streicheln sozusagen.

"...dann kann es sein, dass es die Person völlig überfordert, weil es viel zu schnell ist."

Sekt, eine Flasche Bier, Wattestäbchen, Strohhalme, ein Netzschnuller für Babys - alles Hilfsmittel für den letzten Weg. (Deutschlandradio/Almuth Knigge)Sekt, eine Flasche Bier, Wattestäbchen, Strohhalme, ein Netzschnuller für Babys - alles Hilfsmittel für den letzten Weg. (Deutschlandradio/Almuth Knigge)

Auf dem Boden steht ein Tablett mit einem Piccolo Sekt, einer Flasche Bier, Wattestäbchen, Strohhalmen, eine Art Netzschnuller für Babys. Bei einigen Dingen weiß man sofort, wofür sie da sind, bei anderen ist man erst einmal irritiert. Aber alles sind Hilfsmittel – für den letzten Weg.

Silvia Petrovic: "Also das ist was, was in der Hospizbewegung auch ein Klassiker ist, Butter mit Honig vermischt, wirklich zur Lippenpflege."

Teilnehmerin: "Was kann man denn tun...."

Grundwissen an die Hand geben, ermutigen, sich Sterbenden zuzuwenden. Denn Zuwendung ist das, was alle am Ende des Lebens am meisten brauchen. Leiden kann gelindert werden. Wenn man weiß, was dem Sterbenden wichtig ist – das heißt auch – sie früh mit dem Ende des Lebens beschäftigen.

"In dem Teil geht es jetzt um so wichtige Dinge, die eigentlich im Vorfeld am besten geklärt werden sollten wie Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht."

Auch das muss man aushalten. Aushalten und bleiben – Dasein, das ist das Credo. Auch wenn es mitunter wichtig ist, wegzugehen. Manche Menschen können sich erst aus dem Leben zurückziehen, wenn sie alleine sind.

Jasamin Boutorabi: "Jetzt kommt noch die letzte Einheit zum Thema Abschied, da geht es um die Zeit kurz vor dem Tod aber auch nach dem Tod und dann noch ein bisschen offene Fragen und Austausch."

Tipps, aber keine Regeln

Jasamin Boutorabi und Silvia Petrovic sind pragmatisch aber nicht ohne Empathie. Sie geben Tipps, aber haben keine Regeln. Sie ermutigen.

"Früher war das pathologisch, wenn Eltern oder Ehepartner verstorben waren und die Personen in ihrem Zuhause noch am Frühstückstisch für zwei gedeckt haben.... heute sagt man, ok, das ist eine Weise und solange diese Person am Alltag noch lebensfähig teilnimmt, wen stört das."

Der "Letzte Hilfe"-Kurs vermittelt die Normalität des Todes, das Sterben als Teil des Lebens, wie nimmt man Abschied, wo sind unsere Möglichkeiten und Grenzen.

"Dann würde ich sagen, dann sind wir hier im Schnellcrashkurs, was wir besprechen wollten durch. Gibt es da von Ihrer Seite Dinge, wo sie sagen, das möchte ich noch ansprechen oder einbringen?"

Teilnehmer: Die eine Frage, die ich habe, wird das jedes Jahr eigentlich wiederholt, der Kurs, weil mir fallen jetzt so viele Leute ein, wo ich sage, denen täte das auch ganz gut.

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