Montag, 09.12.2019
 
Seit 10:10 Uhr Kontrovers
StartseiteHintergrundAlltag in einem gescheiterten Staat28.10.2019

LibyenAlltag in einem gescheiterten Staat

In Libyen herrschen seit Jahren Chaos und Gewalt. Der international anerkannten Regierung in Tripolis gelingt es nicht, für stabile Verhältnisse zu sorgen. Stattdessen kämpfen mächtige Milizen gegeneinander und prägen den Alltag der Bürger im Norden Afrikas.

Von Anne Allmeling

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
(Deutschlandradio / Anne Allmeling)
Demonstration auf dem Märtyrerplatz in Tripolis (Deutschlandradio / Anne Allmeling)
Mehr zum Thema

Migration Leben mit dem Tod

Mike Mohring (CDU) zu Flüchtlingsverteilung "EU fehlt Fähigkeit zu einer kompletten Lösung"

Libyen unter Beschuss Wie die Menschen in Tripolis dem Krieg trotzen

Wie viel Geld passt in eine Schubkarre? In Libyen haben etliche Menschen zumindest eine Ahnung davon. Sie besitzen Schubkarren voller Geld - und manche schieben die knallblauen Karren vor sich her: ruckelnd über das Kopfsteinpflaster, prall gefüllt mit Plastiktüten voller Geldscheinen.

Zwischen Kaffeehaus und Moschee bleiben sie stehen. Hier befindet sich der Schwarzmarkt - mitten in der Altstadt von Tripolis. Dicht an dicht drängen sich Männer in größeren Gruppen, schirmen sich ab von Händlern und Passanten. Sie flüstern Zahlen, vergleichen Angebote, tauschen Geld: libysche Dinar gegen Euro oder US-Dollar. Geldgeschäfte macht auch Muaaz. Der 32-Jährige steht hinter der Theke eines kleinen Ladens.

"Wir wechseln Währungen, wir machen Überweisungen."

Muaaz‘ Kollegen zählen dicke Geldbündel. Wer ins Ausland reisen oder Waren einführen will, braucht statt des schwachen Dinars harte Währung. Geldwechsler ohne Lizenz haben es hier leicht: Der Unterschied zwischen dem offiziellen Wechselkurs und dem höheren auf dem Schwarzmarkt bestimmt ihren Gewinn.

"Die Händler gehen nicht zur Bank, um Geld zu überweisen, sondern kommen zu uns."

Finanzgeschäfte werden auf dem Schwarzmarkt abgewickelt - und nicht direkt gegenüber. Dort steht die libysche Zentralbank. Doch das Kreditinstitut hat kaum noch Geld: Viele Libyer horten ihr Vermögen zuhause, weil sie den Banken nicht trauen. Andere haben gar kein Bargeld. Sie müssen stundenlang Schlange stehen, um nur geringe Summen abzuheben - und warten oft umsonst.

Die Altstadt von Tripolis. (Deutschlandradio / Anne Allmeling)Die Altstadt von Tripolis (Deutschlandradio / Anne Allmeling)
Seit Jahren bekämpft General Haftar mit seinen Truppen in Libyen die international anerkannte Regierung unter Fayaz al-Sarraj. Jetzt hat Haftar zum Sturm auf die Hauptstadt Tripolis aufgerufen. Die internationale Gemeinschaft fordert Waffenruhe und ist ansonsten ratlos – weil sie auch nicht einig ist.

Das Finanzwesen ist aus den Fugen geraten. Acht Jahre nach dem Sturz von Langzeitherrscher Muammar Al-Gaddafi herrscht Chaos in Libyen. Der Staat im Norden Afrikas, sagen hier viele, sei gescheitert. Weil er seinen Bürgern nicht biete, was sie bräuchten: Bargeld, Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, Arbeit, medizinische Versorgung.

Ein großes Pflaster klebt unter dem Kinn des jungen Mannes. In Jogginghose und Poloshirt schlendert er über den Klinikflur, wirkt ein bisschen benommen. Erst am Vortag wurden er und seine Kameraden in das Krankenhaus am Rande der Hauptstadt Tripolis eingeliefert, manche schwer verletzt.

Überfälle, Entführungen, Menschenhandel sind alltäglich

"Ich wurde am Hals verwundet. Ein Splitter hat mich getroffen. Zum Glück war es nicht so schlimm."

Seinen Namen will der 33-Jährige nicht preisgeben. Auch nicht, aus welcher Gegend er stammt. Aus Sicherheitsgründen:

"Wenn Gott will und meine Wunde geheilt ist, werde ich wieder an die Front zurückkehren."

Der Patient gehört zu einer bewaffneten Gruppe, von denen es viele gibt in Libyen. Die meisten gründeten sich 2011 und gingen gegen Gaddafi vor. Seit seinem Sturz kämpfen die Milizen gegeneinander. Einige unterstützen die international anerkannte Regierung in Tripolis. Sie wurde 2015 mit Hilfe der Vereinten Nationen gebildet. Andere kämpfen auf der Seite von Khalifa Haftar. Der wohl mächtigste Milizenführer Libyens stammt aus dem Osten des Landes und will die Regierung in Tripolis nicht anerkennen. In den vergangenen Monaten eroberte er weite Teile im Osten und Süden des Landes - und rief zu einer Offensive auf Tripolis auf:

"Ihr heldenhaften Soldaten, jetzt hat die Stunde geschlagen und die Zeit der großen Eroberung ist gekommen. Rückt vor, voller Vertrauen auf Gott. Und betretet die Stadt in Frieden - für die, die Frieden wollen."

09.04.2019, Libyen, Tripolis: Kämpfer einer bewaffneten Gruppe mit Sitz in Misrata, die der von den Vereinten Nationen unterstützten Regierung des National Accord (GNA) von Ministerpräsident Fajis al-Sarradsch treu ergeben ist, bereiten ihre Munition vor. Trotz internationaler Warnungen gehen die Kämpfe um die libysche Hauptstadt Tripolis unvermindert weiter. Foto: Stringer/dpa (picture alliance / Stringer / dpa) (picture alliance / Stringer / dpa)Militärische Eskalation - Libyens Krise und Europas Ratlosigkeit
Seit Jahren bekämpft General Haftar mit seinen Truppen in Libyen die international anerkannte Regierung unter Fayaz al-Sarraj. Jetzt hat Haftar zum Sturm auf die Hauptstadt Tripolis aufgerufen. Die internationale Gemeinschaft fordert Waffenruhe und ist ansonsten ratlos – weil sie auch nicht einig ist.

Unzählige Geschosse sind seither in der Hauptstadt eingeschlagen, zahlreiche Menschen ums Leben gekommen. Tripolis ist so gut wie umzingelt – und damit das Gebiet, das die international anerkannte Regierung beherrscht. Eine reguläre libysche Armee, die Haftar etwas entgegensetzen könnte, gibt es nicht - eine Folge des langjährigen Chaos im Land: Überfälle, Entführungen, Menschenhandel sind alltäglich. Die Milizen, die mit der Regierung verbündet sind, wollen Haftars Vormarsch stoppen. Viele Männer haben sich ihnen angeschlossen - wie der junge Patient im Krankenhaus:

"Die meisten von uns haben keine militärische Erfahrung. Wir sind normale Kämpfer. Wir kämpfen für unser Land. Wenn Gott will, wird alles gut "

Von den Fenstern im dritten Stock des Krankenhauses aus sind Rauchwolken zu sehen. Die Einschläge rücken näher. Der verletzte Kämpfer gibt sich trotzdem zuversichtlich:

"Möge Gott die Märtyrer selig haben, die Verletzten schnell genesen lassen und uns helfen, Geduld zu haben. Wenn Gott will, kommt der Sieg bald."

Nachts, wenn der Lärm des Straßenverkehrs abflaut, sind die Gefechte kilometerweit zu hören – auch in Palm City, einem Hochsicherheitskomplex direkt an der Küste. Hinter dicken Mauern und Stahltoren, bewacht von Sicherheitskräften, residiert der Innenminister. Vor seiner Villa mit Blick aufs Meer stehen gepanzerte Geländewagen. Fathi Bashaga gilt als einer der mächtigsten Männer in Tripolis. Er versucht, die verschiedenen Milizen, auf die sich die Regierung stützt, in staatliche Strukturen einzubinden. "Wir wollen, dass keine einzige Miliz die Regierung oder den Staat kontrolliert, bekämpft oder sich in deren Angelegenheiten einmischt. Keine Miliz und kein Diktator - das ist unsere Aufgabe, das ist unser Ziel."

Der libysche General Chalifa Haftar (Mitte) bei einem Treffen mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow in Moskau.  (dpa / TASS / Sergei Savostyanov)Der libysche General Haftar (Mitte) (dpa / TASS / Sergei Savostyanov)

Mit "Diktator" meint Bashaga Milizenführer Khalifa Haftar. Der Innenminister macht keinen Hehl daraus, dass die Regierung in Tripolis darauf setzt, ihren mächtigen Gegenspieler zu besiegen. Verschiedene Staaten wollen den Konflikt befrieden, etwa die Bundesrepublik Deutschland: Außenminister Heiko Maas hat deshalb jüngst Gespräche in Tripolis geführt.

Vermittler aus unterschiedlichen Ländern haben immer wieder Kompromisse zwischen der international anerkannten Regierung und Khalifa Haftar vorgeschlagen - doch die lehnt Innenminister Fathi Bashaga ab: "Haftar und seine Familie wollen das Land beherrschen. Haftar will die gleiche Rolle spielen, die Muammar Al-Gaddafi früher gespielt hat, er will ihn kopieren. Er ist sogar schlimmer als Gaddafi. Denn Gaddafi hat seine eigenen Entscheidungen getroffen. Haftar dagegen steht unter dem Einfluss von anderen Ländern. Er will aus dem unabhängigen Libyen einen Vasallenstaat machen."

Erbärmliche Zustände in den Lagern

Tatsächlich erhält Haftar Unterstützung aus dem Ausland - auch von Staaten, die offiziell hinter der international anerkannten Regierung stehen: von Frankreich zum Beispiel, das sich für Bodenschätze in der Region interessiert, von Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Ägypten und die Emirate sehen in Haftar einen Verbündeten im Kampf gegen die Muslim-Bruderschaft. Sie werfen der Regierung in Tripolis vor, Hilfe von der Türkei und Katar anzunehmen - von Regionalmächten also, die der Muslim-Bruderschaft und anderen Islamisten-Gruppen nahestehen.

Dass Haftar große Gebiete in Libyen unter seine Kontrolle bringen konnte, hat aber noch einen weiteren Grund: Viele Menschen im Osten und Süden des Landes akzeptieren seinen Vormarsch, weil sie sich von der Regierung in Tripolis vernachlässigt fühlen.

Innenminister Bashaga ist sich dessen bewusst:

"Die Libyer im Osten des Landes sind sehr wichtig für uns: ihre Forderungen, ihre Vorschläge. Wir wollen mit ihnen nach einer Lösung suchen. Aber nicht mit Haftar. Denn Haftar weiß nur, wie man tötet, kämpft und zerstört. Er weiß nicht, was Frieden ist - oder wie man ein Land aufbaut."

Das gelingt auch der international anerkannten Regierung nicht. Sie verteilt zwar das Geld, das dank der Öl-Förderung stetig in die Staatskasse fließt. Aber sie ist auf Milizen angewiesen. Die haben auch die Grenzen unter sich aufgeteilt und kontrollieren die Routen für Menschen-Händler. Schon seit Jahren ist Libyen eines der wichtigsten Transitländer für Flüchtlinge und Migranten aus afrikanischen Ländern, die weiter nach Europa wollen. Wie Suleiman.

Hoffen auf Europa - Suleiman und seine Familie (Deutschlandradio / Anne Allmeling)Hoffen auf Europa - Flüchtling Suleiman und seine Familie (Deutschlandradio / Anne Allmeling)

Suleiman ist mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg im Sudan geflohen - über den Tschad bis nach Libyen, versteckt in einem Viehtransporter. Tausende Kilometer durch die Wüste haben er, seine Frau und ihre sieben Kinder zurückgelegt. Dafür hat die Familie all ihr Erspartes hergegeben - an Schleuser und Schmuggler.

Mittlerweile lebt sie unter dem löchrigen Dach einer Lagerhalle am Rande von Tripolis. Sie haben sich als Flüchtlinge registrieren lassen, aber Hilfe bekommen sie nicht. Die Behörden sind überfordert: Hunderttausende Migranten sollen Hilfsorganisationen zufolge in Libyen gestrandet sein. Suleiman und seine Frau holen Wasser in großen Behältern aus einer Moschee in der Nachbarschaft. Für Essen sind sie auf Spenden angewiesen - ein täglicher Kampf ums Überleben.

"Ziel meiner Flucht war es nicht, in Libyen zu bleiben. Ich will meine Kinder - wie auch immer - nach Europa bringen. Das ist meine Absicht – trotz aller Schwierigkeiten. Die sind mir bewusst. Aber ich stehe zu meiner Entscheidung: Mein Ziel ist Europa."

Eine Bekannte von Suleiman hat ihr Kind bei der Flucht übers Mittelmeer verloren. Das schreckt den Familienvater nicht ab, er will den Weg übers Wasser trotzdem wagen. Regelmäßig legen Boote mit Migranten von der libyschen Küste ab - mit Kurs auf Europa. Die libysche Küstenwache versucht, ihre Flucht zu verhindern und die Menschen zurück an Land zu bringen.

In einer solchen Behausung wohnt der sudanesische Flüchtling Suleiman mit seiner Familie. (Deutschlandradio / Anne Allmeling)Kaum Privatsphäre: In einer solchen Behausung wohnt der sudanesische Flüchtling Suleiman mit seiner Familie. (Deutschlandradio / Anne Allmeling)
Einzelne Staaten der Europäischen Union helfen der Küstenwache dabei - eine umstrittene Unterstützung. Migranten aus dem Mittelmeer zu bergen, sei keine einfache Aufgabe, sagt Brischelle Ammar Abdelbary, Kommandeur der ersten Flotte: "Die Flüchtlinge sehen uns mal als ihre Retter, wenn sie sich in einer sehr schwierigen Situation befinden, und mal als die Zerstörer ihres Traums, nach Europa zu gelangen. Sie spüren meist nicht, in welche Gefahr sie sich bringen."

Wen die libysche Küstenwache im Mittelmeer aufgreift, der landet in der Regel in einem der berüchtigten Internierungslager. Sie unterstehen offiziell dem Innenministerium, werden aber tatsächlich von Milizen kontrolliert. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat vor kurzem erneut auf die erbärmlichen Zustände in den Lagern aufmerksam gemacht: Die Räume seien teilweise nicht belüftet, die hygienischen Verhältnisse katastrophal. Die Organisation forderte, im Mittelmeer gerettete Migranten nicht mehr nach Libyen zurückzubringen, sondern nach Europa zu schiffen. Denn in Libyen werden die Migranten häufig misshandelt und missbraucht.

Staatliche Kontrollen oder eine staatliche Ordnung gibt es nicht. Der frühere Langzeitherrscher Gaddafi hatte das Land diktatorisch regiert. Nach seinem Sturz wurde wenig Neues geschaffen, weil das Chaos jede Entwicklung überholte - ein Zustand, der auch vielen Libyern zu schaffen macht.

Im Hintergrund lauert der Krieg

Kuchen ist Leila Al-Lessawys Leidenschaft. Sie serviert ihren Gästen große Stücke, gießt süßen Tee in kleine Gläser und nimmt im Wohnzimmer Platz - allerdings nicht in ihrem eigenen. Seit Monaten lebt die Mittvierzigerin mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im Haus ihrer Schwester im Zentrum der Stadt.

Ihr eigenes Haus haben die vier schon lange nicht mehr betreten - weil es am Stadtrand von Tripolis zu gefährlich ist. "Die Schusswechsel und die Mörsergranaten, die in unserer Nähe detonierten, haben uns so schockiert, dass wir nicht mehr in den Garten gehen oder in der Tür stehen konnten. Deshalb haben wir beschlossen, zu fliehen."

Ein oder zwei Wochen - länger würden sie nicht wegbleiben, dachte sich Leila damals. Unruhige Zeiten, Kämpfe in der Nachbarschaft sind die meisten Libyer schon lange gewohnt. Doch mittlerweile ist ein halbes Jahr vergangen. "Der Winter nähert sich, aber wir haben keine Möglichkeit, an unsere Winterkleidung zu kommen. Wenn wir die Verantwortlichen bitten, kurz die Barrieren überqueren und nach Hause zu gehen dürfen, um unsere Winterkleidung abzuholen, lehnen sie ab – sie wissen, dass unsere Sachen gestohlen wurden."

Wer dafür verantwortlich ist, weiß Leila nicht. Die Gegend, in der ihr Haus steht, ist umkämpft: Mal rücken Haftars Einheiten vor, dann erobern die Milizen der Regierung das Gelände wieder zurück. In den vergangenen Wochen sind die Gefechte immer näher an die Hauptstadt herangerückt. "Wir hören die Einschläge nicht mehr nur einmal im Monat oder einmal in der Woche, sondern Dutzende Male am selben Tag. Manchmal sind die Detonationen so stark, dass wir wissen: Das war in der Nähe. Wir haben uns schon daran gewöhnt."

Außenminister Maas, der UN-Sondergesandte für Libyen, Salame und der libysche Außenminister Siala in Zuwarah.  (AFP / Mahmud TURKIA)Außenminister Maas, der UN-Sondergesandte für Libyen, Salame und der libysche Außenminister Siala in Zuwarah (AFP / Mahmud TURKIA)

Kuchen backt sie nun im Haus ihrer Schwester. Dabei hatte Leila ganz andere Pläne: Sie wollte sich selbstständig machen mit einem Lieferservice für hausgemachte Kuchen und Torten.

Fotos von ihrem aufwändig verzierten Gebäck postet sie auf Facebook, freut sich über das positive Feedback - wenn das Internet funktioniert. Doch viel zu oft fällt der Strom aus. Und bevor sich Leila ihren Wunsch von einem eigenen Geschäft erfüllen kann, braucht die Familie eine dauerhafte Bleibe.

Sorgfältig zubereitete Snacks, frisch gepresste Säfte, duftender Kaffee - ein paar Kilometer weiter haben Khawla und ihre Freundin gerade ihr Mittagessen beendet. Die beiden Studentinnen sitzen in einem Bistro mit Blick aufs Mittelmeer. Sanfte Wellen schwappen ans Ufer, die Sonne scheint - der Ort ist idyllisch. Doch im Hintergrund lauert der Krieg. "Angst haben wir nur, wenn wir Raketen in der Nähe hören. Aber die sind schon Teil unseres Alltags geworden. Das Leben muss weitergehen. Wir wissen, dass wir jederzeit sterben können."

Viele Einwohner von Tripolis haben mindestens einen Verwandten, Freund oder Bekannten, der bei den Gefechten ums Leben gekommen ist. Ein junger Mann im Bistro erzählt, dass bei Kämpfen in der vergangenen Nacht gleich drei Bekannte von ihm gestorben seien. Wieder einmal. Facebook sei wie ein Friedhof: voller Accounts von Menschen, die nicht mehr leben. Der junge Mann überlegt, Libyen zu verlassen. Auch Khawla macht sich Sorgen:

"Die aktuelle Situation ist instabil. Es gibt Krieg und Probleme, gerade hier bei uns in Tripolis. Es herrscht viel Ärger unter uns Jugendlichen: Wir haben kein gutes Bildungssystem, kein gutes Gesundheitssystem, kein gutes Leben!"

Trotzdem will Khawla in Libyen bleiben. Sie und ihre Familie gehören zur Mittelschicht, zahlen die Studiengebühren für Khawlas private Universität und fliegen, wenn es sein muss, für einen Arztbesuch nach Tunesien.

Doch viele Libyer können sich das nicht leisten. Sie leiden zunehmend unter dem Krieg.

Schon die Einreise ist ein Risiko

Einer, der Libyen den Rücken gekehrt hat, ist Hosni Bey. Er gilt als Libyens erfolgreichster Geschäftsmann, lebt aber im Ausland - vermutlich in Europa. Hosni Bey ist nur über WhatsApp erreichbar: "Es gibt viele Gründe, warum ich nicht in Libyen bin. Der wichtigste ist, dass ich mit keiner Seite in Verbindung gebracht werden will. Ich stamme aus Benghazi. Aber wenn ich in Benghazi bin, glauben die Leute in Tripolis, ich sei für Haftar. Und wenn ich in Tripolis bin, meinen die Leute in Benghazi, ich stünde der international anerkannten Regierung, den Muslimbrüdern und den Milizen nahe. Manchmal reise ich für kurze Zeit nach Libyen, aber ich will von keiner Seite vereinnahmt werden. Ich bin gegen die Milizen, aber ich bin auch gegen einen Militärstaat und eine Diktatur. Wir haben 40 Jahre Diktatur hinter uns - die will ich nicht wiederhaben."

Die libysche Küstenwache patrouilliert im Mittelmeer und versucht Migranten an der Flucht zu hindern. (Deutschlandradio / Anne Allmeling)Die libysche Küstenwache patrouilliert im Mittelmeer und bringt die Migranten direkt zurück ins gefährliche Libyen. (Deutschlandradio / Anne Allmeling)

Hosni Bey hat den Familienbetrieb seines Vaters in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Unternehmen ausgebaut, das in zahlreichen Bereichen Geschäfte macht: im Einzelhandel, in der Immobilienbranche und in der Ölindustrie zum Beispiel. Aus der Politik hält sich Hosni Bey heraus. Aber er hat eine klare Meinung:

"Der Krieg in Libyen ist ein Wirtschaftskrieg - kein politischer und auch kein Stammeskrieg, wie es oft heißt."

Die unterschiedlichen Wechselkurse für harte Währung hätten Haftar und seine Verbündeten zum Marsch auf Tripolis veranlasst, meint Bey. Denn Haftar und seine Anhänger im Osten des Landes müssten US-Dollar teuer kaufen, während die Regierung in Tripolis sie für viel weniger Geld bekommt - zumindest, wenn sie sie für Regierungsgeschäfte und Subventionen tauschen.

"Das ist ein Grund für Streit, Konflikt und Krieg. Haftar hat den Krieg ausgerufen, weil die Libysche Zentralbank von den Muslimbrüdern kontrolliert wird - das behauptet er jedenfalls. Tatsächlich stört Haftar aber etwas anderes: Darum, dass er einen Dollar für knapp vier Dinar kaufen muss oder sogar für mehr als vier Dinar auf dem Schwarzmarkt - während die, die auf der Seite der Regierung stehen, einen Dollar schon für gut einen Dinar bekommen. Mit demselben Dinar bekommt die eine Seite also dreimal mehr als die andere."

Um den Krieg zu beenden und künftige Konflikte im Keim zu ersticken, hat Bey einen Vorschlag.

"Der Wechselkurs muss vereinheitlicht werden, und Subventionen sollen nicht in Form von Waren, sondern in Form von Geld verteilt werden. Sonst wird es immer einen Grund geben, weiter Krieg zu führen."

Eine Möglichkeit wäre, den Schwarzmarkt zu zerschlagen, doch das könnte nur ein Staat, der funktioniert - mit Kräften, die dem Staat unterstehen, und nicht mit Milizenchefs. Ohne staatliche Ordnung ist es selbst für erfolgreiche Unternehmer wie Hosni Bey schwierig, in Libyen Geschäfte zu machen. Schon die Einreise ist ein Risiko: Seit Anfang September ist der Flughafen Mitiga in Tripolis fast durchgehend geschlossen - weil er immer wieder beschossen wird.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk