Fragen und Antworten
Libyen erlebt eine Starkregen-Katastrophe "epischen Ausmaßes" - die Hintergründe

Libyen erlebt infolge eines Starkregenereignisses eine Katastrophe, die es in den vergangenen Jahrzehnten so noch nicht gegeben hat. Dreimal so viel Regen wie 2021 im Ahrtal gingen in dem nordafrikanischen Wüstenstaat nieder. Eine WHO-Vertreterin sprach von einer Katastrophe "epischen Ausmaßes". Die politische Situation in dem Land verkompliziert die Lage zusätzlich. Hier einige Fragen und Antworten.

21.09.2023
    Libyen, Darna: Straßen sind nach Überschwemmungen zerstört.
    In Darna hat eine Fluwelle ganze Stadtteile ins Meer gespült. (Jamal Alkomaty/AP/dpa)

    Wie ist die aktuelle Lage?

    Die Zahl der Opfer lässt sich auch nach Tagen noch nicht genauer beziffern. Jüngsten Angaben der Weltgesundheitsorganisation zufolge wurden bisher etwa 4.000 Leichen identifiziert. Der Bürgermeister von Darna, al-Gheithy, befürchtete zwischenzeitlich bis zu 20.000 Tote allein in seiner Stadt..
    Viele Menschen gelten noch als vermisst. Mehr als 40.000 flohen vor den Wassermassen. Der Bereichsleiter Internationale Zusammenarbeit beim Deutschen Roten Kreuz, Johnen, mahnte im Deutschlandfunk zur Vorsicht im Umgang mit diesen Zahlen: Viele Gebiete seien von der Außenwelt abgeschnitten, und es gebe keine funktionierende Verwaltung. Vor der Katastrophe lebten etwa 100.000 Menschen in Darna.
    Auch aus Al-Baida werden Todesopfer gemeldet, ebenso aus den Städten Sussa, Mardsch und Schahatt. Schahatts Stadtverwaltung sprach von rund 20.000 Quadratkilometern überfluteter Gebiete - eine Fläche etwa so groß wie Sachsen-Anhalt. Die Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Harris, bezeichnete die Katastrophe als eine "von epischem Ausmaß".

    Was ist in Libyen passiert?

    Der Mittelmeersturm "Daniel", der zuvor Tod und Zerstörungen in Griechenland, der Türkei und Bulgarien verursacht hatte, sorgte am ersten September-Wochenende auch für ungewöhnlich heftige Regenfälle in dem Wüstenrandgebiet. Die betroffene Region im Osten nahe der Landesgrenze zu Ägypten gilt zwar auch als die regenreichste des Landes, die Ausmaße der Starkregenfälle sind aber zumindest für die vergangenen Jahrzehnte einmalig gewesen. Laut dem ARD-Meteorologen Karsten Schwanke war es stellenweise dreimal so viel Regen wie 2021 bei der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal. Bei der Ahrtal-Flut im Juli 2021 lagen die Niederschlagsmengen zwischen 100 und 200 Liter pro Quadratmeter, mindestens 134 Menschen starben.
    Experten verweisen unter anderem auf den Anstieg der Meerestemperatur als Grund für die Extremwetterlage. Rund vier Grad, erklärte der Meteorologe Christian Herold vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach, sei das Wasser im Mittelmeer derzeit wärmer als normalerweise. "Die hohen Wassertemperaturen heizen auch die Luft auf, die dadurch mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann." Das Tief "Daniel" sei dann auf ein Gebirge getroffen und habe sich dort quasi entladen.
    Der Libyen-Experte von der Uni Gießen, Andreas Dittmann, sagte im Sender "Phoenix", auch wenn man Starkregen-Ereignisse in semi-ariden Gebieten kenne, habe man diese Ausmaße nicht erwartet. Darauf seien keine Bauprojekte ausgerichtet gewesen und auch sonst sei so etwas baulich nicht vorbereitet worden. Selbst kühnste Ingenieure hätten das nicht vorhersehen können, führte der Wissenschaftler aus.

    Wie sieht es derzeit in dem Land aus?

    In den ersten Tagen lagen zahlreiche Leichen in den Straßen. Die meisten wurden zwar schon nach islamischem Brauch innerhalb von 24 Stunden beerdigt, bei anderen gibt es aber keine Angehörigen mehr, die sich zeitnah um eine Bestattung kümmern könnten. In Darna wurden Sammelstellen für Leichen eingerichtet, an denen Überlebende diese identifizieren und dann begraben oder mehr über vermisste Angehörige erfahren können.
    Die Starkregenfälle hatten dazu geführt, dass bei Darna zwei Staudämme brachen. Normalerweise halten sie das Wasser im Flussbett des Wadi Darna, der die Hafenstadt durchquert und ins Mittelmeer mündet. Ganze Stadtteile wurden hier weggeschwemmt. Am Ufer des Flusses sind große Wohnblocks teilweise eingestürzt oder ganz verschwunden. Mehrstöckige Häuser, die zuvor in deutlichem Abstand zum Fluss gestanden hatten, sind unter einer Schlammschicht begraben. Brücken wurden weggespült.
    "Wir haben geschlafen, und als wir aufgewacht sind, haben wir festgestellt, dass das Wasser das Haus eingeschlossen hat", berichtete ein Bewohner der Nachrichtenagentur Reuters: "Wir sind im Haus und versuchen, es zu verlassen." Darna ist bekannt für seine weißen Häuser und Palmgärten. Ein Großteil der Stadt wurde errichtet, als Libyen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Italien besetzt war.
    Videos wie dieses und dieses und Bildergalerien lassen die Ausmaße erahnen.

    Welche Hilfsmaßnahmen gibt es innerhalb Libyens?

    Die Regierung in der Hauptstadt Tripolis sagte Millionenhilfen für die Katastrophengebiete zu - obwohl sie die Gegend nicht kontrolliert. Zwei Milliarden libysche Dinar (rund 384 Millionen Euro) Unterstützung stelle die Regierung unter Ministerpräsident Abdul Hamid Dbaiba bereit, meldete die staatliche libysche Nachrichtenagentur. Damit sollten Wiederaufbaumaßnahmen in betroffenen Gebieten finanziert werden. Flugzeuge mit medizinischem Material, Medikamenten und Leichensäcken wurden nach Bengasi geschickt.

    Welche internationale Hilfe gibt es?

    Hilfsorganisationen wie "Ärzte ohne Grenzen" entsenden Notfallteams. Das deutsche Technische Hilfswerk brachte Lieferungen auf den Weg. Es handelt sich nach Angaben der Organisation um Zelte, Feldbetten, Decken, Isomatten und Stromgeneratoren. Die Arbeiten gestalten sich äußerst schwierig, da ganze Straßenzüge in meterhohem Schlamm versunken sind. Das Deutsche Rote Kreuz plant, Menschen mit sauberem Trinkwasser zu versorgen.
    Die Vereinten Nationen sowie zahlreiche andere Länder wie die USA, Frankreich, Katar, Ägypten und Tunesien boten ihre Hilfe an. Von der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten entsandte Rettungsteams waren nach Angaben der Behörden als eine der ersten im Osten Libyens eingetroffen.

    Wie ist die politische Lage in dem Land?

    Libyen ist nach dem Sturz des langjährigen Diktators Muammar al-Gaddafi 2011 zwischen rivalisierenden Regierungen im Osten und Tripolis im Westen geteilt. Durch den ausgebrochenen Bürgerkrieg wurden vielerorts Infrastruktureinrichtungen vernachlässigt. Während die von der UNO anerkannte Regierung in Tripolis den Westen kontrolliert, steht der Osten des Landes unter der Herrschaft der so genannten Libyschen Nationalen Armee mit ihrem Anführer Chalifa Haftar.
    Der Libyen-Experte Andreas Dittmann betonte allerdings im Deutschlandfunk, dass die Anerkennung der Regierung in Tripolis eine politische Entscheidung des Westens sei, die moralisch nicht einwandfrei sei.

    Was hat die politische Lage mit der Katastrophe zu tun?

    Wolfram Lacher, Libyen-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), sagte im ZDF, die nun gebrochenen Dämme oberhalb von Darna seien lange nicht gewartet worden. Es sei jahrelang nicht ausreichend in die Infrastruktur investiert worden. "Schon Gaddafi hat damals die Stadt dafür bestraft, dass in ihr Aufständische die Waffen ergriffen hatten in den 90er Jahren und nach Gaddafis Sturz 2011 wurde dann jahrelang überhaupt nichts mehr in Infrastruktur investiert", sagte Lacher. Zwar sei in den letzten Jahren immer etwas Geld geflossen, "aber das ging unter anderem in die Taschen von Milizenführern und Kriegsprofiteuren".
    Inzwischen kam es im Land auch zu ersten Protesten. Die Menschen fordern, dass die Verantwortlichen der Katastrophe zur Rechenschaft gezogen werden.

    Könnten Dschihadisten von der Katastrophe profitieren?

    Es wird befürchtet, dass Dschihadisten die katastrophale Lage ausnutzen könnten. Nach dem Sturz Gaddafis wurde Darna zur Bastion islamistischer Extremisten. Das trug mit dazu bei, dass der ostlibysche Kriegsherr Haftar die Herrschaft erringen konnte. Gudrun Harrer, die Expertin für den arabischen und nordafrikanischen Raum bei der österreichischen Zeitung "Der Standard", schreibt: "Ob Bevölkerungen, die bereits am Limit sind, apathisch oder mit Wut auf Katastrophen reagieren, hängt auch davon ab, ob jemand Alternativen anbietet, die bei den verzweifelten Menschen verfangen". In Libyen regiere die Ohnmacht, was erneut radikalen islamistischen und restaurativen Kräften des alten Regimes nützen könnte.

    Warum läuft die Berichterstattung in den Medien so schleppend?

    Manche haben sich in den ersten Tagen nach der Katastrophe gewundert, warum die Berichterstattung in den Medien so schleppend angelaufen ist. Es hatte ein bis zwei Tage gedauert, bis die Nachrichten von der Katastrophe in Deutschland ankamen, während man sonst anderenorts etwa in den USA schon Tage vorher Bescheid weiß, dass ein Sturmtief heranzieht. In einigen Medien taucht Libyen mitunter nur als eine Meldung von vielen auf. Die ARD allerdings zeigte einen "Brennpunkt" zu der Katastrophe in Libyen.
    Grund dafür ist die politische Lage in dem Land. Die Berichterstattung von dort ist mit Gefahren verbunden. In diplomatischen Kreisen gilt Libyen als einer der gefährlichsten Orte weltweit. Viele Medien haben keine Mitarbeiter im Land. Viele Informationen lassen sich somit nicht verifizieren, sind oft unklar und spekulativ. Das und die vergleichsweise geringe Bedeutung Libyens für die internationale Politik trägt dazu bei, dass die Präsenz der Katastrophe weniger ausgeprägt ist.
    Der Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez von der Uni Erfurt sagte im Deutschlandfunk, Libyen sei in Deutschland ein weitgehend medial blinder Fleck. Hierzulande dominierten im Nahen Osten Länder wie Ägypten und Israel. Hafez verweist auf zwei weitere Gründe. So sei die Rolle von Auslandskorrespondenten bei den Medien aus Kostengründen immer weiter zurückgegangen. Schließlich wird die islamische und afrikanische Welt nach Einschätzung von Hafez kulturell vielfach als fremd aufgefasst, was das Interesse an Geschehnissen dort oder auch in anderen Teilen der Welt im Vergleich zum Westen schwächt. ARD-Nahostkorrespondentin Anne Allmeling verweist zudem auf die technischen Schwierigkeiten, die der Zusammenbruch großer Teile der Infrastruktur mit sich gebracht hat. Der Ausfall von Internet und Stromverbindungen erschwerte demnach die Kommunikation.
    Diese Nachricht wurde am 21.09.2023 im Programm Deutschlandfunk gesendet.