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Ljudmila Petruschewskaja: "Das Mädchen aus dem Hotel Metropol"Schreiben gegen die Finsternis

Die Familie als Volksfeinde ausgestoßen, kaum etwas zu essen und häufig kein Dach über dem Kopf: Die große russische Schriftstellerin Ljudmila Petruschewskaja erzählt in ihrem autobiografischen Roman "Das Mädchen aus dem Hotel Metropol", wie man eine Kindheit überlebt, für die das Wort "hart" zu weich ist.

Von Uli Hufen

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Die russische Autorin Ljudmila Petruschewskaja ((c) Anastassia Kazakova)
Der lange Weg vom Kriegskind zur weltberühmten Schriftstellerin ((c) Anastassia Kazakova)
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Die Erzählungen, mit denen Ljudmila Petruschewskaja seit einigen Jahren auch im Westen endlich den Ruhm erlangt hat, der der mittlerweile 81-jährigen Moskauerin schon lange gebührt, beginnen oft mit kurzen, schaurig-schönen Sätzen:

"Eine Frau hasste ihre Nachbarin, mit der sie die Wohnung teilte."

"Es war einmal ein sehr dickes Mädchen, das nicht ins Taxi passte."

Schaurige Präzision

In Petruschewskajas Kindheits- und Jugenderinnerungen, die jetzt unter dem Titel "Das Mädchen aus dem Hotel Metropol" erschienen sind, ist das ganz ähnlich. Das Buch besteht aus knapp drei Dutzend kurzen Erzählungen und die Erzählungen beginnen fast alle mit eben solchen schaurig-schönen, super-präzisen Sätzen. Was zählt sind die Fakten und eine Sprache, der Ljudmila Petruschewskaja jeden noch so leisen Anflug von Sentimentalität und Selbstmitleid ausgetrieben hat. Den Rest dürfen die Leser sich selber denken. Viele dieser Sätze handeln davon, dass es am Elementarsten mangelt:

"Eine Mutter brachte ihr Mädchen in ein Sanatorium für unterernährte Kinder und fuhr wieder weg."

"Ich musste irgendwo untergebracht werden, allein aus dem Grund, damit ich etwas lernte."

"Wie viele obdachlose Kinder ging auch ich tagsüber betteln."

Die Gründe für die Armut und Lebensgefahr, in der Ljudmila Petruschewskaja aufwächst, sind schnell benannt. Sie ergeben sich beinah schon automatisch aus ihrem Geburtsjahr. Petruschewskaja wird 1938 geboren in eine Familie von Intellektuellen und Revolutionären. Sowjetische Elite, worauf schon der Umstand hindeutet, dass sie die ersten Lebensjahre im Hotel Metropol verbringt. Das Hotel befindet sich unweit des Kreml und wurde zu dieser Zeit von führenden Bolschewiki der zweiten Reihe bewohnt.

Sowjetische Elite

Bloß waren eben die späten 30er Jahre eine Zeit, in der große Teile dieser sowjetischen Elite Terror und Repressionen zum Opfer fielen. Darunter viele alte Revolutionäre wie Petruschewskajas Urgroßvater Ilja Weger und seine Familie. Mehrere Familienmitglieder wurden verhaftet, kamen ins Lager oder wurden erschossen. Unter den entsetzlichen Entbehrungen, die der kurz darauf folgende Angriff der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion für fast alle Sowjetbürger mit sich brachte, litten Ausgestoßene wie die Familie von Ljudmila Petruschewskaja doppelt und dreifach. Die Familie wurde zwar aus dem unmittelbar bedrohten Moskau nach Kuibyschew an der Wolga evakuiert, musste dort aber über viele Jahre buchstäblich ums Überleben kämpfen. Während des Krieges und auch in den Hungerjahren danach.

"Im Sommer bat ich um Almosen. Ich bettelte nicht mit ausgestreckter Hand, sondern ging auf fremde Höfe, stellte mich irgendwo neben der Scheune hin … und begann zu singen. Das waren Lieder wie "Auf der Lichtung hinter der Schule", "Auf der Wiese voller Tau", "Über die Brücken von Berlin". Tangos mochte ich nicht. "Die müde Sonne" hasste ich geradezu abgrundtief. Das war ein ausgeleierter Schlager, die Platte wurde jeden Abend im Strokowski-Garten gespielt.

Zur Melodie der "Müden Sonne" tanzten die Verwundeten aus den Lazaretten, verkauften die Dorfweiber am Parkeingang Blumensträuße, verlosch am Himmel langsam das Abendlicht und tauchte tatsächlich die müde Sonne in der Wolga unter. Und wir Kinder fanden dann auf der Straße Köpfe von Dahlien, die auf Draht stecken. Lange quälte mich die Frage, warum auf Draht? Und dann begriff ich: so stabilisierten die Weiber umgeknickte Blumen."

Hungerkünstler

Ljudmila Petruschewskaja läuft dauernd von zu Hause weg, ernährt sich von Abfällen, prügelt sich leidenschaftlich gern, entgeht immer wieder mit Glück und Geschick nackter Gewalt und Lebensgefahr. Die entscheidende Stütze sind ihr von Kindesbeinen an Kunst und Literatur. Sie singt, sie lernt in Kinderheimen vorrevolutionäre Tänze, sie klettert über Feuerleitern ins Opernhaus von Kuibyschew, um eine Vorstellung des Moskauer Bolshoi Theaters zu sehen. Und sie liebt Bücher.

"Als ich noch in Kuibyschew bei meinen Verwandten wohnte, im letzten Jahr der Evakuierung, versuchte meine Baba mich im Zimmer zu halten, indem sie mir auf wunderbare Weise die klassische russische Literatur nacherzählte. … Sie kannte viele Bücher auswendig. … Mein Großvater Nikolai, ihr ehemaliger Mann, konnte als Professor für Linguistik elf Sprachen. Und ich, ihr Enkelkind, ging noch nicht einmal zur Schule, weil ich keine Schuhe besaß."

Wie aus dem unterernährten Mädchen ohne formale Bildung erst eine erfolgreiche Journalistin und dann ganz langsam die weltberühmte Schriftstellerin, Dramatikerin und Sängerin Ljudmila Petruschewskaja wird, das ist eine Geschichte, die ganz nebenbei auch zeigt, wie sehr sich die Sowjetunion und Russland von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verändert haben. Ende der 40er Jahre kehrt Petruschewskaja nach Moskau zurück. Sie wird noch viele Jahre mit ihrer Mutter unter einem Tisch schlafen, während im selben Zimmer der von der Universität gefeuerte Großvater langsam wahnsinnig wird. Aber das Schlimmste ist vorbei: erst der Krieg, dann der Hunger, irgendwann auch die ärgste Armut.

Eine neue Generation

Stalin stirbt und die Petruschewskaja wächst als Vertreterin der Tauwetter-Generation auf: liberal, mutig, aufgeklärt, klassisch gebildet und weitgehend frei von Angst. Dass sie aus einer berühmten Moskauer Intellektuellen-Familie stammt, ist nun kein Kainsmal mehr, sondern gewiss ein Vorteil. Sie studiert Journalismus an der besten Universität des Landes, arbeitet beim Radio, verliebt sich. Und irgendwann beginnt sie, jene mittlerweile klassischen und in alle Weltsprachen übersetzten Erzählungen zu schreiben, in denen es nur so wimmelt von betrunkenen Ehemännern, Müttern, die ihre Kinder hassen, missratenen Söhnen und Töchtern, grausamen Schwiegereltern, verschollenen Verwandten und was die moderne Familienhölle eben noch so zu bieten hat.

Verschärft wurde das alles in der Sowjetunion noch durch den chronischen Mangel an Privatheit, Platz, Geld und Komfort. Doch immer dann, wenn die Finsternis in Petruschewskajas Erzählungen droht Überhand zu nehmen, wird sie urplötzlich von einem gänzlich unerwarteten Akt der Liebe und Menschlichkeit erleuchtet. Oder eben: von Kunst. Wer "Das Mädchen aus dem Hotel Metropol" liest, versteht nicht nur, woher Petruschewskaja diese Weltsicht genommen hat, sondern auch, woher die Kraft kommt, mit der diese erstaunliche Schriftstellerin schon in jungen Jahren beschloss, immer nur die Wahrheit zu schreiben. Koste es was es wolle.

Ljudmila Petruschewkaja: "Das Mädchen aus dem Hotel Metropol: Roman einer Kindheit".
Aus dem Russischen von Antje Leetz
Schöffling Verlag, Frankfurt am Main
256 Seiten, 24.- Euro

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