Seit 04:05 Uhr Radionacht Information

Dienstag, 16.07.2019
 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteInformation und MusikEin Leben als Randfigur26.03.2017

London-Attentäter MasoodEin Leben als Randfigur

Wer war der Mann, der auf der Westminster-Bridge drei Menschen überfuhr und anschließend einen Polizisten tötete? Langsam wird klar: Das Profil des Attentäters von London entspricht nicht dem typischen Schema eines jungen Dschihad-Kriegers.

Von Friedbert Meurer

Polizeiabsperrung in London am Tag nach dem Anschlag (AFP / Niklas Hallen)
Polizeiabsperrung in London am Tag nach dem Anschlag (AFP / Niklas Hallen)
Mehr zum Thema

Europa und der Terror Leben mit der Gefahr

Vereint für Europa Anti-Brexit-Demo in London

Anschlag in London "Im Terrorismus sind Amoktaten eine Strategie geworden"

CSU-Politiker Hans-Peter Uhl "Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit"

Es dauerte einen Tag, bis die britischen Medien seinen Namen nannten. Die Polizei hatte Zeitungen und Rundfunkanstalten gebeten, den Namen erst einmal zurückzuhalten, um in Khalid Masoods Umfeld vordringen zu können. Insgesamt elf Personen wurden festgenommen, zehn davon sind aber schon wieder auf freiem Fuß.

52 Jahre alt, Familienvater, drei Kinder – das ist für die Briten das schockierend Neue. Der Terrorist war nicht jung, idealistisch, oder voller Wut auf Gleichaltrige, weil er in der Schule gemobbt wurde. Es handelt sich um einen gestandenen Mann mittleren Alters.

"Er war sehr freundlich, lachte und scherzte und erzählte, dass er aus Birmingham kommt", berichtet der Besitzer des Hotels in Brighton, in dem Masood die Nacht vor dem Anschlag verbrachte.

Wohlbehütetes Kind aus der Mittelklasse

"Meine Erinnerungen aus der Kindheit an ihn deuten in keiner Weise auf das hin, was diese Woche passiert ist", erinnert sich Scott Watts, der mit Khalid Masood zur Schule ging. "Er war intelligent, fröhlich, sehr höflich. Wir spielten in derselben Fußball- und Rugby-Mannschaft in der Schule."

Khalid Masood wurde als Adrian Elms geboren, die alleinerziehende Mutter heiratete dann zwei Jahre später. Ein wohlbehütetes Kind aus der Mittelklasse, der in Südengland eine gute Schule besuchte – als einziger schwarzer Schüler unter lauter weißen Mitschülern. Nein, er wurde nicht gemobbt, sagt sein Mitschüler Scott Watts.

"Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 beobachtet 3000 gewaltbereite britische Extremisten", gibt die Extremismusforscherin Sara Khan zu bedenken. Masood geriet mit knapp 20 auf die schiefe Bahn. Körperverletzungen, Waffenbesitz, aber nichts davon war mit politischem Fanatismus verbunden. Wie also soll man erkennen, dass er zum fanatischen Massenmörder wird?

2003 war der Täter ein halbes Jahr in Haft, konvertierte dort zum Islam und nannte sich fortan Khalid Masood. Später arbeitete er vier Jahre als Englischlehrer in Saudi-Arabien. Irgendwann war er doch auf dem Radar des Geheimdienstes, möglicherweise durch seine zweite Frau, die als Extremistin galt. Dann wurde Masood wieder von der Liste gestrichen. Er galt sowieso nur als Randfigur.

Debatte um Sicherheitsmaßnahmen

"Die geopolitische Lage und die internationalen Mächte verhindern letzten Endes, dass sich ein politischer Islam mit einer eigenen Identität entwickelt", wendet Rizwaan Sabir von der Universität Liverpool ein. "Wenn sich da nichts ändert, nützen alle Präventivprogramme nichts und können wir noch so viele Poller vor dem Parlament aufstellen."

Die Sicherheitsmaßnahmen vor dem Unterhaus – das ist das zweite große Sicherheitsthema. Der ermordete Polizist Keith Palmer war ein unbewaffneter Bobby. Der frühere Chef der Londoner Polizei Ian Blair hält es für geboten, die Sicherheitsmaßnahmen rund um das Parlament zu überprüfen.

"Ich bin sicher, dass der äußere Sicherheitsbereich überdacht wird.  Im inneren Bereich direkt dahinter stehen immer die bewaffneten Polizeibeamten. Für diesen weichen Außenring hat Keith Palmer mit seinem Leben bezahlt. Das zu prüfen, sind wir seiner Familie schuldig."

Es könnte das Ende der Zeit sein, da die Bobbies vor dem Parlament den Passanten freundlich zuwinken und lächeln und für Selfies bereit sind. Auch die Abgeordneten werden  womöglich nicht mehr eben einmal von ihren Büros oder den Cafés über die Straße zur Abstimmung ins Parlament eilen können.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk