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StartseiteTag für TagLos mir reddn jiddisch!01.08.2013

Los mir reddn jiddisch!

Das Yiddish-Sommerfestival in Weimar

Was heißt Handy auf Jiddisch? Auf dem Yiddish-Summer-Festival in Weimar werden dieses Jahr Kurse in jiddischer Sprache angeboten. Im Mittelalter entstanden, zeigt diese sich durchaus modern.

Von Blanka Weber

Als Klezmermusik boomte, boomte auch Jiddisch.  (dpa / picture alliance / Martin Schutt)
Als Klezmermusik boomte, boomte auch Jiddisch. (dpa / picture alliance / Martin Schutt)
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Wie die Sprache überlebt
Boom einer sterbenden Sprache

"Wos sogt ihr? Ikh ….Ikh hob es, ja?"

Dorothea Greve lehrt normalerweise an der Universität in Hamburg Jiddisch. Doch seit zehn Jahren kommt sie jeden Sommer nach Weimar.

"Sogst du izter…."

Ihre Studentkes – wie es auf Jiddisch heißt, sind meist älter als klassische Studenten, sie kommen mitten aus dem Berufsleben oder sind bereits pensioniert. Manche, wie Anne aus Köln, arbeiten in der Freizeit mit der alten Sprache:

"Ich hab' angefangen Jiddisch zu singen mit einer kleinen Band und ich wollte die Sprache richtig lernen."

Aviva aus Marburg studiert Kulturwissenschaften:

"Ich interessiere mich in letzter zeit für Jiddisch aus mehreren Gründen, aus Identitätsfragen heutzutage, aber auch aus kultureller Perspektive, literarischer, musikalischer. Weil Jiddisch bedeutet nicht nur Musik oder Literatur, sondern das ist eine ganz eigene Welt, die es gilt zu entdecken."

Wenn Dorothea Greve diese ganz eigene Welt mit ihren Studentkes entdecken will, dann arbeitet sie mit Bildern, erklärt die Wortbedeutungen und übt immer wieder den Dialog.

"Klor? Alle Werter hat ihr schont geleient?"

Ob alles schon gelesen ist, fragt sie in die Runde?

Aviva sortiert ihre Wortkarten. Die Sprache macht ihr Spaß, sagt die junge Frau. Auch, wenn dies als Nischensprache und unpopulär gilt. In den 70er-Jahren war das anders und Jiddisch lernen – ein Trend. Und heute? Aviva ist optimistisch:

"Ich hoffe und glaube, dass es jetzt wieder im Kommen ist, aber das ist meine ganz eigene Beobachtung."

Das Interesse, sagt Dozentin Dorothea Greve, ist oftmals auch abhängig von medialen Einflüssen:

"Also als die Serie Holocaust lief, da gab es richtig einen Boom. Als Klezmer boomte, boomte auch Jiddisch. Klezmer boomt inzwischen nicht mehr, ist wieder abgeebbt. Inzwischen denke ich, sind wir auf so einem Plateau gelandet. Die Anzahl Studenten, die ich in meinen Seminaren an der Uni habe, beträgt etwa zwischen 15 – 20 in einer Einführung und dann in fortgeschrittenen Veranstaltungen um die zehn."

Durch Bachelor und Masterstudium würden die Studierenden unter enormemLeistungsdruck stehen und hätte für Extra-Sprachen fast keine Zeit mehr. Es sei denn, Jiddisch ist das Hauptfach.

Manche, sagt Dorothea Greve, würden ihre Liebe für das Jiddisch auch erst nach dem Studium entdecken, andere wiederum eine Promotion zu einem wissenschaftlichen Thema – innerhalb der Germanistik oder Literaturwissenschaft – wagen:

"Es geht um Holocaust natürlich, Holocaust-Lyrik. Es geht um Birobitschan, mal um ein religionswissenschaftliches Thema, viel Geschichte natürlich. Ab und zu kommt ein Richter, der in einem Naziverbrecher-Prozess auf der Richterbank sitzt und Quellen im Original lesen muss. Also, es ist schon spannend."

Es hat sich viel getan, allein im vergangenen Jahrzehnt, Liedtexte zu archivieren, vergessene Lyrik wieder zu entdecken, die Geschichten jener Menschen, die im Ghetto umkamen, aufzuarbeiten. Und heute? Gibt es ein modernes Jiddisch? Dorothea Greve lacht, denn Vokabeln für CD oder Email sind mittlerweile auch etabliert. Über die neuen Wörter entscheidet eine Kommission:

"Und dann gibt es oft die Frage: Wie sogt man auf Jiddisch Wahlwiederholungstaste? Oder was es soll nicht sein. Und dann werden die Experten befragt. Es gibt weltweit eine Gruppe von Jiddisch-Experten, die per Email – also Blitzpost - erreichbar sind und die werden dann angemailt und werden darauf antworten."

Mit einem Blitzbriefl – einer persönlichen Email. Die Vorschläge werden dann gesammelt. Was sich letztendlich durchsetzt, sagt Dorothea Greve, kann niemand vorhersehen. Zum Beispiel beim Wort Handy:

"Wir haben verschiedene Möglichkeiten Handy zu sagen. Die "Mobilke" scheint sich jetzt durchgesetzt zu haben. Mein Kollege aus Argentinien, Peszak Fiszmann, sagte immer Keshene-Telefon, also Taschentelefon."

Angelehnt an das italienische Cellulare gibt es auch noch das jiddische: Celke. Die Musik–CD ist das Kompaktl und Dorothea Greve hält eine CD in die Runde, ein Geschenk von Musikerfreunden:

"Und das hejsst Knackl. Das Kompaktl hejsst Knackl."

Musik sei wichtig beim Sprachelernen. Früher haben etwa zwölf Millionen Menschen Jiddisch gesprochen, heute sind es schätzungsweise zwei Millionen. Auch wer Hebräisch spricht, muss bei Jiddisch zum Erstklässler werden – denn die Buchstaben sind im Laut anders belegt, sagt die Dozentin.

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