Montag, 27. Juni 2022

Louise de Vilmorin: "Belles amours"
Der intrigante Charme der besseren französischen Gesellschaft

Louise de Vilmorin ist Expertin für die Höhenflüge ebenso wie die Abgründe der Liebe. Das Werk der 1969 verstorbenen französischen Autorin wird derzeit neu übersetzt. Ihr Roman „Belles amours“ erzählt vom tragikomischen Ringen zweier Frauenhelden um eine junge, schöne Soldatenwitwe.

Von Christoph Vormweg | 10.03.2022

Die Schriftstellerin Louise de Vilmorin und das Cover ihres Romans „Belles amours“
Liebe, Freundschaft, Eifersucht, Treue – um solche Themen kreist das Werk der 1969 verstorbenen Adeligen Louise de Vilmorin. In die Spitzenklasse der französischen Literatur hat sie es damit nicht geschafft. Doch sind ihre flott und eingängig, zuweilen ironisch erzählten Romane nicht zu unterschätzen. Denn sie erkunden nicht nur die Wonnen, sondern auch die Abgründe der Liebe: von der Selbsttäuschung über Lüge und Verrat bis hin zu den Ritualen der amourösen Schauspielerei und des Fremdgehens. So liegt die Stärke von Louise de Vilmorins 1954 in Paris erschienenem Roman „Belles amours“ in seinem feinen Gespür für die Wankelmütigkeit der Gefühle.

Süffisant desillusionierend

Im Ringen des 30-jährigen Louis Duville und des Mittfünfzigers Monsieur Zaraguirre um eine bildhübsche Soldatenwitwe ist deshalb kaum etwas vorhersehbar. Beide, der wohlhabende Samenhändler aus der Provinz und der reiche Geschäftsmann aus Südamerika, sind geübte Verführer und pflegen ihre Unabhängigkeit. Doch dieses Mal scheint es um mehr zu gehen. Am Tag vor der geplanten Hochzeit von Louis Duville und der Schönen im Herbst 1925 dreht Monsieur Zaraguirre den Spieß um. Hals über Kopf flieht er mit ihr und heiratet sie selbst. Aus der namenlosen Provinzwitwe wird in Südamerika Madame Zaraguirre: eine Frau mit festem sozialem Status.:
„Mme Zaraguirre war durchaus intelligent, aber nicht geistreich, sehr zur Freude ihres Mannes. „Geist beeinträchtigt die Sanftmut der Frauen, oft verlieren sie dadurch ihre Natürlichkeit und werden so anmaßend, dass die Liebe abkühlt. Geist ist Gift für das Begehren“, erklärte er. Was er an Frauen schätzte, waren ihre Füße, ihre Hände, ein unverwechselbares Lächeln, Verspieltheit, die Koketterie, ihr Parfum. Nach und nach machte er aus seiner Ehefrau die Frau, die er liebte, und sie machte ihn zum glücklichsten aller Männer. Er überschüttete sie mit Geschenken, er zeigte sie voller Stolz vor, und je mehr Bewunderung sie erntete, desto mehr liebte er sie.“
Louise de Vilmorin, selbst zwei Mal verheiratet, versteht es, den Blick auf Liebe und Ehe süffisant zu desillusionieren und gleichzeitig mit einem abwechslungsreichen, schlank geschnittenen Plot bestens zu unterhalten. Denn natürlich bekommt der brüskierte Louis Duville die Chance auf Revanche. Nach fünf Jahren Vorzeigeehe fahren die Zaraguirres zusammen nach Europa. Und Madame bleibt zwei Wochen länger, weil ihr eine Freundin unbedingt Paris zeigen will - das angestammte Jagdrevier von Louis Duville.

Rendez-vous mit dem Ex

Für Spannung ist im Roman „Belles amours“ also bis zuletzt gesorgt. Zugleich lanciert Louise de Vilmorin ihre Botschaften für eine größere Gleichberechtigung und Unabhängigkeit der Frauen. Etwa mit dem Hinweis: Ohne vertraute Freundin geht gar nichts. So findet Madame Zaraguirre in Madame Dajeu eine emanzipierte Frau, die ihr die Naivität austreibt. In jedem Fall: Nach einer gemeinsam verbrachten Nacht mit Louis stehen für Madame Zaraguirre die Zeichen auf Neuanfang:
„Eine Frau sollte dem Mann, den sie liebt, in weiser Voraussicht gewisse Opfer bringen, erst recht, wenn er nicht ihr Ehemann ist“, [sagte] Mme Dajeu. „Und vergiss du nicht, dass die Liebe nicht ewig währt. Eine Frau sollte vor allem das Gewissen und das Mitgefühl eines Mannes erobern. Das wird ihn nicht unbedingt davon abhalten, sie zu betrügen, aber so muss er sein Tun wenigstens hinterfragen und wird meistens Skrupel haben, die Betrogene zu verlassen. Damit ist ihre Ehre gerettet. Glaub mir, meine Liebe: Gewinnen heißt, nichts zu verlieren."
Letztlich verbreitet der Roman „Belles amours“ den intriganten Charme der besseren französischen Gesellschaft. In diesem Milieu kannte sich Louise de Vilmorin als betuchte Adelige genau aus. Ihren klugen, dynamisch gebauten, von Patricia Klobusiczky stimmungsvoll und präzis übersetzten Roman kann man als doppelbödig-amüsante sonntägliche Sofalektüre bestens empfehlen. In Fragen der Frauenemanzipation jedoch ist seit seinem Erscheinen Mitte der 1950er Jahre Einiges passiert – auch wenn sich viele der beschriebenen patriarchalen Liebes-Muster offenbar nicht austreiben lassen.
Louise de Vilmorin: „Belles amours“
Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
Dörlemann Verlag, Zürich, 256 Seiten, 22 Euro.