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StartseiteUmwelt und Verbraucher Mit E-Kerosin die Klimawende im Flugverkehr einleiten04.10.2021

Luftfahrt Mit E-Kerosin die Klimawende im Flugverkehr einleiten

Die Flugbranche steht unter Druck. Sie muss die Klimawende einleiten. Doch sind ihr aus finanzieller und technischer Sicht die Hände gebunden. Funktionieren könnte es mit synthetischem Kerosin, sagte Dietrich Brockhagen im Dlf. Er ist Geschäftsführer einer Firma, die diesen Kraftstoff herstellt.

Dietrich Brockhagen im Gespräch mit Georg Ehring

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Flughafen Stuttgart: Ein Flugzeug wird betankt (imago/ )
Mit CO2-neutralem E-Kerosin würden Flugzeuge klimafreundlicher unterwegs sein (imago/ )
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Wenn die Flugbranche eine Zukunft haben soll, dann muss sie klimaverträglich sein. Das ist die Flugbranche derzeit überhaupt nicht. Zum Treibhauseffekt durch Flugbenzin kommen weitere Klimaschäden dazu, die dadurch entstehen, dass die Maschinen in großer Höhe unterwegs sind und Kondensstreifen hinterlassen.

In Werlte im Emsland ist nun am Montag (04.10.2021) eine Anlage in Betrieb genommen worden, in der synthetisches Kerosin hergestellt wird. Es handelt sich um die weltweit erste Anlage zur Produktion dieses CO2-neutralen Treibstoffs. Bauherr der Anlage ist die Organisation "Atmosfair". Deren Geschäftsführer Dietrich Brockhagen sieht im E-Kerosin die einzige Möglichkeit, die Klimawende im Luftverkehr zu schaffen. 

Andere Optionen wie Biokraftstoffe fielen aus, da die Flugzeuge dafür nicht umgebaut werden könnten, sagte Brockhagen im Deutschlandfunk.

Zudem sieht Brockhagen die Branche mit dem Rücken zur Wand. Aus Gesetzgebungsgründen müsste sie dringend in Klimaschutz investieren, aufgrund der hohen Einnahmeverluste in der Pandemie sind ihr aber die Hände gebunden. Investieren müssten eigentlich die Ölkonzerne, die genügend Finanzmittel zur Verfügung hätten. Sie würden auch anfangen, mit E-Kerosin zu arbeiten, seien aber noch längst nicht so weit wie sein Unternehmen, sagte Brockhagen im Dlf.

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Das Interview in voller Länge.

Georg Ehring Was genau passiert in dieser Anlage? 

Dietrich Brockhagen: In der Anlage stellen wir CO2-neutrales Kerosin synthetisch her. Das ist kein Biosprit, so wie man das vielleicht bei grünem Sprit vermutet, sondern das ist Sprit, den wir mit Strom und Wasser und CO2, das wir aus der Luft ziehen, synthetisch herstellen.

Ehring: Und der ist klimaneutral?

Brockhagen: Klimaneutral ist das nicht wirklich, denn die Emissionen verbrennen ja in großer Höhe und da entstehen immer noch Kondensstreifen und Ozonbildungh. Aber er ist erst mal CO2-neutral. Das bedeutet: Wenn der Kraftstoff im Flugzeug verbrennt, dann emittiert er nur so viel CO2, wie vorher bei seiner Herstellung der Atmosphäre entzogen wurde.

Ehring: Wie steht es denn um die Mengen? Ist das schon ein Beitrag zum Klimaschutz, oder ist das eher eine Versuchsanordnung?

Brockhagen: Nein, das ist schon eine Produktionsanlage. Sie können das ganz konkret fassen. Das neue Gesetz der Bundesregierung schreibt ja ab 2026 eine Quote vor für die Beimischung von E-Kerosin und die Gesamtmenge, die dieses neue Gesetz bringen soll (erst in 2026, fünf Jahre von hier), ist nur ungefähr 100mal Größer als das, was wir produzieren. Wir decken schon heute ungefähr ein Prozent von dem ab, was die komplette Industrie in fünf Jahren mal produzieren soll, und das ist gar nicht so schlecht.

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Ehring: Was sind denn genau die Pläne? Wie stark soll synthetischer Kraftstoff künftig den Flugverkehr befeuern?

Brockhagen: Nach dem Wunsch des Gesetzgebers ist das in 2026 eine Quote von 0,5 Prozent, die beigemischt werden soll. Das ist so ähnlich wie bei E10, wie Sie das von der Tankstelle kennen. Da ist ja auch nicht das ganze Benzin Biobenzin, sondern es ist nur eine Beimischung. So soll das beim Kerosin auch werden, in 2026 0,5 Prozent und dann in 2030 zwei Prozent. Wir brauchen aber, denke ich, spätestens 2040 100 Prozent. Das heißt, das müsste danach exponentiell wachsen. Aber so ungefähr soll die Skalierung aussehen.

Schwierige Situation der Luftverkehrsbranche

Ehring: Wie steht es denn um die Bereitschaft der Branche, sich jetzt um Klimaschutz zu kümmern?

Brockhagen: Ich glaube, die Luftverkehrsbranche ist in der schwierigen Situation: Die wissen ganz genau, sie können nicht so weitermachen. Die Gesetzgebung wird immer enger und die Kunden werden immer kritischer. Das heißt, die stehen aus Klimasicht mit dem Rücken zur Wand und wissen, sie müssen sich da umstellen. Auf der anderen Seite: Gerade in der Pandemie ist überhaupt kein Geld da. Das heißt, die sind wirklich eingezwängt in der Ecke, wo sie eigentlich Milliarden investieren müssten, die sie aber überhaupt nicht haben. Deswegen ist das eine ganz schwierige Situation für die Luftfahrtbranche. Wer eigentlich das Geld hat, das sind die großen Ölkonzerne, Shell, Total und so weiter. Die müssten eigentlich investieren. Die fangen auch an, mit E-Kerosin zu arbeiten. Die sind allerdings noch längst nicht so weit wie wir. Das wird noch Jahre dauern, bevor die mal irgendwas produzieren. Die machen das aber leider nicht sauber. Sie können E-Kerosin auch dreckig herstellen mit fossilen CO2-Quellen und dann hilft das dem Klima zwar ein bisschen, aber nicht so richtig.

Ehring: Wer ist bei Ihnen mit im Boot? Mit wem machen Sie das zusammen?

Brockhagen: Die Anlage hat "Atmosfair" selber gebaut. Wir haben eine Schwesterfirma ausgegründet, aber das sind alles Eigenmittel. Wir haben keinerlei öffentliche Förderung bekommen und wir haben selber die ganzen Technologieanbieter beauftragt und die selber zusammengebracht. Für "Atmosfair" war das schon ein großer Schritt, aber wir machen schon Hightech-Projekte im globalen Süden. Wir haben ja schon ganze Dörfer elektrifiziert, in Madagaskar zum Beispiel mit über 10.000 Einwohnern, wo wir Solaranlagen zentral aufgestellt haben am Ortseingang mit Batterie. Wir haben dort Mininetze verlegt und alle Haushalte an den Strom angeschlossen. Wir sind schon technologieerfahren und sind ein Umsetzer der Energiewende. Das war jetzt einfach nur ein Schritt von konventioneller Fotovoltaik und erneuerbaren Energien hin zu Hightech mit Prozessen, hohem Druck und Temperaturen, Katalysatoren, Synthesegasen und so weiter. Das war ein großer Schritt für uns, aber wir haben den aus eigener Kraft gemacht.

Biokraftstoffe fallen wegen Tankproblemen aus

Ehring: Wie kann Fliegen klimaverträglicher werden, abgesehen von synthetischem Benzin? Ist das der Hauptweg?

Brockhagen: Ja, das ist der Hauptweg und eigentlich der einzige, denn Sie müssen sich das so vorstellen: Die Flugzeuge, die heute in Dienst gestellt werden, die heute ihren ersten Flug haben, die werden auch 2050 noch fliegen. So lange sind die Flugzeuge ausgelegt. Das heißt, Sie können die nicht mehr groß umbauen. Sie können da nicht Wasserstofftanks montieren oder so, das geht nicht. Sie können auch nicht die Triebwerke komplett ändern. Das heißt, Sie müssen es schaffen, diese Flugzeuge mit anderen Kraftstoffen zu betreiben. Die Biokraftstoffe fallen aus, die haben viel zu viel Tankprobleme. Es gibt überhaupt nicht ausreichend große Flächen auf der Welt, um das Bio-Kerosin sauber herzustellen. Deswegen ist synthetischer Kraftstoff die einzige Möglichkeit, strombasierte Kraftstoffe ist die einzige Möglichkeit, jetzt in der Zeitschiene, die uns noch bleibt, die Klimawende im Flugverkehr zu schaffen.

Ehring: Solange die Klimawende im Flugverkehr nicht geschafft ist, bieten Sie an, Flüge zu kompensieren. Ist das eine vollständige Kompensation, oder sollte man besser nicht fliegen?

Brockhagen: Man sollte besser nicht fliegen. Die Kompensation ist ja aus Klimaschutzsicht nur eine nachgeordnete Lösung. Der Grundsatz aus Klimasicht ist ja erst mal, Flüge vermeiden, dann CO2 zu reduzieren. Das wäre jetzt mit E-Kerosin, und nur das, was dann übrig bleibt, zu kompensieren. Aber umgekehrt gilt auch: In dem Augenblick, wo Sie schon mal geflogen sind, dann ist Kompensation das einzige, was Ihnen bleibt, und dann wird auf einmal die zweite oder drittbeste Lösung zur besten Lösung. Erst zu fliegen und dann zu sagen, nein, das kompensiere ich jetzt nicht, das ist dann auch kontraproduktiv.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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