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StartseiteBüchermarktSchreiben in postheroischer Zeit 18.01.2021

Lukas Linder und Leonhard Hieronymi Schreiben in postheroischer Zeit

Gleich zwei Protagonisten suchen nach dem Genie. Alles ironisch gebrochen natürlich, denn man befindet sich im postheroischen Zeitalter. Die beiden Nachwuchsautoren Lukas Linder und Leonhard Hieronymi legen jeweils einen neuen Roman vor: "In zwangloser Gesellschaft" und "Der Unvollendete".

Von Miriam Zeh

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Leonhard Hieronymi: "In zwangloser Gesellschaft", Lukas Linder: "Der Unvollendete" Zu sehen sind die beiden Autoren Leonhard Hieronymi und Lukas Linder (Linda Rosa Saal / Dominique Meienberg)
Auf der Suche nach dem Genie: Leonhard Hieronymie und Lukas Linder (Linda Rosa Saal / Dominique Meienberg)
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Wer ein großer Dichter werden will, hat häufig verstorbene Vorbilder vor Augen. Das gilt auch für Anatol. So zu schreiben wie der österreichische Arzt und Autor Arthur Schnitzler und so zu leben wie dessen fragwürdiger Frauenheld Anatol, das wünscht sich auch Lukas Linders Protagonist. Nicht Innovation, sondern Nostalgie ist Programm im zweiten Roman des Schweizer Autors "Der Unvollendete":

"Anatol mochte Friedhöfe. Einerseits war es seiner Meinung nach die Pflicht eines jeden tiefsinnigen Menschen, Friedhöfe zu mögen, andererseits empfand er den Friedhof tatsächlich als einen Ort, den man nicht betreten konnte, ohne augenblicklich zum Philosophen zu werden."

Wer selbst nichts zu erzählen hat, der kann immer noch auf die Strahlkraft der großen Toten hoffen. Von ihrer Aura nährt sich neben Linders schlaffer Schriftstellermime Anatol Fern auch der Ich-Erzähler in Leonhard Hieronymis Debütroman "In zwangloser Gesellschaft". Mit einer wechselnden Gefolgschaft aus recht austauschbaren Freunden und Verwandten bereist er ein Jahr lang die Gräber europäischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller:

"Ich wollte die Gräber finden. Ich wollte wissen, wie nahe man dem Verschwinden wirklich kommen konnte – im Gegenzug wollte ich aber auch die Gräber der seit zweitausend Jahren Unsterblichen besuchen, wie die der römischen Dichter und Philosophen Seneca und Ovid."

Ovid, unauffindbar

Welche Abenteuer bleiben einem bestätigungshungrigen jungen Mann schließlich in diesen postheroischen Zeiten? Seine "Wunderreise", wie Hieronymis vollkommen ungebundener Ich-Erzähler sie selbst nennt, führt ihn ans Grab von Dichter Robert Gernhardt in Frankfurt am Main, zum Grab von Autor Wolfgang Herrndorf in Berlin-Mitte und bis ins südrumänische Konstanza am Schwarzen Meer, wo die letzte Ruhestätte des antiken Literaten Ovid unauffindbar bleibt:

"Angeblich wurde der Scherbenhaufen, auf dem wir standen, vom Vater von Medea gegründet. Und als wir genauer hinsahen und überlegten, erkannten wir, dass es vollkommen ausgeschlossen war, hier irgendwo das Grab von Ovid zu finden, und dass es auch vollkommen ausgeschlossen war, dass Katharina II., Zarin von Russland, hier vor zweihundertfünfzig Jahren noch das Grab hinter Schlingpflanzen entdeckt hatte."

Siegfrieds Lindenbaum

Natürlich ist Leonhard Hieronymis Irrfahrer, ebenso wie der 1987 geborene Autor selbst, ein Ideenprodukt der Postmoderne. Er ist sich seiner Bildungshuberei bewusst, in der Anekdoten und literarische Verdienste der Verstorbenen pedantisch den Erzählfluss stören. Er greift bewusst zu seinen schwülstigen Formulierungen und bedient sich ausgiebig an Realitätseffekten wie der beiläufigen, doch akribisch genauen Bestimmung verschiedener Insekten- und Pflanzenarten. Seit Siegfried dem Drachentöter suchte wohl kein Protagonist der deutschen Literaturgeschichte so häufig Schutz unterm Lindenbaum.

Leonhard Hieronymi: "In zwangloser Gesellschaft" Zu sehen ist das Buchcover (Cover: Verlag Hoffman und Campe)Leonhard Hieronymi: "In zwangloser Gesellschaft" (Cover: Verlag Hoffman und Campe)

Leonhard Hieronymi bürdet seinem unoriginellen Erzähler ein konfuses Konvolut an historischen Verweisen auf, ironisch gebrochen natürlich. Denn in einer poetologischen Schlüsselszene des Romans legt der Erzähler Tarotkarten für die junge deutsche Literatur, insbesondere für ihre männlichen Nachwuchsgenies. Die Offenbarung ist ernüchternd:

"Junge männliche Autoren haben kein waches Drittes Auge. Sie sind unwissend, weil sie zu ernst sind und sich vollkommen mit ihrem eigenen Denken und Handeln identifizieren."

Ein Erzähler an auratischen Orten

Dass hier ein Roman und sein Autor um ihre eigene Unzulänglichkeit wissen, macht wenig besser. "In zwangloser Gesellschaft" von Leonhard Hieronymi erstarrt in nostalgisch-pathetischer Pose, nur satirisch gebrochen, also mit Ankündigung. Einziger bequemer Ausweg sind Lachanfälle. Sie überfallen den hilflosen Erzähler immer wieder an den auratischen Orten. Und enttäuschend konsequent steht denn auch Gelächter am Ende seiner Gräberfahrt, Gelächter und die vage Hoffnung auf eine Apokalypse, als könne bis dahin sowieso keine bedeutungstragende Literatur mehr geschrieben werden:

"Kurz lachten wir gemeinsam über den Kitsch und die Rituale, denen sich die Menschen hingaben. Aber dann dachten wir wieder an die Schwämme, die schon bald das Meer austrinken würden."

Anatol und die Liebe

Ein ähnlich starres Schicksal ereilt den Protagonisten in Lukas Linders Roman "Der Unvollendete". Wie Leonhard Hieronymi erzählt der 1984 geborene Linder von einer Suche, auch wenn sein Anatol Fern dabei ungleich mehr leidet. Sein erster Roman bleibt erfolglos. Er verliert selbst den notdürftigen Nebenjob im Pflegeheim. Seine Angebetete Bernadette erweist sich, wie überhaupt alle Frauenfiguren in diesem Buch, als rücksichtslos. Und als die dann auch noch kurzerhand seine Wohnung untervermietet, muss Anatol, der zu feige ist zu widersprechen, bei seinem Vater einziehen. Dabei sind Anatols Wünsche bescheiden, wenn auch reichlich verklärt:        

"Er sehnte sich nach Liebe, körperlich oder geistig, völlig egal, er war bereit, alles zu nehmen. Er hatte das Bedürfnis, jemandem seine Wunden zu zeigen. Doch er hatte keine Wunden. Alles, was er hatte, war eine ansehnliche Portion Selbstmitleid und ein Werk mit dem Titel ‚Graues Brot‘."

Facebook der Pilze

Was so klingt, kann eigentlich nur Satire sein. Und als solche entpuppt sich der titelgebend "unvollendete" Anatol auch alsbald. Nachdem ihn nichts mehr in der Schweiz hält, erfüllt er dem kauzigen 98-jährigen Pflegeheim-Bewohner Gustav Gustav seinen letzten Wunsch. Auf einem großen Mykologen-Kongress im polnischen Lodz stellt Anatol die angeblich revolutionäre Erkenntnisse des ehemaligen Biologie-Professors vor. Das "Facebook der Pilze" will Gustav entdeckt haben, ein transzendentes Kommunikationssystem, das alle Lebewesen miteinander verbindet.

Lukas Linder: "Der Unvollendete" Zu sehen ist das Buchcover: Der gezeichnete Schatten eines jungen Mannes, der an eine Wand geworfen wird. (Cover: Verlag Kein & Aber)Lukas Linder: "Der Unvollendete" (Cover: Verlag Kein & Aber)

Auf Anatols ersten Blick zeigt sich das anwesende Fachpublikum dieser Idee aufgeschlossen, zumal der Angereiste nach Zuspruch lechzt:

"Es folgte die schönste Kaffeepause seines Lebens. Verschiedene Leute kamen auf ihn zu, ja was heißt da: kamen? Sie stürmten regelrecht auf ihn los, um ihm zu gratulieren. Ein kleiner Mann mit Glatze wollte wissen, ob Anatol ihm den Text per Mail schicken könne. 'Wie lautet Ihre Adresse', schmetterte Anatol. Eine Frau fragte, wann er habilitiert werde. 'Im Oktober', antwortete Anatol. Ein Dritter erkundigte sich, wo der Zucker sei, 'da drüben', informierte Anatol."

Es helfen weder Pathos noch Ironie

Etwas später als die zuhörenden Fachgäste erkennt jedoch auch Anatol, dass der Vortrag des verwirrten Alt-Professors eine Farce war. Damit ist Anatol wieder dieselbe ziel- und erfolglose Existenz wie zuvor, beschließt nur vorerst in Lodz zu bleiben. Er müht sich weiterhin am Schreiben, zieht als Geläuterter allerdings seine Schlüsse aus seinem Missgeschick:

"Immer deutlicher spürte er die Künstlichkeit in allem, was er tat. Er führte hier ein Theater auf, wobei er selbst nicht nur der Schauspieler, sondern auch der Zuschauer war, den es hinzureißen galt. Kaum hatte er das erkannt, wurde er endgültig zum Zyniker, der zu allem, was geschah, eine ironische Distanz einnahm."

Auch hier bietet die bloße Erkenntnis dem schreibenden Anti-Helden vorerst keinen Ausweg aus der eigenen Unzulänglichkeit. Denn ebenso wenig wie Pathos führt die Ironie ihn weiter. Zwar stellt uns Linder am Ende seines Romans nicht nur Gelächter und Apokalypse, sondern einen fulminanten Bestseller über Pilze aus der Feder von Anatol Fern in Aussicht. Bevor man jedoch daraus wieder Hoffnung für die männliche Schaffenskraft in der jungen deutschsprachigen Literatur schöpfen will, soll er uns den erstmal zu lesen geben.

Leonhard Hieronymi: "In zwangloser Gesellschaft"
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 240 Seiten, 24 Euro.

Lukas Lindner: "Der Unvollendete"
Kein & Aber Verlag, Zürich, 288 Seiten, 22 Euro.

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