Mittwoch, 29.01.2020
 
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Luther und die Dlf-NachrichtenDanke, Martin!

Alle verneigen sich gerade vor Martin Luther. Das will auch die Dlf-Nachrichtenredaktion versuchen. Und es gelingt uns, zumindest so in etwa. Aber, lesen Sie selbst.

Von Marco Bertolaso

Magneten mit dem Porträt Martin Luthers aus einem Cranach-Gemälde liegen am 25.09.2015 im Lutherhaus in Eisenach (Thüringen) auf einem Tisch. (dpa/picture-alliance/Sebastian Kahnert)
Magneten mit dem Porträt Martin Luthers aus einem Cranach-Gemälde liegen am 25.09.2015 im Lutherhaus in Eisenach (Thüringen) auf einem Tisch. (dpa/picture-alliance/Sebastian Kahnert)

Martin Luther hat sich um die Deutschlandfunk-Nachrichten verdient gemacht. Also nicht wegen der zahllosen Meldungen, die uns im Luther-Jahr und wegen desselben erreichen. Wir haben auch so genug Themen, um unsere Sendungen zu füllen. Und, Hand aufs Herz: vieles was da so in Sachen Reformationsjubeljahr gemeldet wird, ist entweder belanglos oder PR. Manchmal ist es auch beides.

Wir gedenken des widerspenstigen Mönches auch nicht deshalb, weil er Toleranz gegenüber den Juden gepredigt oder weil er sich im Bauernkrieg auf die Seite der Schwachen geschlagen hätte. Das tat der gefühlte Heilige der Protestanten nämlich nicht. Ganz im Gegenteil.

Standarddeutsch hilft beim bundesweiten Auftrag

Wir erinnern uns an ihn aus einem ganz anderen Grund: "Acht Uhr, Deutschlandfunk, die Nachrichten" – das versteht heute jede Frau und jedermann im ganzen Land. Wenn wir gute Arbeit beim Denken und Schreiben geleistet haben, dann verstehen die Menschen sogar den Rest der Sendung, und zwar von Borkum bis Berchtesgaden. Denn, in Deutschland gibt es eine einheitliche Hochsprache.

Gut, werden Sie sagen, oder "jot" oder "guad", was ist denn mit unseren Dialekten? "Korrekt, Alter, ich schwör!", könnten Sie entgegnen, wenn Sie an die Jugend- und Milieusprachen denken. Klar, da haben Sie schon Recht. Aber die meisten hierzulande sind zumindest nebenberuflich mit dem Hochdeutschen vertraut.

Timing und PR

Das ist ziemlich wichtig für uns, die wir alle Menschen in Deutschland mit Nachrichten versorgen wollen, egal wo sie leben. Genau da kommt Martin Luther ins Spiel. Er war zwar nicht der erste, der die Bibel ins Deutsche übersetzte. Aber seine Übertragung war besonders erfolgreich. Es ist wie heute: es reicht nicht eine Erfindung an sich. Der rechte Zeitpunkt und eine starke Öffentlichkeitsarbeit, die zählen mindestens genauso gut.

In der PR war Luther stark und das Timing war ziemlich günstig für ihn, der nicht gerade der erste Reformator war. Man denke nur an John Wyclif - nein, nicht an Wyclef Jean - oder an Jan Hus, die es deutlich früher versucht hatten. Wyclif war, Ironie am Rande, übrigens Ende des 14. Jahrhunderts Pfarrer im englischen Lutterworth. Vielleicht ja ein Omen.

Die mediale Revolution des späten Mittelalters

Doch auch Timing und PR hätten noch nicht gereicht. Johannes Gutenberg – nicht Guttenberg - hatte passenderweise den Buchdruck erfunden. Das war die mediale Revolution des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, vergleichbar mit der Erfindung von Internet, Smartphone und Sozialen Medien zusammen. Das ermöglichte Luther Verbreitung, Reichweite und Wirkung.

So wurde dann Luthers Bibel in deutscher Sprache zum Bestseller, wie heute Stephen King, Harry Potter oder das monatliche Programmheft unseres Senders. Diejenigen Fürsten - so hießen früher die Ministerpräsidenten -, denen der Kampf gegen die römische Kirche politisch in den Kram passte, unterstützten Luther und mit ihm den Siegeszug einer einigermaßen einheitlichen Sprache.

Auch die Reformation - Phänomen einer Macho-Gesellschaft

Hat da jemand gefragt: "Fürsten? Gab es keine Fürstinnen?" Nein, das war damals nicht üblich. Mal abgesehen von Kaiserin Theophanu im 10. Jahrhundert und Angela Merkel im 21. Jahrhundert gab es in Deutschland nicht so viele Chefinnen. Luther, sorry EKD, war kein Feminist. Dabei wäre er nicht "der Luther" geworden, hätte er nicht Katharina von Bora an seiner Seite gehabt, die ihn gemanagt hat und sich auch um die Finanzen kümmern musste.

Ob der Reformator der Gesellschaft einen Gefallen getan hat, das ist umstritten. Manch eine und manch einer sagt, dass er eine korrupte und taumelnde Kirche durch Spaltung gerettet hat. Ergebnis waren weitere 500 Jahre Wartezeit bis zu einer säkularen Gesellschaft.

Abschließend das Wetter

Uns in der Deutschlandfunk-Nachrichtenredaktion hat Martin Luther aber einen echten Dienst erwiesen. Ohne ihn müssten wir den Wetterbericht auf Friesisch, Schwäbisch, auf Kölsch und Plattdeutsch, auf Sächsisch und Moselfränkisch und in vielen, vielen anderen Sprachen schreiben. Und wenn es ganz hart gekommen wäre, dann – horribile dictu – dann schrieben wir die Vorhersage auf Latein, auch wenn das Wetter davon nicht besser würde.

Dafür danke ich Martin Luther, denn trotz großen Latinums würde ich das heute wirklich nicht mehr schaffen. Und dann ist auch gut mit dem Reformationsjahr.

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