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Luxemburg schafft Schulfach Religion abNeuer Werteunterricht soll Toleranz fördern

Luxemburg hat den Religionsunterricht an weiterführenden Schulen abgeschafft. Stattdessen gibt es einen einheitlichen Werteunterricht namens „Leben und Gesellschaft“. In dem neuen Fach werden Schüler unterschiedlicher Glaubensrichtungen gemeinsam unterrichtet. Dadurch soll die Toleranz gegenüber anderen Religionen gefördert werden.

Von Tonia Koch | 13.10.2016

Ein Schüler in einem Klassenzimmer zeigt auf.
In Luxemburg ist das neue Fach „Leben und Gesellschaft“ verpflichtend und soll Schüler unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften zusammenführen. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
Jutta Ruhrmann spielt eine Filmsequenz über Stephen Hawking ein. Auf dem Stundenplan der 11. Klasse des Robert Schuman Gymnasiums in Luxemburg Stadt steht das Thema Menschen nach Maß. Es geht um Eugenik, um Auslese, um Menschen wie den Wissenschaftler, die nicht der allgemeinen Norm entsprechen.
Das Thema, das im Rahmen des neu entwickelten Unterrichtsfachs Leben und Gesellschaft diskutiert wird, weckt das Interesse der 16/17-jährigen Schülerinnen und Schüler: "Dass wir über Stephen Hawking reden, ist schon eine Änderung, das hat ja gar nichts mehr mit Religion zu tun. Also ich würde sagen, dass es schon anders ist, aber auch nicht komplett anders, weil wir auch im Religionsunterricht die Werte behandelt haben, weil der Religionsunterricht nicht strikt auf Religion basiert war, sondern ziemlich offen für alles", sagt eine Schülerin.
Bildungsminister will Schule gesellschaftlichen Realitäten anpassen
Claire Winbomont und Selin Millim sind zwei ehemalige Religionsschülerinnen. Für sie ist der Weg hin zum Werteunterricht etwas weiter, als für die Ethikschüler, glaubt Myriam Mehanovic: "Für Schüler, die von Anfang an Ethikunterricht hatten, ist das keine große Veränderung."
Die Zahl der Ethik-Schüler war im Sekundarbereich ohnehin relativ hoch, weil bis zum Ende des vergangen Schuljahres in luxemburgischen Schulen ausschließlich katholische Religionslehre angeboten wurde. Und künftig werde es nicht darum gehen, das Thema Religion aus der Schule zu verbannen, argumentiert die Lehrerin Jutta Ruhrmann.
"Im Gegenteil, wir bringen in diesem Unterricht die Religionen zusammen für alle Schüler und diskutieren mit diesen Schülern, die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften angehören, die gesellschaftlich relevanten Themen. Und dann wird es eben erst spannend, wenn wir sie trennen, dann diskutieren sie unter sich und haben nicht den Input von denen, die anders denkend sind."
Auch der liberale Bildungsminister, Claude Meisch, der mit der Regierung eines der großen luxemburgischen Reformthemen, die Trennung von Kirche und Staat auf den Weg gebracht hat, möchte keine religiösen Analphabeten erziehen, sondern die Schule an die gesellschaftlichen Realitäten anpassen.
Unterschiedliche Denk- und Glaubensrichtungen zusammenführen
"Wir haben deutlich mehr Religionen im Land und wir haben einen sehr starken Bevölkerungsanteil der sagt, mit Religion habe ich nichts am Hut. Und es ist Aufgabe der öffentlichen Schule, dass wir eine neue Generation heranwachsen lassen, die damit umzugehen weiß, dass es unterschiedliche Denkrichtungen gibt und unterschiedliche Glaubensrichtungen und die mit Toleranz und Respekt daran geht, das erreicht man nur, wenn man Kinder und Jugendliche zusammenführt anstatt sie wie es bisher zu trennen", sagt Meisch.
Deshalb habe er die Forderung nach einer Wahlmöglichkeit: Religionsunterricht oder Werteunterricht abgelehnt, sagt Meisch: "Wir hätten auch sicherlich - hätten wir diesen Schritt jetzt nicht gemacht - irgendwann eine Situation gehabt, wo wir nicht nur den katholischen Religionsunterricht angeboten hätten sondern auch anderen Religionen gleichermaßen hätten Zugang verschaffen müssen zu unseren öffentlichen Schulen und das wollte diese Regierung auf alle Fälle verhindern."
Umstellung in Grundschulen steht noch aus
Anders als Im Sekundarbereich steht in der Grundschule eine Umstellung von katholischer Religionslehre auf das neue Fach: Leben und Gesellschaft noch aus. Und im Gegensatz zu den weiterführenden Schulen sind die Religionslehrer in den Grundschulen Angestellte des Bistums. Der Bildungsminister hat angeboten die von der Umstellung betroffenen 150 Religionslehrer in den Staatsdienst zu übernehmen. Wer jedoch weiter an den Grundschulen unterrichten möchte, muss zunächst eine berufsbegleitende Ausbildung an der Universität absolvieren.