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StartseiteInterview"Männer, die sich grandios fühlen, haben meist nicht viel zu sagen"17.11.2019

Männer- und Gewaltforschung"Männer, die sich grandios fühlen, haben meist nicht viel zu sagen"

Das Werk "Männerphantasien", das nun neu erscheint, gilt als Auftakt der Männerforschung. Früher wie heute gebe es Männer, die aus Angst vor dem Zusammenbruch Gewalt ausübten, sagte Kulturhistoriker Klaus Theweleit im Dlf. "Attentäter handeln nicht aus der Position der Stärke, sondern aus Angst."

Klaus Theweleit im Gespräch mit Michael Köhler

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Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Klaus Theweleit bei der Gespraechsreihe Geschichtsraeume im Maxim Gorki Theater in Berlin (picture-alliance/dpa/Eventpress Hoensch)
In der männlich dominierten, hierachischen Welt gebe es einen Faschismus, ohne dass das eine politisch faschistische Struktur sein müsse, sagte Autor Klaus Theweleit im Dlf. (picture-alliance/dpa/Eventpress Hoensch)
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Solange Gesellschaften hierarchisch stukturiert seien, lasse sich Gleichheit nicht herstellen, sagte Kulturhistoriker Klaus Theweleit im Dlf. Diese bräuchte es aber zum Abbau gesellschaftlicher Gewalt. "Frauen sind in der Geschichte nicht etwa immer gleichberechtigter geworden, sondern immer weiter, immer unten und außerhalb von vielen gesellschaftlichen Tätigkeiten angesiedelt worden."

Das habe sich erst mit Beginn der ersten Frauenbewegung rund um 1900 begonnen zu ändern und "ganz massiv nach dem Zweiten Weltkrieg." Erst danach habe es Einschnitte in die hierachischen Strukturen gegeben und damit einen Prozess der Gleichberechtigung auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft. "Der strukturelle Faschismus in den patriachalen Familienstrukturen nimmt weiter ab", erläuterte Theweleit.

Der gepanzerte Mann

In der männlich dominierten, hierachischen Welt gebe es einen Faschismus, ohne dass das eine politisch faschistische Struktur sein müsse. "Faschismus ist nicht einfach eine Politik oder Ideologie, sondern der Zustand bestimmter Körper, die nicht anders können, als sich in der Realität durchzusetzen mit Gewalt. Die mündet in Tötungsgewalt. Und da beginnt der wirkliche Rechtsextremismus."

Männer hätten einen solch gebrochenen, fragmentierten Körper durch Eingriffe von außen, durch Prügel, Erniedrigung, Nicht-Kümmern bekommen - vor allem in der Vorgeschichte des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik. "Wenn man Männner als die herrschende Kaste beschreiben will, in dieser Kultur jedenfalls gegenüber Frauen, Kindern, Ausländern, Andersrassigen, muss man dazu sagen, dass diese Männlichkeit selber in ihrem Aufwachsen weitgehend zer- oder besser gestört wird. Die meisten Männer, die sich grandios fühlen, sind ja gesellschaftlich ohnmächtig und haben nicht viel zu sagen."

Was daraus resultiere, sei ein Fragmentkörper, ein Leben mit Ängsten. "Sie panzern sich gegen die Angst und leben diese Panzergewalt nach außen aus, um diesem Körper eine nachträgliche Ganzheit hinzuzufügen. Und wo das der Fall ist, können wir von Faschismus sprechen, ohne dass das eine politisch faschistische Struktur sein muss." 

Gewaltabbau nur über Beziehung auf Augenhöhe

Früher wie heute gebe es diese Formen der Verpanzerung. Viele lebten in dem brüchigen Fragment mit der Angst vor dem Zusammenbruch und versuchten, sich mit ihrer Tat daraus zu retten. Attentäter etwa nehmen auch ihre eigene Auslöschung in Kauf. "Attentäter handeln nicht aus der Position der Stärke, sondern aus der Position von Angst." Heute sei es leichter, an Waffen zu kommen, es gebe eine bessere elektronische Vernetzung und es gebe klare Belege, dass fast alle Attentäter sich immer an Taten von Vorgängern orientieren. Wie auch in Halle.

Wie kann man einen solchen Konflikt auflösen? "Solange Gesellschaften hierarchisch, also von oben nach unten strukturiert sind, lässt sich Gleichheit nicht herstellen", stellte Theweleit klar. Der Fragmentkörper halte Gleichheit prinzipiell nicht aus. "Dafür bräuchte man eine gleiche Ebene von Beziehung, eine Beziehung auf Augenhöhe. Dazu sind bestimmte Männer nicht fähig." Das könnten sie mühsam und beständig durch freundliche Beziehungen lernen, welche aber erstmal verlässlich gefunden werden müssten - in Freundschaften, in Vereinen, in Nachbarschaften oder Liebesbeziehungen. "Sobald so etwas passiert, verändern sich Körper und das Denken. Und das sind die einzigen Wege zum Abbau von gesellschaftlicher Gewalt."

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